Willmanns Kolumne : Die gute Fee liebt Jena

Zwischen Hoffnungslosigkeit und dem strahlenden Antlitz der Morgenröte: Unser Kolumnist Frank Willmann besucht das Spiel Viktoria Berlin gegen FC Carl Zeiss Jena.

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Drei Jena-Fans.
Drei Jena-Fans.Foto: promo

Viktoria Berlin gegen den FC Carl Zeiss Jena lautete die traurige Paarung in der Regionalliga, die mich und knapp neunhundert Schicksalsgenossen um die Sonntagsruhe brachte. Um meinen Klub ist es seit Jahren nicht gut bestellt, nun ging zu allem Übel auch noch der Käpt’n Rainer Zipfel von Bord. Unser streitbarer Alleinherrscher, ohne den seit zwölf Jahren in Jena nicht ein Schürsenkel gebunden wurde. Ein Präsident mit Ecken und Kanten, ein Fußballwahnsinniger, ein autoritärer Pfau, ein Hundertprozenter. Fähige Kandidaten stehen bisher nicht in der Schlange vor der Geschäftsstelle. Es ist bitter, duster, provinziell und hundsgemein. Angsterfüllt krächzen die Spatzen im Busch. Wächst in Jena eine Generation Regionalliga heran?

Immerhin kam der FC Carl Zeiss Jena nicht auf der Wurstsuppe nach Berlin geschippert. Das Geld reicht gerade noch für einen Überlandlinienbus, der ohne den kleinen Umweg via Heizdeckenparadies Helgoland unser schönes Randberlin touchiert. Seit meinem letzten Besuch bei Viktoria Berlin hat sich mancherlei in Lichterfelde getan. Die Viktoria-Ultras sind inzwischen eine zweistellige Gruppe. Und haben die Bettlaken gegen richtige Fahnen und Banner eingetauscht. Meine zwei bei Viktoria untergekommenen Ex-Zeiss-Götter, Sportchef Lutz Lindemann und Stürmeropa Sebastian Hähnge, konnten trotz intensiver Suche nicht von mir im Stadion ausgemacht werden. Alle investigativen Fragen, die ich im öffentlichen Interesse stellte, wurden von Viktorianern ausweichend beantwortet. Viktorianer klingt in diesem Zusammenhang wie Klingonen. Aber sind wir nicht alle Wesen vom anderen Stern?

Ich vermute infolgedessen, Lindemann und Hähnge hocken reichlich verschnupft und ohne einen roten Heller auf der dunklen Seite der Venus und träumen von goldenen Zeiten, in denen die Thüringer Bestien aus den Jenenser Kernbergen noch nicht auf Kukident waren und mit ihren strammen Waden selbst feindliche Spielerfrauen ganz wuschig machten. 

Vereinsheime - Oasen des Berliner Fußballs
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1 von 317Foto: Kai-Uwe Heinrich
02.12.2016 16:40Die Perlen unter den Gaststätten im Berliner Amateurfußball. Und so morbide wie dieses Tor in Charlottenburg ist auch der Zustand...

Während des Spiels machen zehn Viktoria-Ultras gepflegt Alarm

Ich wollte mich am Sonntag wahrscheinlich für meine Unfähigkeit bestrafen. In dreißig Jahren Berliner Exil noch immer keinen vernünftigen, lokalen Herzensklub gefunden. Und fuhr durch janz Berlin mit dem Auto nach Lichterfelde. Hier ist die Welt wirklich noch tipptopp in Ordnung. Ich träumte sogar schlappe fünf Minuten vom eigenen Lichterfelder Heim. Mit hohem Zaun und bösem Gärtner. Während des Spiels machten die zehn Viktoria-Ultras aber gepflegt Alarm. Die dreihundert unentwegten Zeissfans waren indessen kaum zu hören. Jenas Ultras ist der Spaß am Fußball vergangen, seitdem Ende 2013 ein belgischer Investor in Jena seine Stiefelspitze tanzen ließ. Das letzte Spiel verlor Jena daheim gegen die einbeinigen Freizeitkicker aus Nordhausen. In Lichterfelde erwartete ich das Schlimmste. Und wurde enttäuscht. Wenn man ganz unten ist, so richtig am Ende, kommt manchmal die gute Fee herbei geschwirrt. Sie wedelt freundlich mit ihrem Zauberstab und plötzlich steht es 2:0 für Jena. Beim besten Willen kann ich neben der Fee keinen anderen Verantwortlichen erkennen. Die juvenile Mannschaft am Boden, der brave Trainer ohne pfiffige Idee, der abgekämpfte Präsi auf dem Sprung, die Fans im Jammertal.

Im nächsten Spiel wartet der 1. FC Magdeburg. Wartet er auf eine Tracht Prügel? Bis eben schien Magdeburg der ärgste Verfolger des Tabellenprimus Neustrelitz zu sein. Neustrelitz, Nordhausen. Garstige Nester auf der Landkarte des Vergessens. Es tut weh, die Namen dieser öden, verpimpften Fußballdörfer in den Mund zu nehmen.

Die Fans singen wieder ihre Lieder, jung und alt vereint am Saalestrand

Doch Jena gewann den dürftigen, den schrundigen Kick in Lichterfelde mit 2:1. Ich kreischte ein bisschen. Ich wedelte mit den Armen. Vor meinem inneren Auge zappelte das Wort Bundesliga. Es keimt wieder Hoffnung in den vereinsamten Herzen der Fans. Ungeritzt vom Zahn der Zeit wehre ich alle krummen Gedanken ab und blicke nun nach vorn. Wir müssen alle kommenden Spiele gewinnen. Dann steigen wir ganz bestimmt auf. Den alten Handschuh umdrehen und fremde Melodien ins Zimmer dröhnen lassen. Das Antlitz der Morgenröte ist strahlend, der sinnlose Stöckelfußball ist vorbei. Unser Stadion mit ohne Flutlichtmasten ist das schönste der Welt. Unsere Spieler sind einer Weltmacht würdig, auch wenn sie es noch nicht wissen. Die Gemüter der Fans brennen heiß und Kukident wird nur in der Stadt ohne Namen geschlabbert. Unser Präsident wird sich ALLES anders überlegen und mit Jena in die 3.Liga reiten. Der herzensgute Belgier wird uns sein ganzes Geld schenken, einfach so. Die Fans singen wieder ihre Lieder, jung und alt vereint am Saalestrand. In dieser paradiesischen Landschaft versorgt uns die gute Fee mit Bratwürsten, jeder bekommt drei! Jena drei, E***** Null! Es lebe der Club!

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