WM 2014 - Hofberichterstattung aus Brasilien : Katrin Müller-Hohenstein und Lukas Podolski am Pool

Katrin Müller-Hohenstein und Lukas Podolski halten zusammen die Füße ins Wasser. Und auch sonst: ARD und ZDF berichten aus Brasilien von der Nationalmannschaft mit immer weniger Distanz.

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Kühle Füße, flammendes Herz: Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein mit Lieblingsspieler Lukas Podolski.
Kühle Füße, flammendes Herz: Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein mit Lieblingsspieler Lukas Podolski.Foto: ZDF

„Am meisten bewundere ich Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel“, platzt es aus der Parlamentkorrespondentin des ZDF heraus, hinter ihr der Reichstag bei Nacht. „Und ich frage mich: Wie cool ist dieser Mann eigentlich?“ Aber natürlich: Im Politikressort ist ein solcher Beitrag undenkbar, er würde sofort als Propagandajournalismus gebrandmarkt. Wir sind hier doch nicht in Nordkorea!

In der Hofberichterstattung, die die öffentlich-rechtlichen Sender aus dem Lager der deutschen Nationalmannschaft in Brasilien abliefern, gehören Äußerungen wie diese jedoch zum Modus Operandi: „Am meisten bewundere ich Bundestrainer Joachim Löw“, schwärmte Katrin Müller-Hohenstein, hinter ihr das Mannschaftshotel bei Nacht. „Und ich frage mich: Wie cool ist dieser Mann eigentlich?“ Die Antwort gab sie nicht, aber wir kennen sie ja bereits: Unfassbar cool muss dieser Löw sein, den das ZDF nur Minuten zuvor als einsam-fokussierten Strandjogger gezeigt hatte, mit Gischt im Haar und im sorgsam ausgewählten Kapuzenjäckchen, telegen auf die Kameras zusprintend. Eine Szene wie aus der Deodorant-Reklame.

Und ein Beleg des Schland-trunkenen Inszenierungs- willens der Anstalten, unterfüttert von distanzlosem Ranschmeißjournalismus. ARD-Kommentator Gerd Gottlob etwa spricht von „Wir“, wenn er die deutsche Nationalmannschaft meint, der Fernseh-Azubi Hasan Salihamidzic darf sich mit ehemaligen Mitspielern am Swimmingpool in den Feierabend giggeln. An einem anderen Beckenrand saß wiederum Katrin Müller- Hohenstein mit ihrem Lieblingsstümer Lukas Podolski, sie malten mit den Zehen Kringel ins kühle Nass. Wesentlich interessanter als das so genannte Interview war die Frage: Wann schubst er sie endlich rein? Das war ja damals, im Freibad Bergheim, wo Poldi die Sommerfreien verbrachte, die höchste Form der Liebesbekundung.

Freilich gibt es derzeit nichts zu skandalisieren im Lager des DFB, mal abgesehen vom Altherrengezänk zwischen Präsident Wolfgang Niersbach und seinem Vorgänger Dr. Theo Zwanziger. Sportlich läuft es gut, und das ist auch durchaus wünschenswert. Aber es ist kein Grund für die Sender, derart affirmativ zu Werke zugehen, dass man glauben könnte, sie seien der verlängerte Arm der DFB-Pressestelle.

Es ist so ähnlich wie beim Karneval: Alle zwei Jahre, bei den großen Turnieren, wird Deutschland zu Schland, einer Nation der Narren. Den Fans sei dieser Ausnahmezustand vergönnt und verziehen. Die Sender und ihre Journalisten allerdings dürfen sich davon nicht mitreißen lassen. Denn was geschieht etwa, wenn die Nationalmannschaft doch noch frühzeitig ausscheidet – ein Szenario, das nach nur einem Spiel und der begleitenden Schwärmerei noch unwahrscheinlicher erscheint, als dass Joachim Löw mal schlecht angezogen ist? Für diesen Fall braucht es kritische Analysen und harte Fragen. Und keine weinenden Journalisten am Pool. Dirk Gieselmann

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