Zehn-Tage-Frist zum Räumen: Der Regierung rennt die Zeit davon

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Vor der Fußball-WM in Brasilien : Mit Kriegsbemalung gegen Schlagstöcke
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Wenige Tage nach der Polizeibelagerung stehen im Inneren des verfallenen Gebäudes Zelte auf dem verkratzten Kachelboden. Junge Leute sitzen an Computern, um per Facebook über die Situation zu informieren. In einem riesigen Raum porträtiert ein Fotograf die Indianer mit Pfeil und Bogen. Er arbeite an einem Buch über die Vertriebenen von Rio, sagt er. An den grünen Wänden kleben historische Fotos und prangen Durchhalteparolen: „Man bringt ein Volk um, indem man ihm seine Kultur raubt.“

Auf einem Treppenaufgang sitzt Garapira Pataxo mit prächtigem Federschmuck. Der Kunsthandwerker stammt aus Bahia, im Gesicht trägt er eine wilde Bemalung. In der Rechten hält der 37-Jährige ein Smartphone, in der Linken den Schlüssel seines Renault. Er sagt: „Wohin sollen wir in Rio gehen? Die Stadt ist sehr teuer geworden. Hier ist unser Platz. Wir möchten den Besuchern der WM unsere Kunst verkaufen.“ Widerstand gegen den Abriss kommt nun auch aus den staatlichen Institutionen. Zwei Denkmalschutzbehörden opponieren gegen den Beschluss, sie fühlen sich übergangen. Nun prüft die Unesco, ob das Museum nicht Teil des Weltkulturerbes sei, als das sie Rio „zwischen Bergen und Meer“ ziemlich schwammig deklariert hat.

Die Landesregierung von Rio de Janeiro scheint das bisher nicht zu beeindrucken. Die Gelder für den Abriss des Indianermuseums sind bereits bewilligt worden. Den Besetzern um Häuptling Tucano wurde vergangenen Freitag der Räumungsbeschluss mit einer zehntägigen Frist zum Verlassen des Geländes zugestellt. Der Regierung rennt offenbar die Zeit davon. Die Brasilianer müssen das Maracana-Stadion am 28. Mai der Fifa übergeben, bereits für den 2. Juni ist das Einweihungsspiel gegen England geplant. Und am 15. Juni startet in Brasilien der Confederations-Cup.

WM-Stadien im Bau
In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf die WM 2014, wenn auch nur langsam.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: dpa
05.01.2013 14:24In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf...

Anstelle des Indianermuseums soll ein Parkplatz entstehen. Dieser könnte nicht nur dem Maracana, sondern auch einem Shoppingcenter dienen, das der reichste Mann Brasiliens, Eike Batista, möglicherweise neben dem Stadion plant. Batista und Gouverneur Cabral sind Freunde. Der Unternehmer lieh dem Politiker schon sein Privatflugzeug. Derselbe Batista konkurriert auch um den Betrieb des Maracana-Stadions. Es wird wie andere brasilianische Stadien nach seiner Fertigstellung privatisiert. Den Umbau des Stadions finanzieren die Steuerzahler mit umgerechnet rund 350 Millionen Euro, der neue Betreiber erhält es dann für 2,5 Millionen Euro im Jahr – viel zu wenig, wie Kritiker monieren. Allerdings ermittelt bereits die Justiz gegen die Ausschreibungsbedingungen. Die Machbarkeitsstudie wurde von Batistas Firma IMX besorgt, die nun die besten Chancen auf die Übernahme des Stadions hat.

Die ersten Verlierer des Konflikts stehen bereits fest: Zwei Arbeiter von der Maracana-Baustelle solidarisierten sich spontan mit den Indianern. Als sie zu ihrer Arbeit zurückkehren wollten, wurden sie entlassen.

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