Sport : Vor der Stunde Null

Das EM-Aus droht und die Türkei sehnt sich nach einem radikalen Neuanfang

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Gescheitert. Der Niederländer Guus Hiddink sollte die Türkei zur EM führen – jetzt muss er wohl gehen. Foto: dpa
Gescheitert. Der Niederländer Guus Hiddink sollte die Türkei zur EM führen – jetzt muss er wohl gehen. Foto: dpaFoto: dpa

Guus Hiddink bleibt realistisch, auch wenn es bitter ist. „Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werde ich mein Ziel verfehlen“, sagte der niederländische Nationaltrainer der Türkei vor dem heutigen EM-Play-off-Spiel seiner Mannschaft gegen Kroatien in Zagreb. Nach nur anderthalb Jahren im Amt steht Hiddink vor dem Aus – und der türkische Fußball vor einer Art Stunde Null. Seit der 0:3-Heimniederlage gegen die Kroaten im Hinspiel vergangene Woche gibt es für die Fußball-Nationalmannschaft der Türkei kaum noch eine Chance auf Teilnahme an der Europameisterschaft im kommenden Jahr. Es gilt als sicher, dass Hiddink entlassen wird. Hinter den Kulissen soll schon das Geschacher über seine Abfindung begonnen haben.

Erst im Sommer vergangenen Jahres hatte Hiddink als erster Ausländer den Posten des türkischen Nationaltrainers angetreten. Nach der verpassten Qualifikation für die WM 2010 sollte er die Türkei zur EM 2012 und zur WM 2014 führen. Favorit für die Nachfolge ist Abdullah Avci, Trainer des wenig bekannten Istanbuler Vereins IBB, der im Schatten der großen Klubs Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray steht, sich in der ersten Liga als Tabellenvierter aber wacker hält. Avci ist hoch angesehen, weil er als Trainer der Jugend-Nationalmannschaft internationale Erfolge feiern konnte. Auch der Trainer von Bursaspor, Ertugrul Salman, und der frühere deutsche Bundestrainer Berti Vogts werden als möglichen Hiddink-Nachfolger gehandelt.

Wichtiger als der Name des neuen Trainers ist nach Meinung vieler Experten ein radikaler Bruch mit der Spielweise der Vergangenheit. „Wir brauchen kein Pflaster, wir brauchen eine ernsthafte Therapie“, sagte Mert Aydin vom Sportkanal NTV Spor. Zu viele altgediente Spieler und fehlende taktische Disziplin sind nur zwei der Probleme. Anders als Joachim Löw in Deutschland konnte Hiddink in der Türkei bei der Suche nach neuen Talenten zudem kaum auf die landeseigene Nachwuchsarbeit zurückgreifen. Die Ausbildungsabteilung beim Fußballverband TFF arbeitet wenig zielgerichtet und wurde innerhalb von fünf Jahren fünfmal umgekrempelt.

Hiddinks Nachfolger wird immerhin den Vorteil haben, dass alle den Bankrott des bisherigen Systems vor Augen haben. Die Frage ist, ob die emotionalen türkischen Fans die nötige Geduld für einen ruhigen Neubeginn aufbringen werden.

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