Sport : Wie aus dem Beckenbauer Asiens ein Landesverräter wurde

MARTIN HÄGELE

SHENZEN .Ihr Mann sei beim Training, sagt On Mi, und das sei ganz gut so."Denn es ist sehr gefährlich, wenn Bum Kun Cha mit ausländischen Reportern redet, es kann dann passieren, daß seine Strafe von fünf Jahren auf zehn Jahre erhöht wird." Die kleine On Mi war schon zu Zeiten, da ihr Gatte als großer Star bei Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen gefeiert wurde, die Sprecherin der Familie.Cha schoß Tore und predigte in der Kirche, On Mi spielte Dolmetscher, Diplomat, Anwalt.Und so erzählt sie auch jetzt die Geschichte, wie aus ihrem Cha, dem "Franz Beckenbauer von Asien", der im Frühjahr noch als bester Trainer seines Kontinents ausgezeichnet worden war, ein Landesverräter wurde.

Der Trainer Bum Kun Cha hatte seine sportlichen Vorgaben nicht erfüllen können.Er hatte Korea den ersten Sieg und das Erreichen der zweiten Runde bei der fünften WM-Teilnahme versprochen.Es kam ganz anders.Nur zwei Minuten nach dem Führungstor gegen Mexiko drehte der Torschütze durch, rot, später ein 1:3.Gegen den haushohen Favoriten Holland hielten die Koreaner 38 Minuten lang mit, nach dem 0:1 brachen sie zusammen - 0:5.Daß einige der besten Spieler aus Chas WM-Equipe noch in Frankreich verletzt ausgefallen waren, verhinderte das Urteil der Technischen Verbandskommission nicht.Als Cha am Morgen danach aufwachte, erfuhr er es aus den Fernseh-Nachrichten.

Alle Reputation hatte nichts genutzt: daß Cha der erfolgreichste Fußballprofi Asiens war, der erste, der sich in Europa durchgesetzt hatte: 98 Tore in 308 Bundesligaspielen, zwei UEFA-Cup-Siege.Sein tadelloser Ruf als Idol eines Kontinents und die souveräne Bilanz, mit der Cha ein zuvor ramponiertes Team durch die WM-Qualifikation geführt hatte.Peter Velappan, der Generalsekretär der Asien-Konföderation, hat Chas Rauswurf ein Ablenkungsmanöver genannt, "das den traurigen Zustand des asiatischen Fußballs widerspiegelt".Nur wenige Tage nach der Demission des Nationaltrainers erschien im Land des nächsten WM-Gastgebers das größte politische Monatsmagazin mit einer Titelstory über Bestechung und Korruption im südkoreanischen Fußball.Cha hatte dieses Interview einige Zeit zuvor gegeben.Und da der Reporter auch noch der Sohn des Verbandspräsidenten war, der den jungen Cha mit 19 ins Nationalteam geholt hatte und mit dem die Familie seither eng befreundet war, hatte Cha recht offen gesprochen.So ähnlich wie früher mit deutschen Besuchern, wenn er von Mißständen erzählte.Aber wieso eigentlich soll es im Fußball anders zugehen als im normalen Leben in Seoul, Taejon oder Pusan, wo die wichtigen Entscheidungen fast nur mit Schmiergeld funktionieren?

Die Wut der alten Funktionäre erreichte Cha in Shenzen.Der Präsident des dortigen Klubs hatte in Paris von der Kündigung Chas erfahren und sofort dessen Verpflichtung eingeleitet.Die Stadt, die bis vor kurzem vor allem als Grenzbahnhof zwischen Hongkong und China bekannt war, ist inzwischen ziemlich glücklich über den prominenten Fußball-Lehrer.Daß der Abstieg aus Chinas erster Liga am letzten Spieltag vermieden werden konnte, wurde dort "wie der Gewinn einer Meisterschaft gefeiert", so On Mi.Die Freundlichkeit dieser Menschen habe auch die zwei Briefe erträglicher gemacht, die aus Seoul eintrafen.Cha habe die Regeln des Fair play verletzt, stand im ersten, und er möge sich auf der Stelle für das Interview entschuldigen.Dies hat Cha nicht getan, und als 14 Tage später erneut ein Kurier die Post zustellte, brauchte er das Schrifstück gar nicht zu öffnen.On Mi: "Wir wußten bereits aus dem Fernsehen von den fünf Jahren Arbeitsverbot in Korea".

Und so ertragen sie ihr Exil mit Würde.Die kleine Tochter haben sie mitgenommen, die zwei älteren Kinder sind in Seoul geblieben.Dem überzeugten Christen Cha helfen sein Glaube und sein Arbeitseifer.Demnächst will er in Shenzen eine Fußballschule für Kinder eröffnen, zuvor möchte er sich in Deutschland noch wegen entsprechender Einrichtungen umschauen.Die Business-Reise verbindet er mit einer Honoration.Der Verband der Fußball-Historiker zeichnet Bum Kun Cha am 11.Januar als "Asiens Fußballer des Jahrhunderts" aus.Gut tun auch die News aus dem Internet: Cha habe recht gehabt, beschimpfen die Surfer den Verband, nachdem vor drei Wochen ein Skandal im College-Fußball aufgeflogen ist.29 Personen wurden angeklagt: Trainer, Schiedsrichter und Eltern, die bestochen hatten, um ihre Söhne in den entsprechenden Mannschaften unterzubringen.

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