Sport : „Wir würden Dortmund helfen“

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern, über gutes Wirtschaften, die richtige Philosophie und eine Bratwurst

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Herr Rummenigge, am Freitag geht es wieder los. Gibt es nach der ersten Hinrunde unter Felix Magath schon einen neuen FC Bayern? Den FC Bayern nach Hitzfeld?

Wenn ein neuer Trainer da ist, braucht es Zeit, bis alte Mechanismen verschwunden sind. Wir haben nicht damit gerechnet, dass es jetzt schon so gut läuft. Wir wussten nur: Magath ist der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt.

Es hieß, Magath trainiere zu hart.

Bei Kritik von außen hat niemand von uns die Nerven verloren. Uns war klar, dass hier alles neu ist, dass die Spieler sich umgewöhnen müssen. Ich finde es gut, dass man wieder Medizinbälle beim Training sieht, Seile, alles Dinge, die es bei uns 15 Jahre lang nicht gegeben hat.

Es wird also wieder intensiver gearbeitet?

Viele Coaches lassen sich verrückt machen von den Medizinern, die Regeneration wurde fast wichtiger als das Training. Da kann ich nur lachen. Manchmal kommt der Felix in mein Büro und fragt mich: Kalle, erinnerst du dich daran, wie es in den Siebziger- und Achtzigerjahren war? Er hat Recht. Unter Dettmar Cramer habe ich zehn Mal in der Woche trainiert. Von wegen Quälix Magath, wir haben damals härter geschuftet.

Das heißt, das weiße Ballett, die schön spielenden Bayern, gibt es nicht mehr, es lebe der Arbeiterklub FC Bayern!

Ottmar Hitzfeld ist da nichts anzulasten, er hat den Begriff „weißes Ballett“ nicht erfunden. Aber richtig ist, dass wir eine neue Philosophie gebraucht haben.

Das passt ja gut in die Zeit: Die Wirtschaft ist schwach, nun soll wieder mehr und länger gearbeitet werden.

Ich meine das nicht politisch. Es passt aber insofern in die Zeit, weil die Macht des einzelnen Spielers wieder hinter dem Gesamtinteresse des Klubs zurücktreten muss. Wir müssen zurück zu unseren eigenen Idealen: Entscheidungen in der Vereinsführung gemeinsam fällen und mit Fußballverstand ein funktionierendes Team zusammenstellen.

Das klingt nicht gerade revolutionär.

In vielen europäischen Spitzenklubs ist das nicht mehr die Basis des Handelns. Nehmen wir Real Madrid. Die können sehr viel mehr Geld ausgeben als wir, aber sie haben kein Gefühl mehr für den Fußball, sie können ihn nicht einschätzen, Sie wissen nicht, was in Köpfen von Fußballern vorgeht. Real ist doch keine Mannschaft, sie können keinen Teamgeist entwickeln, nur Egoismen. Ein Beckham wird nicht geholt, weil er so großartig Fußball spielt – ein so großartiger Spieler ist er auch gar nicht –, sondern um mit der Marke Beckham Geld zu verdienen. Da machen wir nicht mit.

Auch der FC Bayern unterliegt den Marktgesetzen. Auch Sie wollen Geld verdienen.

Aber bei uns steht die Mannschaft im Vordergrund. Wir machen nur Dinge, die dem Fußball Rechnung tragen. Achtzig Prozent unserer Diskussionen im Vorstand drehen sich nur darum, wie die Mannschaft erfolgreich spielen kann. Unser Marktpotenzial in Japan ist da erst einmal zweitrangig. Der FC Bayern muss immer ganz vorn dabei sein. Das ist unsere Verpflichtung, eine extrem hohe, geboren aus 30-jähriger Tradition. Deshalb wollte ich auch unbedingt, dass wir Herbstmeister werden. Nur so können Sie auch den Klub besser vermarkten.

Sie sind in der Bundesliga vorn, sind sie auch international wettbewerbsfähig?

Finanziell nicht. Deshalb brauchen wir mehr Geld aus den Fernseheinnahmen.

Uli Hoeneß fordert insgesamt 500 Millionen Euro ab der Saison 2005/2006 und eine Gebührenerhöhung von der ARD.

Fakt ist, dass die Bundesliga mit den derzeitigen 300 Millionen Euro pro Jahr in Europa nur an fünfter Stelle liegt. England, Italien, Spanien liegen vorn, und selbst Frankreich hat noch doppelt so viele Einnahmen wie wir. In Spanien, wo eine dezentrale Vermarktung im TV stattfindet, nimmt allein Real Madrid bis zu 125 Millionen Euro ein.

Sie sind auf die Öffentlich-Rechtlichen angewiesen. Wer soll Ihre Idee bezahlen?

Fußball ist nun mal das wichtigste Produkt für Fernsehanstalten. Die Sportschau ist eine wunderbare Sendung, aber die ARD zahlt dafür keinen adäquaten Preis. Das sind politische Preise. In Deutschland trauen sich die Verantwortlichen nicht, offensiv zu vertreten, dass ein gutes Produkt nun mal viel Geld kostet. Aber wenn die ARD nicht bereit ist, mehr zu zahlen oder nicht mehr zahlen kann, müssen wir Alternativen suchen.

Wie wollen Sie das ändern? Die anderen, RTL und Sat1, können sich Ihr teures Produkt schon lange nicht mehr leisten.

Wenn man ehrlich ist, dann kommen in Europa die größten Steigerungsraten aus dem Pay-TV. Wir haben da Fehler gemacht, aber ich glaube, dass Herr Kofler mit seinem Sender Premiere noch große Dinge vorhat.Und wir sollten wieder intensiver über Pay per view nachdenken…

…über einzeln zu empfangende und zu bezahlende Spiele.

Das klappt in anderen Ländern. In Deutschland hat es einen erfolgreichen Test gegeben, nur verdienten wir dabei das meiste Geld. Und das war anscheinend nicht gewollt, dabei wären wir zu Ausgleichszahlungen bereit gewesen.

Sie haben häufiger Vereinen in Not geholfen. Würden Sie das auch für Ihren alten Konkurrenten Borussia Dortmund tun?

Wir haben den Dortmundern schon einmal geholfen, als es ihnen in den Achtzigerjahren schlecht ging. Obwohl wir uns oft gestritten haben, schätze ich die Kollegen dort. Ich kann mir vorstellen, auch jetzt wieder zu helfen.

Wie erklären Sie, dass ehemalige Fußballer wie Sie, Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer, besser wirtschaften als Wirtschaftsfachleute wie in Dortmund?

Wir haben nicht nur eine extreme Verantwortung, sondern auch eine extreme Beziehung zu diesem Klub. Eine extrem emotionale Bindung. Ein ehemaliger Vizepräsident hat einmal gesagt: Egal, wie sehr man sich manchmal streitet, am Ende muss jedem klar sein: Wir alle dienen dem FC Bayern. Das hört sich pathetisch an, stimmt aber bis heute. Unsere Aufgabe ist es zu verhindern, wie Dortmund in eine Abhängigkeit zu geraten und mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Dann kann niemand mehr seinen Klub so führen, wie es notwendig wäre.

Wie funktioniert das Führungsteam des FC Bayern, wer entscheidet – zum Beispiel, als Lizarazu jetzt zurück wollte?

Ganz einfach. Der Lizarazu hat den Uli angerufen und gefragt. Nach dem Gespräch hat Uli mich gebeten, darüber nachzudenken, dann haben wir Felix Magath informiert und haben alle drei zwei Tage allein nachgedacht. Dann fanden alle, es macht Sinn, das Risiko ist gering. Und schon war die Entscheidung klar.

Franz Beckenbauer wurde nicht gefragt?

Wir sind für das operative Geschäft zuständig. Wir bringen die Fragen des Tagesgeschäfts zur Entscheidungsreife. Dann informiere ich Franz, so war es auch in diesem Fall. Er fand es gut.

Hätte er auch sein Veto einlegen können und die Sache platzen lassen?

Nein, rein vom Geschäftsplan her nicht. Aber es ist bei uns ein heiliges Gesetz, dass nie abgestimmt wird. Es wird so lange diskutiert, bis alle eine Entscheidung gefunden haben. Die größte Diskussion, die hier jemals stattgefunden hat, war die um Stefan Effenberg. Ich war einer, der seine Verpflichtung nicht unkritisch gesehen hat. Zum Schluss war der Ottmar Hitzfeld der Meinung, wir sollten es tun, weil uns so ein Spieler weiterbringt. Da habe ich gesagt: Okay, ich trage das mit. Und ich hätte, wenn Effenberg ein Flop geworden wäre, nie in der Öffentlichkeit gesagt, ich war ja dagegen.

Wird jeder Trainer gleich einbezogen?

Es gehört zu unserer Philosophie, den Trainer einzubeziehen, wir würden keinen Transfer machen, wenn der Trainer einen Spieler nicht will. Das macht keinen Sinn, auch wenn es beispielsweise in Italien anders praktiziert wird.

Mussten Sie, als Sie 1991 neu hinzukamen, diese Philosophie erst lernen?

Oh ja, ich hatte meine Lehrjahre. Ich gebe gerne zu, dass ich mit vielen Ideen hierher kam und auch Fehler gemacht habe. Aber ich wurde auch nicht mit Vorschusslorbeer überhäuft, im Gegenteil: Viele waren skeptisch, reserviert, ob ich das kann. Das hat mich auch angespornt.

Sie kannten das aus der Spielerzeit. Beckenbauer sagte einst: Der wird nie einer.

Der Spruch geht anders und ist geboren am Tag, als wir in Paris gegen Leeds United 2:0 gewonnen haben und Pokalsieger der Landesmeister wurden. Danach hat man Franz gefragt, wie es weitergeht, ob er Spieler sieht, die Bayern weiterhelfen. Da sagte er, und ich kam gerade vorbei, es gäbe da einen, aber der Rummenigge ist ne’ Bratwurscht. Ich war auf 180, aber meine Frau hat mich weggezogen, die war klug. Dieser Satz hat mich angetrieben. Dann habe ich Urlaub auf Sylt gemacht und jeden Tag trainiert. Zur Vorbereitung war ich fit wie ein Turnschuh und rannte jeden in Grund und Boden.

Später wurden Sie mit einem Lied veralbert…

…jetzt kommen die „sexy knees“...

Das Lied des englischen Duos „Alan & Denise“ aus den Achtzigern. „Rummenigge, Rummenigge all night long“.

Erst war ich total genervt. Dann habe ich die beiden kennen gelernt und fand sie sehr nett. In Hamburg wurde das Lied einmal als Provokation gegen mich eingesetzt. Ich spielte bei Inter Mailand, damals galt es ja noch als Vaterlandsverrat, ins Ausland zu wechseln. Vor dem Spiel beim HSV wurde ich beim Aufwärmen ausgebuht und beschimpft. Und dann spielten sie auch noch das Lied. Ich brach das Aufwärmen nach drei Minuten ab. Mein damaliger Trainer fragte mich im Kabinengang, warum ich mich nicht aufwärme. Ich sagte nur: „Trainer, ich bin nicht warm. Ich bin heiß.“

Beim FC Bayern, der die gezielte Provokation immer wieder gern einsetzt, haben Sie das Provozieren dann selbst ganz gut gelernt. Letztens haben Sie erst Bundestrainer Klinsmann vorgeworfen, er sei schuld an den Fehlern von Oliver Kahn.

Wir standen von der ersten Minute an voll hinter Klinsmann. Im Gegensatz zu den vielen Skeptikern. Das vorweg. Aber ich muss in erster Linie die Interessen unseres Klubs vertreten, und ich habe ihm gesagt: Du hast ohne Not diese Diskussion um die Nummer eins im Tor der Nationalmannschaft losgetreten. Du hast vom ersten Tag an einen Spieler in Frage gestellt, der ein Stammspieler war und dem Boulevard damit alle Türen geöffnet. Beide Torhüter werden dieses öffentliche Gezerre womöglich nicht verkraften.

Und was hat Klinsmann erwidert?

Er sieht das anders, er will diesen Konkurrenzkampf. Aber vielleicht erledigt sich das ja jetzt von alleine. Wenn Lehmann keinen Stammplatz mehr hat, muss der Olli wieder gesetzt sein.

Stört es den FC Bayern, dass einer wie Klinsmann öffentlich seinen absoluten Führungsanspruch deutlich macht?

Nein. Trotz des FC Bayern, die Nationalmannschaft ist die wichtigste Mannschaft in Deutschland. Deshalb ist Klinsmann der beste, der überfällige Vertreter. Seit den Neunzigerjahren haben sich die Probleme angesammelt, niemand ist sie angegangen, Klinsmann macht es. Ich bin mit Rudi Völler befreundet, aber so wie Klinsmann es macht, ist es der einzige richtige Weg.

Aber er regiert Ihnen als Klub indirekt hinein: Er hat die Kahn-Debatte ausgelöst, er macht Ballack zum Kapitän, lässt ihn da spielen, wo er am liebsten spielen will, er holt Deisler zurück.

Wir haben sogar indirekt davon profitiert, denn die Kapitänsrolle hat Ballack sehr gut getan.

Ist Klinsmann Ihnen nicht zu spontan?

Nein, er tut alles für den maximalen Erfolg. Und wenn er sagt, ich fahre nicht 40 Minuten jeweils hin und her, wie beim Quartier in Leverkusen, dann habe ich dafür volles Verständnis. Und wenn er sagt, ich bleibe weiter in Amerika wohnen, finde ich das völlig in Ordnung. Der Jürgen Klinsmann braucht diese Freiheiten, um richtig kreativ zu sein. Man darf ihn nicht in eine Schublade stecken wie einen normalen deutschen Fußballer. Das ist er nicht. Nur können die Deutschen so etwas nur schwer akzeptieren, wenn jemand anders ist, nicht konform.

Das Gespräch führten Markus Hesselmann und Armin Lehmann.

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