Willmanns Kolumne : Hertha aufs Maul geschaut

In einer Weddinger Kneipe ergründet unser Autor Frank Willmann die Fanseele der Herthaner. Und schnüffelt zwischen Futschi, Teer und Mampe ein bisschen Morgenluft.

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Herthas Kapitän Fabian Lustenberger (r.). Foto: dpa
Herthas Kapitän Fabian Lustenberger (r.).Foto: dpa

Ich wurde gewarnt! Doch selbst die Ankündigung marodierender Waschbären in Bayernunterwäsche hatte mich nicht von meinem Entschluss abhalten können. Es sollte der Wedding sein. Und die Hertha. Samstag im Weddinger Stammland Bier saufen und Herthafans aushorchen. Die Suche nach einer Weddinger Herthakneipe mit Sky-Empfang gestaltete sich unerwartet kompliziert. Entweder hatten die Wirte kein Sky im Angebot, oder sie zeigten Bundesliga-Konferenz. Als ich zwei Rollstuhlfahrer in Herthamontur zielsicher eine Südweddinger Schenke ansteuern sah, war unser Ziel gefunden.

Vorsichtshalber hatte ich Rolf im Gepäck. Er ist der einzige Herthafan in meinem Bekanntenkreis. Ich dachte, wenn ich unauffällig neben Hertha-Rolf stehe und ein wenig in mein Notizbuch kritzele, würde ich in seinem Herthaschatten den blauweißen Tresenmolchen und gefährlichen Bembelschwenkern kaum auffallen. Ich kannte einige verstörende Berichte über Kneipenherthaner, die nicht lang fackelten, wenn ihnen einer pampig kam.

Wir stolperten zehn Minuten vorm Anstoß rein. Die Kneipe proppenvoll. Angefüllt mit alten Herthanern. Der Jüngste knapp unter fünfzig, der Älteste weit über achtzig Jahre alt. Zwei nebenan liegende Altersheime versorgten die Kneipe mit Fußballfanatikern, tatsächlich ganz geil die Sache. Hertha-Rolf, gestandener Steglitzer und auch nicht mehr sooo knabenhaft, fühlte sich sofort pudelwohl. Und gleich ging es los: Preetz war der böse Bube und der Dings, na der Präsident, wie heißt der noch mal. Darin waren sich alle vorm Spiel einig. Der Rausschmiss des Trainers Luhukay sollte vor Herthas eigentlichem Dilemma ablenken, der Unfähigkeit der Führungsebene! Die Kneipe lohte und waberte: O Hertha, du untreue, verglühende Geliebte! Wir haben dir bei unserem Leben die Treue geschworen, auch wenn du bösem Verrat (Preetz) zum Opfer fällst, wir bleiben bei dir.

Der Hertha ward es kalt um die dünnen Ärmchen, auf Sky lief Daciawerbung, einer brüllte: So ein hab ick ooch. Die Kneipe wieherte, hustete, einer spuckte ein paar dritte Zähne aus. Kalou sei eingeschnappt und in Afrika! Bei Hertha hatte er die ihm im Vorfeld attestierte internationale Klasse noch nicht bewiesen. Einer meinte, Kalou wäre bei seinen Vorgängervereinen auch sehr oft eingeschnappt gewesen, das sei ein schlechtes Zeichen. Rolf sagte: Wäre er der Kalou, er wäre auch eingeschnappt, würde statt seiner der Herr Sandro Wagner im Sturm spielen. Beim Namen Sandro Wagner stöhnte die Kneipe tieftraurig auf.

Dann kam Rolf auf Herrn Lustenberger zu sprechen. Eine Mannschaft, die Herrn Lustenberger zum Kapitän macht, sollte nicht im Olympiastadion spielen dürfen. Der könne außer einem Rückpass zum Torwart Kraft nichts. Nicht mal richtig den Gegner zusammentreten?, fragte ich. Hertha ist zu schwach zum Verbrechen, antwortete die Kneipe. Die Guten sind zu schwach zum Böse sein. Preetz fehle die Bösartigkeit, dem Präsidenten wie heißt er noch mal, sowieso. Herthas letzte Einkäufe seien alles millionenschwere Ladenhüter. Preetz sei überfällig, er habe keinen Instinkt für Spieler wie Neymar oder Messi.

Neymar oder Messi bei Hertha? Die Kneipe schüttelte sich vor Lachen. Inhalt etwa 50 Männer, drei Frauen und drei weibliche Tresenkräfte, fast alle rauchten. Berliner Schnauze, Berliner Plauze, Berliner Herthaherz. Ich bestellte Berliner Bier. Mag ich eigentlich nicht, aber hier gab’s nur Berliner Bier. Neben Futschi, Mampe und verwandten Schweinigeleien. Anpfiff. Auf der Mattscheibe berammelte Hertha sogleich das Tor der verrückten Mainzer. Was 'n hier los? Dann Rote Karte für Mainz. Deren Torwart is zu blöde, den Ball wegzuhauen, johlte es. Elfer und Hertha führte. Die Herthaopas spielten verrückt, Rolf brüllte den Laden zusammen. Auch ich bekam als sein vermeintlicher Atze (oder Keule) freundliche Blicke ab. Mir tat der Torwart kurz leid, zumal er aus Griechenland kam. Der Kneipe entfuhr ein mitleidiges Ohhhh, als die bösen Sky-Buben den Torwart in Großaufnahme beim Ballverdaddeln zeigten. Die Rollifahrer sangen: Hallelujah BSC. Fußball hieß das Spiel und Hertha kickte völlig anders als gewohnt. Kaum gucke ich zum ersten Mal in diesem Jahrtausend Hertha, siegen die auswärts!

Spielte Lustenberger mit? Ja, trink mal nicht so ville Bier, dann siehste den ooch! Lustenberger konnte plötzlich nette Pässe nach vorn zaubern, in Minute zweiundvierzig führte Hertha 2:0. Bupp, bupp, zieh die Nese ein, das gloobste nicht. Hasta la Vista, sauf'n wa ein Kanista, sind die alle gedopt? Wie heißt noch mal der neue Trainer? Hertha spielte laut Kneipenmeinung seit Monaten erstmals normalen Fußball, egal wie es ausging, man konnte hingucken. Luhukay steht bestimmt inna Ecke und schämt sich! Das hat der Preetz super gemacht, neue Besen kehren jut! Hier riecht's nach Champions-League, brüllte einer und die Kneipe hustete und prustete ein Kilo Teer aus. Alle hatten dank Bier, Futschi und Mampe rote Bäckchen. Man schnüffelte original Herthaner Morgenluft. Rolf sagte: Von denen hier rennt keiner zum Tattoo oder Piercing. Ich nickte irritiert. Großbild auf Preetz und Neutrainer. Die Kneipe klatschte spontan Beifall. Die letzten Minuten wurden genossen: Und Tschüss. Ey, das war nix! Das Ding muss rein! Mann, geht der rin da. Achtung, abseits. Ficken oder was? Abpfiff. Einer der Rollifahrer stand auf und brüllte in Richtung der Tresenkräfte: Jetzt gibt's Herthaschnaps, meine Herrschaften!

Wie Fans die Zweite Liga erlebten
Das erste Heimspiel gegen Oberhausen. Hatten gedacht, wir sind allein in der Zweiten Liga. Es kamen 48.000 gegen Oberhausen. Abstieg? Wurst! Ergebnis: 3:2. Foto: André GörkeWeitere Bilder anzeigen
1 von 76Foto: André Görke
05.08.2011 19:06Das erste Heimspiel gegen Oberhausen. Hatten gedacht, wir sind allein in der Zweiten Liga. Es kamen 48.000 gegen Oberhausen....

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