WM-Kader : Vier müssen gehen, Kramer neu dabei

Joachim Löw streicht Marcell Jansen, Max Meyer, Leon Goretzka und André Hahn. Dafür holt er Christoph Kramer in seinen Kader. Wer aber zur WM fährt, hängt von Sami Khedira ab.

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Er fährt mit. Bundestrainer Joachim Löw (r.) nominiert Christoph Kramer (M.) für seinen WM-Kader nach. Foto: dpa
Er fährt mit. Bundestrainer Joachim Löw (r.) nominiert Christoph Kramer (M.) für seinen WM-Kader nach.Foto: dpa

Christoph Kramer ist ein sehr gewissenhafter Typ. Über jedes Fußballspiel, das er bestreitet, verfasst Kramer einen kleinen Bericht. Rund 300 Spielberichte sind es inzwischen, seitdem er in der B-Jugend bei Fortuna Düsseldorf damit angefangen hat. Manchmal hat Kramer auch ganz allgemein seine Ziele als Fußballer niedergeschrieben. In einem seiner frühen Werke ist zum Beispiel zu lesen, dass er es später gerne in die Dritte Liga schaffen würde. Inzwischen wäre das ein schlimmer Karriererückschritt. Seit Dienstag, seit seinem Einsatz beim 0:0 gegen Polen, darf sich Kramer nicht nur deutscher Nationalspieler nennen – für ihn hat sich, quasi über Nacht, sogar die Perspektive WM in Brasilien aufgetan.

Auf den letzten Drücker hat es der defensive Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach noch ins vorläufige WM-Aufgebot geschafft, das Bundestrainer Joachim Löw am späten Dienstagabend offiziell an den Weltverband Fifa melden ließ. Im vor-vorläufigen 30er-Kader, den Löw vor einer Woche vorgestellt hat, war Kramer noch nicht vertreten. Dafür wurde sein künftiger Gladbacher Teamkollege André Hahn komplett aus dem Aufgebot gestrichen. Die beiden Schalker Max Meyer und Leon Goretzka sowie Marcell Jansen vom HSV gehören ihm pro forma weiterhin an. Sie müssen sich auf Abruf bereithalten, reisen allerdings in der nächsten Woche nicht mit ins Trainingslanger nach Südtirol. Kevin Volland, Erik Durm, Shkodran Mustafi und Matthias Ginter haben hingegen die nächste Hürde in Löws Nominierungsverfahren erfolgreich genommen.

Die große Überraschung der zweiten Nominierungsphase aber ist die Beförderung von Christoph Kramer, der sich damit als der große Gewinner des viel bekrittelten Polen-Länderspiels fühlen darf. Bei seinem Debüt in der Nationalmannschaft bildete der 23-Jährige gemeinsam mit dem Hoffenheimer Sebastian Rudy die Doppelsechs. Kramer wirkte sehr präsent, er hatte dem Anschein nach von allen Spielern die meisten Ballkontakte und war, wie immer eigentlich, überall auf dem Platz zu finden. Der Gladbacher ist der laufstärkste Spieler der Bundesliga. Im Schnitt bringt er es auf mehr als 13 Kilometer pro Spiel – als einziger Bundesligaspieler überhaupt.

Christoph Kramer gehört zu den Gewinnern des Polen-Spiels

„Christoph Kramer hat in Training und Spiel einen hervorragenden Eindruck hinterlassen“, sagte der Bundestrainer zu seiner überraschenden Entscheidung. Dass Kramer, der vor einem Jahr noch mit dem VfL Bochum gegen den Abstieg aus der Zweiten Liga gekämpft hat, noch ein bisschen von der WM träumen darf, hat er aber wohl in erster Linie seiner Position zu verdanken. „Im zentralen Mittelfeld haben wir einige Spieler, die zuletzt ein wenig angeschlagen waren oder längere Pausen hinter sich haben“, sagte Löw. „Wir wollen deswegen eine weitere Option mit ins Trainingslager nehmen, um für alle Falle vorbereitet zu sein.“

Bei Löw kreist alles um das Zentrum – und in dem steht mehr denn je Sami Khedira, der am Wochenende sechs Monate nach seinem Kreuzbandriss erstmals wieder für Real Madrid zum Einsatz gekommen ist. Alles ist auf Khedira ausgerichtet. Von ihm und seinem Gesundheitszustand hängt alles ab, bis hin zur finalen Zusammensetzung des WM-Kaders.

Überspitzt ausgedrückt: Wenn der Bundestrainer in Südtirol zu der Erkenntnis gelangt, dass der defensive Mittelfeldspieler Khedira im Vollbesitz seiner Kräfte und damit in Brasilien uneingeschränkt verwendungsfähig ist, könnte das für den Rechtsverteidiger Benedikt Höwedes das WM-Aus bedeuten. Weil Philipp Lahm dann nicht im Mittelfeld benötigt werden würde, sondern hinten rechts auflaufen könnte und mit Kevin Großkreutz und Höwedes ein Ersatzmann zu viel im Kader stünde.

Seit dem Tag im November, an dem sich Khedira das Kreuzband gerissen hat, hat Joachim Löw immer wieder die rechtzeitige Rückkehr seines Führungsspielers prophezeit. Inzwischen wird diese Hoffnung mehr und mehr real. Löw sieht die Entwicklung bei Khedira „sehr, sehr positiv“. Der Heilungsverlauf sei ohne Störung verlaufen, Knie und Muskulatur seien absolut in Ordnung. „Wir werden einen Sami Khedira antreffen, der mit einer unglaublich guten Basis kommt“, sagt der Bundestrainer. „Der brennt auf diese WM.“ Vor allem aber brennt Löw auf Sami Khedira.

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