Zeitfahrer Sebastian Lang : ''Billige Ausreden … Idioten … kein Gehirn''

Doping, überall nur Doping: Gerolsteiner-Profi Sebastian Lang distanziert sich von seinen Radfahrer-Kollegen und kritisiert Erik Zabels Nominierung für die Rad-WM.

Tobias Schall
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Fährt gerne alleine. Sebastian Lang hat nach eigener Aussage wenig Freunde unter den Radprofi-Kollegen. -Foto: dpa

StuttgartEs war ein beschaulicher Nachmittag auf Stuttgarts Höhen in Degerloch. Das Waldhotel bot ein malerisches Bild. Hinter den Bäumen schimmerten die letzten Sonnenstrahlen des Tages durch. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hatte ins Mannschaftshotel geladen, um auf die Rad-WM einzustimmen. Da saßen sie dann, die U-23-Fahrer Marcel Kitter und Stefan Schäfer, dann die beiden Frauen fürs Zeitfahren, Hanka Kupfernagel und Charlotte Becker, und sie zwitscherten ganz nach dem Geschmack des BDR hier ein bisschen was zur WM-Strecke, dort ein wenig zur Dopingproblematik. Das Podium nickte, die Funktionäre wie Sportdirektor Burckhard Bremer, die Präsidiumsmitglieder Harald Pfab oder Udo Sprenger. Dann kam Sebastian Lang.

Heute startet Lang im Zeitfahren, aber gut möglich, dass sein Auftritt im Waldhotel länger im Gedächtnis bleibt als seine sportliche Leistung: „Mich ärgert der Start von Erik Zabel. Ich glaube ihm nicht, dass er nur eine Woche gedopt hat. Ich habe Respekt vor Eriks Leistung, aber ich hätte erwartet, dass er den Jungen und dem Radsport eine Chance auf einen Neuanfang gibt.“

Die eben noch so beschauliche Welt brachte Lang ins Wanken mit Worten, die selten ein Radprofi ausspricht, erst recht nicht vor einem so wichtigen Rennen. Aber Lang hatte sich gerade erst warm geredet. „Ich habe keinen Bock mehr auf diesen Zirkus von unverantwortlichen Leuten. Ich habe die Schnauze voll von billigen Ausreden“, sagte der 28-Jährige. „Ich möchte auf keinen Fall, dass Jörg Jaksche wieder fährt. Er hat ein Verbrechen begangen, warum soll der wieder fahren dürfen? Vor vier Jahren hat er mir erzählt, dass er mich am Berg auch mit Fieber abhängt. Jetzt wissen wir, woran das lag.“ Und zum Fall Patrik Sinkewitz: „Der hatte noch nie ein Gehirn. Solche Leute riskieren, dass Fahrer ihren Arbeitsplatz verlieren.“

Es war eine Brandrede des Gerolsteiner-Profis, die in den Gesichtern der Funktionäre neben ihm im Waldhotel Spuren hinterließ. Dort saßen doch jene, die zum Beispiel mitverantwortlich für den Start von Erik Zabel bei dieser WM sind.

In diesem Moment schien sie und Sebastian Lang nicht mehr viel zu verbinden. Weil dieser Radsport nicht mehr die Welt des Sebastian Lang ist. Aufhören wollte er, als er in diesem Sommer mit einer gebrochenen Ferse vor dem Fernseher die Tour de France verfolgte und tatenlos mit ansehen musste, wie sich sein Sport mit erstaunlicher Konsequenz auf einem wahren Selbstzerstörungskurs befindet. Doping, überall nur Doping. Täglich grüßte das Paralleluniversum aus Lügen, von dem er zwar angeblich nur gehört hatte, es aber alles nicht glauben konnte oder wollte. Für ihn, einen aus der zweiten Reihe, ging es um die Existenz. „Irgendwann habe ich den Fernseher einfach ausgelassen“, sagt er.

Die eigene Karriere kam ihm nicht mehr besonders wertvoll vor. Lang war im Zeitfahren bei der Tour de France 2006 einmal Dritter. Aber waren die vor ihm wirklich gut oder nur gut eingestellt? Er überlegte ernsthaft, ob er seine Karriere beenden sollte. „Mittlerweile gehst du frustriert an den Start, weil du nicht mehr weißt, wem du vertrauen kannst. Ich vertraue nur noch meinem Team.“ Erst die Schwangerschaft seiner Frau hätte ihm neuen Mut gegeben.

Seltsam still ist es nun dort geworden, wo früher so viel im Radsport gesprochen wurde, nachdem nun einige angefangen haben, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Lang hatte auch viel gehört, nur das Entscheidende nicht, „in meinen ersten Profijahren hatte ich wohl eine Binde vor den Augen“, wie er sagt. Heute kämpft er nun um das Regenbogen-Trikot des Zeitfahr-Weltmeisters. Der Schweizer Fabian Cancellara, der unter Doping-Verdacht steht, ist der große Favorit, Lang oder auch Bert Grabsch ist aber durchaus eine Medaille zuzutrauen. Sie werden sich auf der Strecke mit Fahrern messen, die sauber sind, schließlich sind die Dopingkontrollen so hart wie nie zuvor. Ganz sicher fühlt sich Lang dennoch nicht: „Natürlich ist Argwohn da, dass da einige voll sind.“

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