Sport : Wetten, dass sie weiter wetten?

Im italienischen Fußballskandal dreht sich die Stimmung – weg von Spekulationen und Aufklärung, hin zur Verdrängung

Tom Mustroph[Cremona]
Ich bin dann mal festgenommen. Der ehemalige Nationalspieler Guiseppe Signori (l.), ein Mitglied der verdächtigen Gruppe der Bologneser, steht weiter unter Hausarrest. Foto: AFP
Ich bin dann mal festgenommen. Der ehemalige Nationalspieler Guiseppe Signori (l.), ein Mitglied der verdächtigen Gruppe der...Foto: dpa

Cremona ist der Nabel der italienischen Medienwelt. Übertragungswagen reiht sich an Übertragungswagen in der Via dei Tribunali vor dem Justizpalast. Anlass ist der Wettbetrugsskandal im italienischen Fußball, der in Cremona am Po seinen Anfang nahm.

Hier mischte Marco Paoloni im November seinen Mitspielern ein Schlafmittel ins Getränk, damit sie verlieren. Als Staatsanwalt Roberto Di Martino davon erfuhr und Paoloni beobachten ließ, deckte er ein ganzes Netz an Wettbetrügern und Spielmanipulatoren auf. 18 Partien stehen unter Verdacht. 44 Personen werden beschuldigt, über Mafia-Einflüsse wird spekuliert. Bis in den asiatischen Wettmarkt sollen die Spuren reichen.

Das elektrisiert. Das Branchengemurmel von den Nebeneinnahmequellen vieler Profis, von der Praxis der Spielabsprachen und von den Interessen der Mafia am liebsten Sport der Italiener erfuhr urplötzlich amtliche Bestätigung. Schnell wurden Verdachtsmomente für weitere 30 bis 60 Spiele publiziert. Doch in der zweiten Woche des laufenden Skandals trat ein Stimmungsumschwung ein. Vorwürfe werden wieder auf Fakten reduziert.

„Wir haben momentan keine Anhaltspunkte für Manipulationen in der Serie A, mit Ausnahme einer Partie, die bereits in den Akten genannt wurde und die wir weiter überprüfen“, sagt Sergio Lo Presti, Chef der Polizeiermittler, der die Telefonüberwachungen koordiniert hat, dem Tagesspiegel. Der Polizeioffizier bestätigt, dass es sich um die Begegnung Inter Mailand gegen US Lecce handelt. Der dortige Betrugsversuch schlug fehl. Bei Nennung anderer Erstliga-Spiele, die in den letzten Wochen in den Medien kursierten, schüttelt Lo Presti den Kopf. „Wir ermitteln“, vertröstet er.

An Kernpunkten von der Operation „Last Bet“ hält er aber fest. „Giuseppe Signori ist ein Beschuldigter, der weiter unter Hausarrest steht. Das ist ein Fakt“, sagt er zur Position des ehemaligen Nationalstürmers. „Beppe-Gol“ wird beschuldigt, die Gruppe der Bologneser angeführt zu haben und ein regelrechtes Vertragswerk über Tarife für Bestechungen und Aufgabenteilungen mit anderen Wettbetrügergruppen ausgearbeitet zu haben. „Die Bologneser sind perfekt organisiert“, bekannte in einem abgehörten Telefonat der Wettbüro-Konzessionär Massimo Eridiano. Wie weit der Arm der „Bologneser" in die Serie A reichte, ist momentan Gegenstand von Spekulationen.

Nachdenklichkeit macht sich daher im Lager der Journalisten breit, die sich im Innenhof des Gerichts versammelt haben. „Es wurde viel geschrieben, aber die Beweise fehlen“, kritisiert Luigi Perna von der „Gazzetta dello Sport“ die Berichterstattung der letzten Tage.

Von dieser Verunsicherung setzt sich die triumphierende Gewissheit des Liga-Präsidenten Maurizio Beretta unangenehm ab. Beretta tönte: „Der Fußball selbst hat mit den Wetten nichts zu tun. Er leidet nur darunter. Wenn es Auffälligkeiten im Wettbetrieb gibt, sollte man die Spiele aus den Systemen herausnehmen und den Einsatz zurückzahlen, aber nicht an einen Abbruch der Spiele denken“, sagte er – und vergaß dabei, dass auch aktive Teilnehmer des Meisterschaftsbetriebs im Verdacht stehen, Spiele manipuliert zu haben.

Berettas Linie gibt Anlass zur Sorge, dass die Mächtigen des Sports sich am liebsten ganz ohne Aufklärung des Skandals entledigen wollen. Sportrichter Stefano Palazzi bedankte sich bei seinem Besuch in Cremona artig für die erhaltenen Dokumente, wollte aber keinen Zeitplan für Entscheidungen benennen. Vor allem der Wiederaufstieg von Atalanta Bergamo und AC Siena gilt momentan als gefährdet.

In Cremona selbst ist bis auf die Anwesenheit der Journalisten keine Veränderungen zu verspüren. Nicht einmal die Wetter sind verärgert oder verunsichert. „Es kommen noch mehr Leute als vorher. Und niemand hat seinen Einsatz bei einem der zur Diskussion stehenden Spiele zurückgefordert. Wir freuen uns auf die nächste Saison“, sagt lächelnd ein Wettbetreiber. Dann sind die Übertragungswagen vermutlich wieder in den Stadien und in Cremona ist alles wie früher.

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