• Zu Besuch bei Unions Ex-Stürmer Daniel Teixeira: Proteste beim Confed-Cup: Der brasilianische Frühling

Zu Besuch bei Unions Ex-Stürmer Daniel Teixeira : Proteste beim Confed-Cup: Der brasilianische Frühling

Viele Brasilianer nutzen den Confed-Cup als Bühne für ihren Protest. Daniel Teixeira, der frühere Stürmer vom 1. FC Union, teilt die Kritik: "Will man den Leuten vorwerfen, dass sie die Wahrheit sagen?"

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Der schöne Horizont ist nur noch schöne Erinnerung. Demonstranten auf ihrem Protestmarsch auf der Antonio Carlos Avenue unweit des Stadions von Belo Horizonte.
Der schöne Horizont ist nur noch schöne Erinnerung. Demonstranten auf ihrem Protestmarsch auf der Antonio Carlos Avenue unweit des...Foto: AFP

Natürlich hat auch Daniel Teixeira die Helikopter gehört. Ließ sich kaum vermeiden, schließlich ratterten sie den ganzen Tag und die halbe Nacht über Belo Horizonte, die Industriestadt im Südosten Brasiliens, wo Teixeira wieder wohnt, nachdem er sein Fußballabenteuer in Europa beendet hat. Nach Stationen in Portugal und Japan und in Deutschland, wo er mit dem 1. FC Union in die Zweite Liga aufstieg, ins DFB-Pokalfinale einzog und so viele Tore schoss, dass er sie selbst kaum mehr zählen kann. „Eine großartige Zeit“, sagt Teixeira. Sie ging erst zu Ende, als er 39 war und die Tore sich nicht mehr so leicht schießen lassen wollten.

Daniel Teixeira würde ja jetzt, da der Confed-Cup auch in seine Heimatstadt gekommen ist, gern über Fußball sprechen. Aber da sind die Hubschrauber, die den ganzen Abend und die halbe Nacht über Belo Horizonte ratterten. Auf der Praça XV im Zentrum klebte die Jugend der Stadt Transparente an den riesigen Obelisk und feierte ein fröhliches Polit-Happening. Alle paar Meter hielten Polizisten Wache, sie trugen Helme und Schlagstöcke und wussten nichts anzufangen mit den jungen Leuten, die sie lachend und tanzend und singend ignorierten.

Beide Seiten haben sich nichts zu sagen in diesen aufgeheizten Tagen, die die Welt einen brasilianischen Frühling nennt, obwohl doch gerade der Herbst in den Winter übergeht. Teixeira wohnt im wohlhabenderen Süden der Stadt, und weil drei Töchter umsorgt werden wollen, war er nicht dabei in der Party-Protest-Nacht, jedenfalls nicht physisch. Im Geiste schon. Er sagt: „Was will man den jungen Leuten schon vorwerfen? Dass sie die Wahrheit sagen?“

Daniel Teixeira lebt inzwischen wieder in Belo Horizonte.
Daniel Teixeira lebt inzwischen wieder in Belo Horizonte.Foto: promo

Wie sehr Daniel Teixeira an seiner Heimatstadt hängt, ist aus jedem seiner Sätze zu hören. Auch und gerade aus den kritischen, sie beziehen sich ja nicht so sehr auf Belo Horizonte, sondern auf das, was Grundsätzlich falsch läuft in Brasilien. Teixeira ist jetzt 42 Jahre alt, hat höchstens zwei Kilogramm mehr als sein Wettkampfgewicht und läuft noch immer breitbeinig wie ein Cowboy, passend zu seinem Spitznamen Texas. Mit seiner Agentur vermittelt er zwischen Europa und Brasilien und nutzt dabei die während der Profikarriere geknüpften Kontakte, „vor der WM im nächsten Jahr gibt es genug zu tun“. Einmal in der Woche trifft Teixeira sich zum Kicken mit anderen ehemaligen Profis, etwa dem früheren Herthaner Gilberto, der im vorigen Jahr seine Karriere beendet hat, beim Zweitligisten America in Belo Horizonte. Vor ein paar Wochen hat er in einem deutschen Restaurant das Champions-League-Finale geguckt, stilecht mit Dortmunder Trikot im „Haus München“ – kleine Reminiszenz an seinen Freund, den ehemaligen Dortmunder Profi Dede.

Aber Fußball ist eben nicht alles. Finden Brasiliens Nationalspieler wie David Luiz vom FC Chelsea, Hulk oder Dante. Und findet auch Daniel Teixeira. Er hat Verwandte in der Hauptstadt Brasilia, er kennt das neue Stadion, die Regierung hat es mit Milliardenaufwand ins Stadtzentrum geklotzt. „Ein Wahnsinn“, sagt Teixeira, „da gibt es einen Zweit- und einen Drittligisten. Wofür brauchen die so ein Stadion, wofür braucht Manaus eins, wofür Cuiaba?“

Und warum werden zur selben Zeit die Preise für die öffentlichen Busse erhöht, warum wird nicht in die Bildung investiert und nicht in das Gesundheitssystem?

Daniel Teixeira steigt in sein Auto und fährt durch die engen Straßen des Zentrums von Belo Horizonte, durch die Hochhausschluchten Richtung Süden, wo die Häuser kleiner werden und hübscher, immer weiter den Berg hinauf bis zur Praça do Papa. Der Platz ist Papst Johannes Paul II. gewidmet. Joao Paulo Segundo, wie sie ihn in Brasilien nennen, hat hier 1980 eine Messe gehalten. Fast die ganze Stadt war da, und Belo Horizonte zählt immerhin zweieinhalb Millionen Einwohner. Daniel Teixeira war damals zwölf Jahre alt und selbstverständlich mit dabei.

Von der Praça do Papa bietet sich ein grandioser Blick über die Stadt. Der Papst hat seine Messe damals auf Portugiesisch gehalten und mit den Worten eröffnet: „Qual Belo Horizonte!“, was für ein schöner Horizont! „Schauen Sie mal!“, sagt Teixeira und zeigt hinunter ins Tal, „können Sie sich vorstellen, wie viele Autos da unten fahren? Vor zehn Jahren waren es 800 000. Und heute?“ Kurze Pause. „Eineinhalb Millionen!“ Aber nichts ist seitdem in die Infrastruktur investiert worden. Es gibt keine U- oder Straßenbahn, kein Verkehrskonzept, das einen Ausweg weist. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird vom schönen Horizont bald nur noch eine schöne Erinnerung bleiben, eine Andeutung im Smog. „Wisst ihr eigentlich, wie gut es euch in Berlin geht?“, sagt Teixeira. Und: „Mit dem Auto durch Belo Horizonte zu fahren ist eine Katastrophe. Aber mit dem Bus ist es noch viel schlimmer.“

Auch die Staatspräsidentin Dilma Rousseff ist in Belo Horizonte geboren. Sie verfügt bei Umfragen immer noch über eine Mehrheit, aber es ist eine schwindende Mehrheit. Als Senhora Rousseff am vergangenen Samstag im eigentlich überflüssigen Stadion von Brasilia den Confed-Cup eröffnete, wurde sie niedergepfiffen. Im Stadion saß die wohlhabende Mittelschicht und nicht die Unterschicht, die sich zwar wie so ziemlich jeder in Brasilien für den Fußball begeistert, aber vor den hohen Ticketpreisen kapituliert.

Brasilien solidarisiert sich mit den Protestierenden, von den Stars der Seleçao über Leute wie Daniel Teixeira bis zu den Fans auf den Schalensitzen der schicken neuen Stadien. Der greise Fifa-Präsident Sepp Blatter hat den pfeifenden Leuten in Brasilia erzürnt zugerufen, sie mögen doch bitte an die Fairness denken. „Lächerlich!“, sagt Teixeira und dass die Menschen natürlich das Recht haben, die Bühne Confed-Cup für ihr Anliegen zu nutzen, selbstverständlich auch mit Buhrufen auf der feinen Fifa-Party.

Der Protest zeitigt Wirkung. Die Staatspräsidentin Dilma Rousseff hat schon zu verstehen gegeben, die Stimme des Volkes müsse gehört werden. Wenn sich denn Grundsätzliches ändern sollte im fünftgrößten Land der Welt, wäre das auf Umwegen auch ein Erfolg für den Fußball und die Bühne, die er den Demonstranten gegeben hat. Kein Brasilianer würde den Vorwurf erheben, der Fußball sei schuld an dem, was da gerade falsch läuft in seinem Land. Dafür ist die Leidenschaft für das Spiel einfach zu stark ausgeprägt, auch bei Daniel Teixeira.

Natürlich ist er gestern mit ein paar Freunden losgezogen, um sich in einer Bar das Spiel der Brasilianer gegen Mexiko anzuschauen. Immer mit dem Gedanken an Platz eins in Vorrundengruppe A. In diesem Fall käme die Seleçao zum Halbfinale nach Belo Horizonte, und was könnte es schon für einen schöneren Horizont geben?

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