Willmanns Kolumne : Berolina Mitte: Ein Präsident für alle Fälle

Thomas Meyer ist beim SV Blau Weiss Berolina Mitte als Präsident Seelsorger, Kadi, Gönner, Fußballfachmann und Alleszusammenhalter. Unser Kolumnist Frank Willmann hat ihn bei einem Spiel der ersten Männermannschaft begleitet.

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Der Alleszusammenhalter. Thomas Meyer ist Präsident bei Berolina.
Der Alleszusammenhalter. Thomas Meyer ist Präsident bei Berolina.Foto: Frank Willmann

Thomas ist vor jedem Spiel aufgeregt. Egal ob er selbst spielt oder eine der vielen Beromannschaften. Fieser Graupel trommelt von oben auf uns, die Spieler, den Schiri und knapp vierzig Zuschauer hernieder. Präsident Thomas begrüßt herzlich Cafer, den Präsidenten des Gegners. Erst am Freitag standen sich beide bei einem Ü-40-Spiel gegenüber. Sie kennen und mögen einander. Hürriyet heißt übersetzt Freiheit. Freiheit Burgund. Kommen gleich Saladin und Richard Löwenherz vorbei? Oder stehen sie schon vor mir?

Es gehört zu Thomas' präsidialen Pflichten, jeden Sonntag frische Brötchen beim Koppenbäcker zu holen. Damit erfreut er Herz und Magen der Präsidentengattin und ihrer beiden Kinder. Die gemeinsame Wohnung der Familie liegt seit 1999 in der Auguststrasse und ist seit 2006 Präsidentenwohnung. Nur wenige Schritte entfernt ruht der Berolinafußballplatz in sonntäglicher Anmut. Die Heimstatt von Thomas' Verein, des SV Blau Weiss Berolina Mitte.

In der Präsidentenfamilie erscheinen jeden Sonntag zum Frühstück drei Torhüter/innen. Thomas' Tochter bewacht das Tor einer Berolina-Mädchenmannschaft, sein Sohn jenes der B-Jugend von Empor Berlin. Thomas himself schlüpft jeden Freitag in seine Montur und ist im Tor der Bero Ü-40er Opfer seiner Leidenschaft. Bero wird der Verein zärtlich von allen genannt, die ihr Fußballherz dort deponiert haben.
Bevor Präsident Thomas am Sonntag das Auswärtsspiel seiner ersten Männermannschaft besucht, geht er in sein Büro. Thomas ist selbständiger Anwalt, Spezialität Arbeitsrecht. Er vertritt Arbeitnehmer. Freie Wochenenden kennt er nicht. Thomas stammt ursprünglich aus Osnabrück, lebt aber seit 1991 in Berlin.

Ich bin mit ihm zum Auswärtsspiel verabredet. BW Berolina gegen BSV Hürriyet Burgund. Nebenbei ein Mittederby. Hürriyet trägt seine Heimspiele an der Stralsunder Straße aus. Im Wedding, nur wenige hundert Meter vom einstigen Todestreifen entfernt. Dort, wo früher die Berliner Mauer wurzelte, sind nun Touristen unterwegs. Wir passieren die unsichtbare Grenze zwischen den einstigen Stadtteilen Wedding und Mitte. Sie trennt heute Arm und Reich.

Das Spiel kommt ohne Gemetzel aus, so viel vorweg. Der Eintritt ist frei, im vereinseigenen Kiosk verwöhnt uns gediegener Kaffee. Leider befinden wir uns in bockwurstfreiem Gebiet. Gespielt wird auf einem dieser teppichhaften Kunstrasenplätze. Auf dem feuchten Grund flutscht der Ball fröhlich durch die Reihen. Raum für technische Raffinessen gibt es nicht. Fußball in den Unterklassen wird aus Spaß gespielt. Thomas ist voll bei der Sache. Als ich altklug die Qualität der Teams bemängele, schaut er mich entsetzt an und feuert seine Mannen erst recht an. Wolken ziehen, sein Telefon klingelt. Sein Sohn und Berofreunde geben ihre Spielresultate durch. Der Präsident hat für alle Worte des Trostes oder des Beifalls parat. Ein guter Präsi muss Seelsorger, Kadi, Gönner, Fußballfachmann und Alleszusammenhalter in einem sein. Um sehr guter Präsident zu werden, muss man ab und an im Vereinslokal eine Runde ausgeben können. Wenn Thomas das Haus verlässt, um ein Berospiel zu besuchen, sagt seine Präsidentengattin: "Komm gleich danach wieder."

Ich frage ihn, wie man Präsident eines Fußballvereins wird und was man davon hat. Thomas antwortet lächelnd: "Bei Bero stand ich vor sechs Jahren als Einziger zur Wahl und bekam 100 Prozent der Stimmen. Wenn man nicht allzu viel falsch macht, wird man wieder gewählt. Die erste Männermannschaft spielt in der Bezirksliga, da ist nicht viel mit präsidialer Eitelkeit. Vorteile keine. Es kostet Geld und der zeitliche Aufwand ist nicht zu auszuklammern."

Die meisten Präsidenten in den unteren Ligen sind gleichzeitig Hauptsponsor. Auch Thomas sponsert mit seiner Kanzlei ein bisschen. Er möchte bei Berolina etwas aufbauen. Neben der ersten Männermannschaft liegt ihm besonders der Mädchenfußball am Herzen. Über 1000 Mitglieder hat Berolina, ganz schön viel für einen Kiezclub. Mit der ersten Mannschaft würde Thomas gern demnächst in der Landesliga ankommen. Dafür wurde mit Sven "Opa" Orbanke ein erfahrener Trainer verpflichtet, der bereits einige Zeit feinste Verbandsligaluft geschnuppert hat. Die Verbandsliga! Ein Traum. Zwei Ligastufen höher als Berolinas momentane Spielklasse. In der 24.Minute schießt Berolina das erste Tor, eine Minute später fällt das 2:0.

Thomas schmunzelt und freut sich mit drei anwesenden Auswärtsfans. Einer von ihnen trägt eine Beroanstecknadel. Es steht nicht zu befürchten, dass sie ihm bei diesem Mitte-Derby vom Wams gerissen wird. Selbst als der cool agierende Schiri den gegnerischen Torwart nach einem bösen Foul vom Platz stellt, bleibt Thomas artig. Er scherzt in der Halbzeit mit seinem türkischstämmigen Pendant über des Glückes tückische Schmiedekunst und bittet seine Mannschaft, die Contenance zu bewahren. Ja sind wir denn hier beim Kuschelrock? Irgendwie schon, und ich muss gestehen, die positive Stimmung ist ein schöner Kontrast zum gnadenlosen Graupel, der schon wieder unsere Häupter mit Reif bedeckt. Die Füße werden kalt, die Hände klamm. Rotnäsig beobachte ich Präsident Thomas in der zweiten Halbzeit beim imperialen Ausüben des Präsidentenhandwerks. Am Ende hat er mit seiner Mannschaft 5:1 gewonnen und nimmt meine Huldigungen in Form einer hohen Fünf entgegen. Seine Mannschaft steht nun im oberen Drittel der Tabelle. Thomas kann sich entspannt dem weiteren Tagwerk in seiner Kanzlei widmen.

Mehr über Berolina im Tagesspiegel: Am Samstag erscheint in der gedruckten Beilage "Mehr Berlin" eine große Reportage über einen Verein zwischen zwei Welten: "Zweimal Bero, immer Bero".

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