Willmanns Kolumne : Dortmund – Stadt der Schlachteplatte

Frank Willmann hat es diesmal nach Dortmund verschlagen. Dort hat er viele Würste gegessen und eine empfindliche Niederlage auf dem Fußballplatz erlitten.

von
Der Dortmunder Borsigplatz, Feierhort der Borussen-Fans.
Der Dortmunder Borsigplatz, Feierhort der Borussen-Fans.Foto: dpa

Selbstsicher betrat ich den matschigen Untergrund aus Restrasen. In wenigen Minuten sollte hier das Spiel zwischen polnischen und deutschen Schriftstellern starten. Dreihundert Meter weiter strömten unfassbare achtzigtausende Menschen ins Dortmunder Westfalenstadion, um einen Fußballer, der schon lang nicht mehr für den BVB spielte, die letzte Ehre zu erweisen. Dede heißt er, und war viele Jahre der Dortmunder Publikumsliebling. Ist sie das, die vielbeschworene und echte Dortmunder Liebe?

Dreißig dickgewordene Ex-Profis schlichen, niedergestreckt von fußballbedingten Gebrechen, ein letztes Mal über den Rasen. Sie grienten unablässig, aber ihr Lächeln war ohne der Jugend Glut. Wahrscheinlich schämten sie sich für ihre dicken Bäuche und wunderlichen Frisuren. Bedrückend schlechter Fußball, doch wir sind in Dortmund, hier atmet jede Häuserwand die vielbeschworene echte Liebe. Ruhrgebietsmenschen vertrauen am liebsten ihrem Pferd, sagte mir der Platzwart. Sie bedienen sich gern der Körpersprache und der Psychologie des Fluchttieres Pferd. Joachim Król ist gar nicht Ruhrgebiet. Joachim Król ist Fernsehen. Und ein sogenannter Promi-BVB-Fan. Er moderierte unseren Kick gegen die polnischen Schriftsteller, gemeinsam mit Borussia Dortmunds Stadionsprecher Norbert Dickel.

Während des Spiels setzte er sich auf seine teure Brille. Das war`s für ihn. Sein Zornigsein rührte uns. Im Tatort trank er immer nach der Verbrecherbekämpfung sympathisch Schnaps und blickte bekümmert ins Fernsehnichts. Heute lässt ihn eine kaputte Brille an der Welt verzweifeln. Norbert Dickel schreckte mich einst wegen seiner (im Fernsehen gezeigten) Volksverbundenheit ab. In Wirklichkeit ist er ohne Dünkel. Er erzählte vergnügt, wie er als Spätstarter mit zweiundzwanzig zuerst den Kölnern die Hirne verdrehte. Das Fernsehen ist der Henker der Wahrheit, selbst dem urdeutschen Tatort kann man nicht trauen. Im richtigen Leben ist alles umgekehrt.

Ruhrgebietsmenschen sind durchdrungen vom Recht auf Stadt

Ruhrgebietsmenschen sind durchdrungen vom Recht auf Stadt. Es kann ihnen nie Stadt genug sein. Im vorletzten Jahrhundert kamen ihre Vorfahren aus rückständigen Gebieten Polens nach Dortmund. Bergleute, Kohlemenschen. Künftige Wurstmenschen, noch gab es aber von früh bis spät Hafergrütze. Während der Berliner die Versteppung Brandenburgs begrüßt, erschauern unsere Brüder und Schwestern im Westen in den Tiefen ihrer Seelen an ihrer gefühlten Zweitklassigkeit. Sie wohnen nicht auf Wolken und das Meer ist einfach zu weit weg. Dabei haben sie den Echte-Liebe-BVB und wir die olle Stützstrumpftante Hertha. Am Dortmunder Bahnhof begegneten wir vertriebenen Syrern, ganze Familien. Die Kinder lachten bereits wieder. Wir lachten zurück.

Natürlich hatten die deutschen Schriftsteller gegen die polnischen verloren, aber es gibt zum Glück die Dialektik. Das hat in der DDR jedes Kind gelernt. Man muss eine Sache hin und her drehen. Manchmal sehr lange, in tiefes Sinnen versunken. In Unna erkläre ich den interessierten Zuhörern, wie wir 3:4 gegen Polen gewannen. Obwohl die Polen meinten, wir hätten verloren. Als mich die Unnaer nicht verstanden, begann ich wieder von vorn.

Oft und gern verführten uns die Gastgeber mit Fleisch- und Wurstwaren. Wir wurden glücklich und still. Wer sein ganzes Leben hart gearbeitet hat, isst am Abend gewissenhaft seine Wurst. Wurst ist Wohlstand. Am ersten Abend schauen wir mit unseren polnischen Kollegen Jogis Buben an heiliger Dortmunder Stätte beim Siegen zu. Wo aber liegt dieser Ort?

Unweit des nur im Fernsehen legendären Borsigplatz, der in Wahrheit ein öder Kreisverkehr ist, steht der unauffällige Borussentempel. Die Reste der Restauration "Zum Wildschütz" verbergen sich in einem Eckhaus. Im ärmsten Dortmunder Stadtteil. Im früheren Spiegelsaal erwartete uns der Mettschrein. Frisches gehacktes vom Schwein. Der Herr der Würste heißt Jan Henrick Gruszecki. Er hat natürlich polnische Vorfahren. Ihm gehört heute das Haus der Geister, wo sich am 19.12.1909 deutsche und polnische Gründerväter zusammen fanden. Um einen Fußballklub zu gründen, den sie nach ihrem Lieblingsbier nannten. Nicht alle Polen waren Fußballfreunde. Ein polnischer Pfaffe mit kranker Seele verbot am 19.12.1909 seinen Schäfchen das Fußballspiel. Es würde die Sitten verrohren und führe die Herde vom Glauben ab.

Sülze, Leberwurst, Blutwurst, Schinkenwurst, Cervelatwurst, Gulaschsuppe, Wurstsuppe. Wir wurden sanft. Deutsche und polnische Gespenster schwirrten um uns. Da war sie, die echte Liebe. Wir prosteten den Unsichtbaren zu.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben