Werder Bremen : Flexibler als der Lehrmeister

Werder Bremen hat sich mit neun Punkten aus den ersten drei Spielen aus dem Tabellenkeller katapultiert. Trainer Viktor Skripnik trägt entscheidend zu diesem Aufschwung bei – eine taktische Analyse.

Constantin Eckner
Viktor Skripnik strebt in Bremen ansehnlichen und effektiven Ballbesitzfußball an – und setzt dabei auf das bei Werder bewährte Rauten-System seines Trainervorbilds Thomas Schaaf.
Viktor Skripnik strebt in Bremen ansehnlichen und effektiven Ballbesitzfußball an – und setzt dabei auf das bei Werder bewährte...Foto: dpa

Viktor Skripnik hat seine Spielerkarriere auf dem Höhepunkt beendet. Mit dem Meistertitel mit Werder Bremen in der Saison 2003/04. Der solide ukrainische Linksverteidiger war damals bereits in die Jahre gekommen. Doch Skripnik durfte am größten Triumph des Trainers Thomas Schaaf noch teilhaben und anschließend seine eigene Trainerlaufbahn im Jugendbereich von Werder starten.

Schaaf bezeichnet er noch heute als Lehrmeister. Der einstige Erfolgsfußball war geprägt von einer 4-3-1-2-Formation, der sogenannten Mittelfeldraute mit zwei Sturmspitzen. Dabei befinden sich zwischen Sechser und Zehner zwei Spieler auf den Halbpositionen, die jeweils zwischen Zentrum und Flügel sowie zwischen Defensive und Offensive pendeln. Genau diese taktische Variante wurde Schaaf aber auch in seiner erfolglosen Endphase in Bremen zum Verhängnis. Die Balance zwischen Defensive und Offensive stimmte nicht mehr. Nichtsdestotrotz lässt Skripnik seit seinem Amtsantritt im vergangenen Oktober genau diese Formation spielen, auch am Samstag im Heimspiel gegen den FC Augsburg wird er es wieder tun.

Allerdings geht der 45-Jährige flexibler mit dem taktischen System um, was ihn auch von seinem Vorgänger Robin Dutt unterscheidet. Angepasst an den Gegner wird so aus der Raute auch mal ein 4-3-2-1-Tannenbaum, wodurch mehr Raum im Mittelfeld abgedeckt wird. Oder Werder spielt bewusst asymmetrisch: Auf der rechten Seite agiert Clemens Fritz defensiver, während offensiv viel über die linke Seite läuft – dank des derzeit herausragenden Zlatko Junuzovic, der am Freitag seinen Vertrag in Bremen ohne Ausstiegsklausel bis 2018 verlängert hat.

Viktor Skripnik strebt ansehnlichen und effektiven Ballbesitzfußball an

Insgesamt entwickelt sich bei Werder wieder ein höheres Maß an Spielkultur, seitdem Skripnik die Verantwortung übernommen hat. Anders als unter Dutt wird der Ball nun viel seltener von hinten herausgeschlagen, der Ukrainer möchte, dass seine Mannschaft im Spielaufbau kombinationsstärker wird. Dazu sind die zentralen Mittelfeldspieler besser an die eigene Abwehrreihe angebunden und stehen weniger isoliert in der Mitte. Dutt war auf Konterfußball fokussiert, Skripnik strebt ansehnlichen und effektiven Ballbesitzfußball an. Zudem reagiert er während der Partien immer wieder mit Umstellungen auf den jeweiligen Gegner.

Neben dem Trainer stechen derzeit aber ebenso einzelne Spieler heraus. Junuzovic füllt mit höchster Intensität die Räume im Mittelfeld. Der technisch starke Österreicher ist Werders Schlüsselspieler im offensiven Umschaltmoment. Gerade in Kombination mit Fin Bartels, ebenfalls ein feiner Fußballer, hat Skripnik ein Kreativzentrum zur Verfügung. Mit Spielertypen wie Felix Kroos kann er zudem Balance im Mittelfeld schaffen.

Vor der Viererkette hat sich unterdessen Philipp Bargfrede festgespielt, nachdem er aufgrund einer Knie-Operation über weite Strecken der Hinrunde fehlte. Bereits unter Schaaf lernte der Sechser, wie er sich als absichernder Part in der Mittelfeldraute zu verhalten hat. Bargfrede ist ein entscheidender Grund für die aktuelle defensive Stabilität. Werder kassierte nur zwei Treffer in drei Rückrundenpartien. Die Bremer führen ihr Pressing immer besser aus, verschieben mit den Ketten sauber und wirken als Kollektiv gut abgestimmt in der Defensive.

Die Karriere von Thomas Schaaf in Bildern
Der Höhepunkt einer Trainerkarriere: Thomas Schaaf wird am 8. Mai 2004 nach einem 3:1-Sieg bei Bayern München als neuer Deutscher Meister von 15.000 Fans am Flughafen empfangen.Weitere Bilder anzeigen
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15.05.2013 21:26Der Höhepunkt einer Trainerkarriere: Thomas Schaaf wird am 8. Mai 2004 nach einem 3:1-Sieg bei Bayern München als neuer Deutscher...

Es scheint tatsächlich, als sei mit Skripnik der Umschwung gekommen. Zumindest hat er Werder schon mal auf Tabellenplatz acht geführt. Der neue Cheftrainer hat viele Details verändert, hat die Taktik insgesamt mehr auf Ballbesitz sowie Kombinationsfußball umgestellt. Womöglich wird er also auch ohne seinen Lehrmeister Schaaf in Bremen noch Erfolge feiern.
Der Autor schreibt für das Taktikportal Spielverlagerung.de

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