Willmanns Kolumne : TeBe Berlin: Konfetti statt Pyro

In der Gegenwart hat Tennis Borussia Berlin eine böse Rutschpartie ins Nimmerland des Fußballs hinter sich. Mit dem Aufstieg in die Oberliga geht es nun wieder nach oben. Eine Ode an TeBe.

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TeBe: Sportlich bedeutungslos, aber eine nette Fanszene.
TeBe: Sportlich bedeutungslos, aber eine nette Fanszene.Foto: Frank Willmann

Besuche bei Tennis Borussia Berlin versprühen für mich noch immer einen geheimnisvollen Odem. Vorbei an Bauwundern wie der Avus und dem Internationalen Congress Centrum Berlin, zeigt sich irgendwann der zwergenhafte Westberliner Funkturm. Nun ist es nicht mehr weit zum Mommse, dem mythischen Mommsenstadion von TeBe. Ein erster Hauch Kiefernduft umfächelt aus dem Grunewald unsere Nasen. Männer in eleganten Anzügen und Frauen mit entrücktem Lächeln lustwandeln zum Stadion. Ein Hauch von träger Eleganz. Die schönen Vorgärten der Siedlung Eichkamp wurden in der Vergangenheit von Ostberliner Fußballfreunden anlässlich der Spiele ihrer Klubs bei TeBe oft und gern geentert. Manch edle Rose schloss nach diesen Begegnungen für immer ihre Blüte. Als trauriges Opfer von Bierströmen und Pfeffibächen. Die rohen Gesellen hatten für die verzweifelten Hobbygärtner nur ein fieses Lachen übrig, indes Fürst Pücklers Nachfahren sich den Einfall der Hunnen ins Gedächtnis riefen.

Ich kann mich nicht erinnern, in den Reihen Tennis Borussias jemals echte Fußballzombies gesehen zu haben. Hier zelebrierte man das hohe ABC, eins plus eins war meistens zwei und Herr Adenauer der Retter Deutschlands. Eine gewisse Hochnäsigkeit gegenüber dem Fußballpöbel von der Plumpe gehörte dazu. Während Hertha nach ehrlichem Arbeiterschweiß roch, verströmte TB den Geruch von softem Laster und Geld. Es war meist Falschgeld, was ein Blick in die Historie des ehrenwerten Charlottenburger Klubs belegt. Der Erringung besonderer Fußballerehren machte sich TeBe nicht schuldig. Als mich das alte Westberlin ab Februar 1984 bezirzste, spielte kein Verein „der Insel im roten Meer“ eine Rolle im bundesdeutschen Fußball. Der Besuch von Fußballspielen war die Beschäftigung einer bierseligen Minderheit von komischen Gestalten, die an den Wochenenden ihre Wohnhöhlen und Eckstampen im Wedding und Neukölln verließen, um mit ihrem teigigen Teint die zugereisten Flaneure zu verschrecken. 

TeBe steigt in die Oberliga Nordost-Nord auf

In der Gegenwart hat TeBe eine böse Rutschpartie ins Nimmerland des Fußballs hinter sich. Doch seit ein paar Tagen geht’s wieder nach oben. TeBe ist Berliner Fußballmeister und wird in die Oberliga Nordost-Nord aufsteigen. Der letzte Walzer in der Verbandsliga Berlin wurde nach dem Spiel von der Altfunpunkband die Suurbiers gezupft. Auch so ein Westberliner Fossil, mir ist einzig ihr Hit „Möpse“ noch gegenwärtig. Ob der Refrain „Warum schau'n alle auf die Möpse meiner Freundin“ zu hundertprozentig zu TeBe passt? Ich hätte etwas mehr revolutionäres Liedgut erwartet, aber vielleicht sollte an diesem schönen Tag einzig Prinz Karneval im Mommsenstadion regieren.

Heute ist TeBe das Stiefmütterchen in Tante Herthas Charlottenburger Garten. Sportlich bedeutungslos, aber eine nette Fanszene. Fußball wurde auch vor knapp 1000 Menschen gespielt, TeBe schickt Mahlsdorf mit 3:1 zurück an den Stadtrand. Der Urgroßvater des Westberliner Fußballs: Michael „Micha“ Fuß schoss eigenbeinig zwei Tore. Fuß ist bestimmt älter als das KDW. Der konsequente SpitzenKlubverächter soll auch im nächsten Jahr die kickenden Jüngelchen in der Oberliga verschrecken. Wenn er plötzlich mit grauem Haar und tief liegenden Augen aus dem Schatten bricht und sich aufmacht sie zu knechten, auf ewig zu schänden. So, oder so ähnlich steht’s geschrieben.

Auf TeBe warten Derbys gegen Lichtenberg und Zehlendorf

Um Micha Fuß ranken sich allerhand Mythen und schräge Geschichten. Am besten gefiel mir folgende: Micha bekam vom Spandauer SV ein Angebot. 750 (Reichsmark, Deutsche Mark oder Euro?) plus eine Würstchenbude. Als er erfuhr, sich um die zu verkaufenden Würstchen selbst kümmern zu müssen, soll er erbost von dannen gezogen sein. Micha tun bestimmt nach dem Spiel alle Knochen weh. Doch seine Liebe zu TeBe lässt ihn alle Schmerzen vergessen. Vermute ich. Die neue Liga will TeBe auch mit dem eigenem Nachwuchs punkrocken. TeBe ist berühmt für seine gute Nachwuchsarbeit. Freuen wir uns also über schicke Derbys gegen Lichtenberg 47 und Hertha Zehlendorf. Falls auch der 1. FC Frankfurt/Oder aufsteigt, kann man bald relaxt überprüfen, ob die Oderstädter noch immer einen Rattenschwanz fieser Nazis hinter sich her ziehen. Die traditionell linke Anhängerschar TeBe`s wird bestimmt ein paar gut gemeinte Ratschläge parat haben.

Was soll sich im Mommse ändern? Am besten nix, sagen die Fans im Casino. Am Nebentisch sitzen die TeBe-Opas. Der heilige Bimbam von Charlottenburg. Einer im Bayerntrikot, er sucht bestimmt Streit. Gehhilfengerangel fetzt, doch mild stimmten die alten Herren ein Loblied auf vergangene Helden wie Hotte Schmutzler, Graf und Steinbeck an. Steinbecks Witwe wird in ihren Kreisen kultisch verehrt. Ach ja, der einstige TeBe-Trainer Hermann Gerland sei wohl im Stadion. Auf der Anzeigetafel reichte es nur noch zum Gerlan. Das D fiel den Sparzwängen des Senats zum Opfer. Seitdem der in Ostberlin residiert, ward er im Mommse nicht gesehen. Ein Herr im schicken Dreiteiler schwärmt von den Vierzigern, als er im zarten Alter von sechs Jahren erstmals ins TeBe-Stadion spazierte. Ob er sich vom „Möpse-Hit“ der Suurbiers angesprochen fühlt? Ist ihm bestimmt zu TillSchweigerresk. Auffällig viele Kinder waren im Stadion, auch eine Menge singender Frauen: Ganz ohne TeBe kann man nicht durchs Leben gehen. Die Sonne brennt, der Wechselgesang wirkt etwas müde, nach dem Spiel gibt’s Konfetti statt Pyro. TeBe ist anders, aber nicht ohne.

Unser Kolumnist Frank Willmann verabschiedet sich nun in eine kleine Sommerpause. Mitte Juli geht es weiter.

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