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Willmanns Kolumne : Als der Hertha-Frosch Männchen machte

13.12.2012 12:45 Uhrvon
Hertha-Fan zu sein, war in den Achtziger Jahren noch nicht unbedingt angesagt. Foto: dpaBild vergrößern
Hertha-Fan zu sein, war in den Achtziger Jahren noch nicht unbedingt angesagt. - Foto: dpa

Das waren noch Zeiten, damals in den Achtzigern. Unser Kolumnist Frank Willmann erinnert sich an die großartige Oase Westberlin, an Hertha BSC in der Amateurliga und an mörderische Fußballkneipen.

Im ausgehenden Winter des Jahres 1984 betrat ich das lauschige Westberlin. Dem gemeingefährlichen westdeutschen Spießer kam die Stadt eher lausig vor, mir zwanzigjährigem Abenteurer bot sie alles was ich dringend brauchte. Ich kam aus dem Land, wo Plaste und Elaste blühten und das Volk unter der Knute des Dachdeckers Honecker brav sein Tagwerk verrichtete. Im güldenen Westen ernährte ich  mich fortan von Kebab und Bier. Die Buchläden waren meine Tempel und alle paar Monate rannte ich mit der Polizei in Kreuzberg um die Wette.

Die Bundeswehr hatte keinen Zugriff auf Westberliner, eine großartige Erfindung der Alliierten. Die Oase Westberlin hing komplett am Tropf der Bundesrepublik.

Eng umgürtet von ostdeutscher Mauer, bot sie ihren arbeitsamen Bewohnern eine extra Berlin-Zulage, damit sie nicht in den richtigen Westen flohen, der erst ab Helmstedt begann.

Der Fußball lag zum Zeitpunkt meines Eintreffens in Westberlin völlig danieder. Hertha BSC spielte in der Zweiten Liga vor wenigen tausend Zuschauern. Tennis Borussia hatte noch weniger Fanpotenzial, Blau Weiß 90 begann gerade erst seinen Siegeszug in der Oberliga. Fußball in den Achtzigern war hundert Prozent Prollkultur. Herthas bösartiger Mob nannte sich Frösche. Hundert Prozent Manpower, handfester rechter Pöbel. Sieg Heil wurde mindestens um zu provozieren gebrüllt, etliche meinten es mit dem Nazi-Gejohle bitter ernst. Verwegene Schläger, zahnfreie Exknackis, Gelegenheitsarbeiter, Eckensteher. Ein imposanter Assi-Haufen.

Eine Weile war der Hertha-Devotionalienhändler Pepe Mager ihr Anführer. Man kannte Pepe in allen Stadien der BRD, selbst beim 1. FC Union war er Legende. Sein weißer Mantel Marke Schaf-Ficker, über und über bepflastert mit Fußball-Aufnähern aus aller Welt. Eine putzige Nummer, wenn die Meute ihre Froschschenkel blank zog und die Hertha tanzte. Irgendwann war Pepe dann nur noch Geschäftsmann und zuckelte mit seinem mobilen Fanartikelstand durch Westberlin. Als froschiger Pionier des Merchandising.

Herthas Großkopfeten waren gern Kneipenbesitzer, seltsame Anwälte und dubiose Westberliner Schlingel. Eine Männerwelt aus Schultheiß, Mampe und Kölnisch Wasser. Die Politik interessierte sich nicht für Fußball, seinerzeit konnte man mit ihm keine Quote machen. Wenn sich Gelsen-Szene und Hertha-Frösche aufs Maul hauten, lief das unter Folklore, so lange keine Bäuche mit Teppichmessern tranchiert wurden.

In Westberlin waren der Klub und seine Anhänger in den Achtzigern äußerst unbeliebt. Wenig Zuschauer, kaum Westberliner Sponsoren, wer zu Hertha ging, war nicht gesellschaftsfähig. Dieses Image hängt dem Klub noch heute als kalter Furz im Gebälk der Anzugträger. Der spätere Aufstieg von Blau Weiß 90 Berlin in die Bundesliga wurde von vielen Westberlinern 1986 frenetisch bejubelt. Plötzlich entstand bei BW90 sogar eine kleine, alternative Fanszene. Unvorstellbar bis dahin: Linke und Fußball? Endlich ist Schluss mit dem Drecksviech Hertha, frohlockte auch manch Kudammgänger.

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