WM in Brasilien : Strategie gegen Strapazen

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien – wer sie gewinnen will, muss seine Spielweise ans Klima anpassen. Das stellt auch für die deutsche Nationalmannschaft eine Herausforderung dar.

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Grafik: Tsp/Bartel

Die deutsche Fußball-Nationalelf darf sich berechtigte Hoffnungen auf den WM-Titel machen. Das hat Wolfgang Niersbach gerade gesagt. Allerdings in dem Wissen, dass das auf einige andere Nationen ebenfalls zutrifft. Da wären Gastgeber Brasilien, Titelverteidiger Spanien, Argentinien und Italien – die üblichen Verdächtigen eben. Allerdings warnte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) davor, sich über die strapaziösen Bedingungen zu beschweren. „Wir dürfen den Fehler nicht machen, das jeden Tag zu beklagen, zu lamentieren und zu nörgeln, denn wenn wir das anfangen, dann werden wir nicht bestehen“, sagte Niersbach. Auch Joachim Löw forderte unlängst, die Bedingungen anzunehmen. „Es wird eine WM der Strapazen geben. Wir müssen es so akzeptieren und uns bestens vorbereiten“, sagte der Bundestrainer. Mit anderen Worten: Man braucht eine Strategie – Strategie schlägt Strapazen.

Unbestritten ist, dass die besonderen klimatischen Verhältnisse bei der kommenden Weltmeisterschaft Einfluss auf die Spielweise haben werden. Wie groß dieser sein wird, hängt wiederum davon ab, inwiefern die Bedingungen adaptiert werden.

Ein erster Fingerzeig war in dieser Hinsicht der Confed-Cup im vergangenen Sommer in Brasilien. „Ich glaube, dass die Bedingungen in Brasilien das Tempo bestimmen werden. Man wird nicht viel Pressing sehen“, sagte der frühere Liverpooler Trainer Gerard Houllier. Houllier war Mitglied der Technical Study Group, die die Mini-WM im Sommer 2013 ausgewertet hat. Insbesondere wegen der hohen Luftfeuchtigkeit in vielen Spielorten sowie der langen Reisen über mehrere tausend Kilometer werde es Spielern und Mannschaften an Kraft fehlen. „Wenn man in der Hitze oder im Regen spielt, muss man den Ball sicher in den Fuß spielen können. Deswegen ist Brasilien gefährlich, weil sie daran gewöhnt sind“, sagte Houllier. Seine Prognose lautet: Man muss mit seinen Kräften sparsam umgehen; kraftraubendes Pressing, bei der die Mannschaften hoch stehen und den Gegner frühzeitig und permanent attackieren, sei der falsche Ansatz. Ist das aber nicht gerade der Stil, den die deutsche Mannschaft verfolgt und zumindest in Europa mit Erfolg praktiziert?

Eigentlich hatte man im deutschen Lager mit Spielorten während der Vorrunde im kühleren Süden des riesigen Landes geliebäugelt. Nun sind es aber drei Spielorte im tropisch heißen Nordosten geworden: Salvador (16. Juni, gegen Portugal), Fortaleza (21. Juni, gegen Ghana) und Recife (26. Juni, gegen die USA). Dazu kommen die ungewohnten Anstoßzeiten von zweimal 13 Uhr und einmal 16 Uhr Ortszeit (18 Uhr und 21 Uhr in Europa). „Wenn du dreimal in der Hitze spielst, ist das nicht so einfach zu verkraften. Gerade bei einem Anstoß zur Mittagszeit wird man viel Substanz brauchen“, sagte Löw.

Als erste Reaktion modifizierte der DFB seine WM-Vorbereitung. Der deutsche Tross wird am 7. Juni nach Brasilien fliegen und einen Tag später sein Stammquartier „Campo Bahia“ beziehen. Auf ein zweites Trainingscamp in Uruguay, das in den ursprünglichen Planungen stand, verzichtete Löw. „Wir wollen frühzeitig unser WM-Quartier beziehen, um genug Zeit zu haben, uns zu akklimatisieren“, sagte Assistenzcoach Hansi Flick. Gerade in der letzten Phase der Vorbereitung sei es wichtig, dass man die klimatischen Bedingungen adaptiere.

Das „Campo Bahia“ liegt 30 Kilometer nördlich des beliebten Urlaubsortes Porto Seguro. Von hier sind die Reisestrapazen für die deutsche Mannschaft in der Vorrunde vergleichsweise gering. Kein Flug dauert länger als 90 Minuten. Zudem entgeht die deutsche Mannschaft dem Verkehrschaos vieler anderer Großstädte. Allerdings bleibt es wegen der frühen Anstoßzeiten nach wie vor eine Überlegung, schon zwei Tage vor dem Spiel aus dem Hauptquartier in den Spielort zu fliegen. Löw verwies darauf, dass sich dadurch höchstwahrscheinlich auch die gewohnten Abläufe, von den Essens- und Trainingszeiten bis hin zu den Regenerationszeiten, verändern müssten. „Wir haben ja schon erlebt, dass es an ganz winzigen Dingen, an Nuancen, hängt, ob man ins Finale kommt oder zuvor ausscheidet“, sagte Löw. Soweit die logistischen Herausforderungen. Doch inwiefern wird sich das Spiel der Deutschen verändern müssen?

Powerfußball über die gesamte Spielzeit ist bei extremer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit kein Rezept. Beim Confed-Cup gewann am Ende das Team, das das Tempo variieren konnte. Grundsätzlich aber wird kein Team gegen sein Naturell spielen können. Das, was die Deutschen derzeit stark macht, das offensive Agieren, wird grundsätzlich beibehalten werden müssen. Fragt sich nur, wie es gewinnbringend dosiert werden kann? Denn auch hier förderte der Confed-Cup interessante Hinweise zutage.

Das Pressing beschränkte sich auf bestimmte Phasen des Spiels, vor allem aber auf die Anfangsviertelstunde. Brasilien etwa trachtete in den ersten zehn, 15 Minuten auf Ballgewinne in der gegnerischen Spielfeldhälfte, um also wenig Raum zwischen Ballgewinn und gegnerischem Tor zu haben. Gruppengegner Japan und Mexiko gerieten durch sehr frühe Gegentore vorentscheidend ins Hintertreffen, auch Spanien musste im Finale einen frühen Rückstand hinterherlaufen. Anschließend schraubte Brasilien die Intensität deutlich zurück, die Spieler cruisten über das Feld, behaupteten geschickt den Ball und verwalteten das Spiel. Auffällig dabei auch Folgendes: Wenn die ersten Balleroberungsversuche scheiterten, zogen sie sich rasch in ihre Grundordnung zurück. Und: Nach eigenen Ballverlusten in der gegnerischen Spielfeldhälfte drängten sie nicht mit aller Macht auf eine sofortige Rückeroberung des Balls, wie es Borussia Dortmund und der FC Bayern beispielhaft praktizieren, sondern die Brasilianer ließen sich fallen, um nicht von Konterangriffen des Gegners überrascht zu werden. Die Mannschaft von Trainer Luiz Felipe Scolari war regelrecht bemüht, das Spiel nach eigenem Ballverlust schnellstmöglich zu unterbrechen. Nicht durch grobes Foulspiel, eher durch Halten oder körperliche Rempelei, also taktische Fouls. Was in Europa oft mit einer Gelben Karten bestraft wird, ließen die Schiedsrichter beim Confed-Cup auffällig oft ohne Verwarnung durchgehen. Auf diese Besonderheit gilt es sich einzustellen.

Eine weitere Erkenntnis war die Bedeutung von Standards. So fiel ein Drittel aller Tore durch Standardsituation oder direkt im Anschluss daran. Vor allem in der K.-o.-Runde wurden Spiele durch sogenannte ruhende Bälle entschieden, entweder durch Ecken oder im Elfmeterschießen. Letzteres gilt durchaus als Spezialität der Deutschen, Tore nach Ecken allerdings nicht so sehr. Die Mehrheit ihrer Tore erzielt die Mannschaft von Löw aus dem Spiel heraus nach Kombinationen oder nach frühen Ballgewinnen. Interessant ist weiterhin, dass eine erstaunlich hohe Anzahl der Tore (25 Prozent) in der Schlussviertelstunde fiel. Ein sicheres Zeichen für die Ermüdung der Spieler, insbesondere der Verteidiger gegen Ende der Spiele. Ein weiteres Indiz dafür ist die steigende Zahl der Fouls mit zunehmender Spielzeit.

„Diese Erkenntnisse werden natürlich in unser Tun einfließen“, sagt Hans-Dieter Flick, der vor allem für die Trainingssteuerung verantwortlich ist. Aufgrund der Bedingungen wird vermutlich kein europäisches Team hohes Angriffspressing spielen. Gut möglich, dass das Spiel der Deutschen etwas reservierter angelegt ist, um sich vor allem zum Ende der Spiele eine gewisse Frische und Konzentrationsfähigkeit zu erhalten.

Das Klima während des Turniers ist zwar nicht das Entscheidende, es aber zu ignorieren wäre fahrlässig. Ähnlich wie die Brasilianer beim Confed-Cup werden die Deutschen gerade in der Anfangsviertelstunde intensives Pressing spielen, dann aber immer wieder in ihre Grundordnung finden. Am Ende wird es eine Risikoabwägung sein. Auch hier gilt: Wer im Ballbesitz bleibt, muss dem Ball nicht unnötig hinterherjagen. Für das deutsche Team sollte es von Vorteil sein, dass es beides praktizieren kann – Pressen und Fallenlassen.

Für eine solche Spielweise ist eine hohe Ballsicherheit vonnöten gepaart mit kurzen Ballkontaktzeiten. Das heißt, der Ball muss sicher und schnell in den eigenen Reihen zirkulieren, das allerdings ergebnisorientiert. Wer nur den Ball besitzt und zirkulieren lässt, ohne Tiefe in die Aktionen zu bekommen, wird es schwer haben. Spanien etwa ermüdete beim Confed-Cup erstaunlich schnell. Demgegenüber taten sich sogenannte reaktive Teams wie Italien erstaunlich leicht. Gerade die Mannschaft von Cesare Prandelli, die nicht so sehr auf Ballbesitz aus ist, relativ wenig presst, dafür aber bei aller Variabilität taktisch sehr sicher agiert, könnte unter den klimatischen Gegebenheiten ein wichtige Rolle spielen. Auch die Schweiz und England praktizieren diese Spielweise.

Die Deutschen hingegen bevorzugen die aktive Spielweise, das dominante Ballbesitzspiel. Es ist das etwas aufwendigere Spiel, es sei denn, man macht wenig Fehler. Von Vorteil könnte hier auch das vergleichsweise geringe Durchschnittsalter der Löw-Spieler sowie ihre technische Beschlagenheit sein. Viele Mannschaften werden unter den Gegebenheiten ihr Heil in einer kompakten Spielweise suchen. Gut möglich also, dass die WM auch ein Turnier der Einzelkönner wird, die kreativ und abschlussstark sind.

Die Chancen für die Deutschen sollten nicht schlecht stehen, auch wenn es noch keinem europäischen Team gelungen ist, in Südamerika den Titel zu holen. Doch gegen den Gastgeber spricht auch ein Fakt: Noch nie wurde ein Confed-Cup-Sieger im folgenden Jahr Weltmeister.

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