WM 2014: Deutschland - Frankreich : Die geheime Taktik des Joachim Löw

Nach Deutschland - Algerien und vor Deutschland - Frankreich sprechen Joachim Löw und Hansi Flick über Innenverteidiger-Knappheit und Freistoßtricks. Wir veröffentlichen exklusiv, wie das Gespräch im Bus mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ablief.

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Joachim Löw und sein Co-Trainer Hand-Dieter Flick.
Joachim Löw und sein Co-Trainer Hand-Dieter Flick.Foto: dpa

Nacht in Brasilien. Die deutsche Mannschaft auf der Heimfahrt vom Spiel gegen Algerien. Die Klimaanlage surrt leise, ganz vorne im Bus sitzt Bundestrainer Joachim Löw und stiert in die tropische Dunkelheit. Sein Co-Trainer Hansi Flick auf dem Platz neben ihm ist eingeschlafen.

LÖW: Hansi. Hansi, wach auf. Hansi.

Flick wacht auf, reibt sich die Augen.

LÖW: Hansi, ich hab nachgedacht. Ich glaube, wir haben ein Problem.

FLICK (müde): Aha.

LÖW: Der Shkodran kann nicht mehr spielen. Muskelbündelriss, sagt Mull.

FLICK (matt): Aha.

LÖW: Hansi, verstehst du nicht? Shkodran weg, Hummels krank – wir haben nur noch drei Innenverteidiger im Kader! Drei!

FLICK (erschöpft): Jogi, lass uns morgen darüber reden ...

LÖW: Nein Hansi, was sollen wir machen? Nur drei Innenverteidiger! Wir brauchen doch vier! Vier! Das hatten wir doch besprochen! Hansi!

FLICK (setzt sich aufrecht hin und reibt sich den Schlaf aus den Augen): Ich weiß, dass wir das besprochen haben.

LÖW: Und jetzt die Franzosen, Hansi! Da brauchen wir Robustheit und Zweikampfstärke.

FLICK: Wir haben doch noch den Ginter. Der kann Manndecker, der hat in Freiburg Innenverteidigung gespielt.

LÖW (krempelt sich hektisch die Ärmel hoch): Ginter ist ein gelernter Mittelfeldspieler, den jemand mal zum Innenverteidiger umgeschult hat. Ich will aber gelernte Innenverteidiger, die Außenverteidiger spielen. Nur so rum macht es Sinn! Nicht andersrum!

FLICK (vorsichtig): Wir könnten es doch auch damit probieren – nur ein Vorschlag –, einen Außenverteidiger Außenverteidiger spielen zu lassen. Der Philipp ...

LÖW: Nein! Damit rechnen doch alle! Bei einer Weltmeisterschaft muss man innovativ denken! Nachhaltig innovativ! Van Gaal spielt 5-3-2 mit Dirk Kuyt links hinten! Ich will meine vier Innenverteidiger! Zweikampfstärke! Robustheit! Der Philipp ist ein Sechser! Ein abkippender Sechser! Keiner kippt so ab wie Philipp! Keiner! (schnappt nach Luft). Ich hab’ eine Idee – hol mir den Miro.

Flick steht auf und verschwindet im hinteren Teil des Busses. Kurz darauf kommt er mit Miroslav Klose wieder.

LÖW: Miro, wie lange bist du jetzt schon Stürmer?

KLOSE: Seit 25, 30 Jahren, würde ich sagen.

LÖW: Dann weißt du doch sehr gut, wie Innenverteidiger ticken, oder? Zweikampfstärke, Robustheit, und so weiter.

KLOSE: Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen, Trainer.

LÖW: Miro, ich frage dich frei heraus: Willst du gegen Frankreich von Anfang an spielen oder nicht?

KLOSE: Als Spieler will man immer spielen, Trainer.

LÖW (feierlich): Dann verspreche ich dir hiermit, dass du am Freitag anfängst. Als Innenverteidiger neben Per! Boateng rückt nach außen. Es gibt viele Innenverteidiger, die früher Stürmer waren! Van Buyten! Sverrisson! Alles Mittelstürmer gewesen! Du kannst das! Die Vier muss stehen!

KLOSE: Aber Trainer ... was ist mit meinem großen Ziel? Sie wissen schon, mehr WM-Tore als Ronaldo? Der Rekord? Unsterblichkeit?

LÖW (dreht den Kopf zum Fenster und schaut wieder ins Dunkle. Seufzt): Unsterblich wird man nicht mit Toren, Miroslav, sondern mit Innovationen. In 100 Jahren interessiert niemanden mehr, wer welches Tor geschossen und welchen Titel gewonnen hat. 2:1, 4:0, 4:4 – alles nur Zahlen. Ballack, Balotelli, Algerien – alles nur Namen. Am Ende  zählt nur, wer den Fußball vorangebracht hat.

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