Willmanns Kolumne : Volksvergnügen mit Traumquote

Es geht auch friedlich. Das hat das Berliner Fußballderby gezeigt. Doch wer weit ins Land hinein schaut, sieht nicht nur Herthaner und Unioner. So wie Frank Willmann in seiner aktuellen Kolumne.

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Dichtes Gedränge am Hardenbergplatz. Hier versammeln sich die Hertha-Anhänger, die Polizei ist präsent und schirmt die Fangruppen voneinander ab.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Nele Pasch
11.02.2013 17:48Dichtes Gedränge am Hardenbergplatz. Hier versammeln sich die Hertha-Anhänger, die Polizei ist präsent und schirmt die Fangruppen...

Vierundsiebzigtausendzweihundertfünfundzwanzig Berliner kamen am Montag ungeschoren davon. Die verschwindend geringe Zahl von neunzehn Menschen wurde vor, während und nach dem Spiel zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union vorübergehend dingfest gemacht. Nicht ganz 0,03 Prozent der Zuschauer genossen kurzzeitig Polizeigewahrsam. Für Volksvergnügen eine Traumquote und ein Friedlichkeitsbeweis der Fußballfans. Selbst die, na sagen wir mal Lichterkette der Union-Fans, beunruhigte die Gemüter nicht. Vereine, Fans und entspannte Polizei haben gezeigt, dass es geht. Wenn man die Fans machen lässt, der Knüppel nicht zu locker sitzt und die Medien zurückhaltend agieren. Eintausend  Polizisten sollen im Einsatz gewesen sein. Eine erschreckend hohe Zahl, allerdings wissen wir nicht, wie viele von ihnen den Spieltag in Habachtstellung verbrachten.

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle das Spiel des Berliner AK gegen Cottbus II. besingen. Ich erwartete einen neuen Zuschauerrekord im Poststadion und wurde, wie wenige Andere, von Väterchen Frost bitter enttäuscht. Laut Ratzeburger Bauernlümmelkalender dürfen wir noch weitere sechs Wochen die ganz dicken Unterbuchsen frequentieren. Der Minuswind feilt uns das Haupthaar und die böse Eisfee martert uns mit Manöver Schneeflocke. Der Dauereinsatz auf den Plätzen der unteren Spielklassen wird mir verwehrt.

Aus Trotz blieb ich Montag in Mitte und rutschte auf eigene Gefahr übers Eis im Berolinastadion. Ein frecher Muskel im hinteren Bereich meines Elfenleibs zeigte sich wenig amüsiert und vereitelte meine Turnübungen. Der Teufel hat den Winter erfunden, um uns braven Fußballleut die Seele schwer zu machen. Ich und sechs Dutzend Berliner beim BAK, das wäre ein Erlebnis nach meinem Geschmack! Ich hätte jeden Zuschauer einzeln studieren können und wäre womöglich ins Grübeln geraten, wenn ein Zaubermeister aus dem Lande der Erleuchtung plötzlich vor mir gestanden hätte.

"Zaubermeister!" hätte ich gesagt. "Was führt dich ins geheimnisvolle Hinterland des Fußballs?"

Der Zaubermeister hätte mich verschwörerisch beäugt. Dann hätte er seinen rechten Zeigefinger vor seinen Mund gehoben. Ich hätte mich viele, viele Stunden mit diesem Fingerzeig beschäftigt, ich wäre darüber verzweifelt. Denn ich hätte ihn als guter Kolumnist für den geliebten Leser ja irgendwie aufbewahren und einpacken müssen. Geliebter Leser, schauen wir weit ins Land hinein, sehen wir nicht überall friedliebende Herthaner und Unioner.

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