Weltrekord-Serie bei der Schwimm-WM : Geht da alles mit rechten Dingen zu?

Bei der Schwimm-WM in Kasan fallen serienweise Weltrekorde, die eigentlich unerreichbar schienen – das wirft Fragen auf.

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Zeitenwende. Die Amerikanerin Katie Ledecky stellte einen neuen Weltrekord über 1500 Meter Freistil auf.
Zeitenwende. Die Amerikanerin Katie Ledecky stellte einen neuen Weltrekord über 1500 Meter Freistil auf.Foto: AFP/Bureau

Es hätte ein nettes Wiedersehen werden können. Da hatte Julia Jefimowa gerade das Finale über 100 Meter Brust gewonnen – sieben Zehntelsekunden vor Ruta Meilutyte. Einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der jungen Litauerin, die die 16-monatige Dopingsperre von Jefimowa im April als „ziemlich kurz“ bezeichnet, „härtere Strafen“ gefordert und Jefimowa aus ihrer persönlichen Liste „ehrlicher Wettkämpfer“ gestrichen hatte, stand also nichts im Wege. Doch die Russin saß alleine auf dem Podium. Als einer fragte, wo Silbermedaillengewinnerin Meilutyte sei, raunte der Interview-Leiter: „Sie ist nicht da. Sie ist bei der Dopingkontrolle.“

Eine lustige Anekdote – in einem gar nicht spaßigen Umfeld. Die Fälle prominenter Dopingsünder im Schwimmsport häufen sich – doch zugleich verkürzte der Schwimm-Weltverband (Fina) bei Jefimowa die übliche Zwei-Jahres-Sperre um acht Monate. Für das an Dopingfällen im Schwimmsport reiche WM-Gastgeberland war das eine gute Nachricht. Russlands Medaillengarantin Jefimowa durfte in Kasan auf den Startblock treten – und gewann prompt über 100 Meter Brust. Genauso wie der Chinese Sun Yang, der am Mittwoch über 800 Meter Freistil sein zweites Gold bei dieser Veranstaltung holte.

Edelmetall gab es am vierten Finalabend, an dem die Magdeburgerin Franziska Hentke als Zweitschnellste ins Finale über 200 Meter Schmetterling einzog, auch für die deutschen Schwimmer: In der gemischten Lagenstaffel holte das DSV-Quartett Jan-Philip Glania, Hendrik Feldwehr, Alexandra Wenk und Annika Bruhn Bronze. „Das ist super, diese Medaille war überhaupt nicht fest eingeplant“, sagte Brustschwimmer Feldwehr nach der WM-Premiere der Mixed-Staffel, bei dem die siegreichen Briten im Finale den dritten Weltrekord des Tages in der noch jungen Disziplin vorlegten.

Bei der WM starten 16 Schwimmer, die auf einen positiven Dopingbefund zurückblicken können

Damit steigt die Quote der Bestmarken bei dieser WM – bei der 16 Schwimmer starten, die auf einen positiven Dopingbefund zurückblicken können – auf zehn. Eine Weltrekordflut, die nach dem Verbot der Hightech-Anzüge eigentlich als undenkbar galt. Doch so lasch die Fina Doping bekämpft, so einfallsreich ist sie, wenn es darum geht, immer neue Weltrekorde zu ermöglichen. So wurden schrägere Startblöcke eingeführt. Bei der Genehmigung von zusätzlichen Unterwasserkicks werden die Regelhüter der Fina immer großzügiger, auch die Schwimmanzüge und -hosen werden wieder etwas enger. Und warum die Amerikanerin Katie Ledecky eine halbe Stunde nach ihrem Weltrekord über 1500 Meter Freistil über die zwei Bahnen Kraul mal eben ins Halbfinale schwamm, dieses gegen enorm starke Konkurrenz am Mittwoch ebenso wie das Finale gewann, das weiß Henning Lambertz: „Durch ihre hohe Ausdauerfähigkeit kann sie schneller regenerieren“, sagt der Chefbundestrainer. Die gesteigerten Trainingsumfänge sieht auch Hendrik Feldwehr als möglichen Grund für die vielen Weltrekorde. „Eine richtige Erklärung habe ich aber nicht“, gibt er zu und betont mit Blick auf Fälle wie Sun und Jefimowa: „Natürlich bin ich nicht begeistert, wenn Leute, die gesperrt waren, wieder da sind und gewinnen.“

Entsprechend aufmerksam verfolgt Fritz Sörgel die Wettkämpfe in Russland. „Im Schwimmen ist es letzten Endes ähnlich wie in der Leichtathletik – es wird dem Doping keine wirkliche Bedeutung beigemessen“, sagte der Dopingexperte. So musste Fina-Generalsekretär Cornel Marculescu bei einer Pressekonferenz in Kasan erst zum Handy greifen, um die korrekte Zahl der bei der WM geplanten Dopingproben nennen zu können. „Die müssen immer erst mal ihre Sekretärinnen anrufen, das kenn‘ ich schon“, scherzte Sörgel und erwähnte dann, ganz ernst, den Fall der „kleinen Chinesin“ Ye Shiwen, die bei Olympia in London mit ihren 16 Jahren einen Fabelweltrekord über 400 Meter Lagen aufgestellt hatte, in den letzten drei Jahren aber nicht mehr in Erscheinung getreten war. „Wie normal das alles ist und wie danach in Ruhe weitergearbeitet werden kann – das ist schon interessant“, sagt Sörgel.

Interessant wäre auch ein Kommentar von Ruta Meilutyte zum WM-Sieg ihrer russischen Rivalin gewesen. Aber die kritische Litauerin war ja bei der Dopingprobe. Im Gegensatz zu Julia Jefimowa.

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