Sport : Zu Höherem befähigt

Weltmeister Holzdeppe will sechs Meter springen.

Reinhard Sogl[Moskau]

Moskau - Die Nacht nach dem traumhaften Abend war erwartungsgemäß kurz für den ersten deutschen Weltmeister im Stabhochsprung. „Das letzte Mal habe ich um fünf Uhr auf die Uhr geschaut. Ich weiß nicht, wann ich ins Bett gekommen bin“, berichtete Raphael Holzdeppe am Dienstagmittag von der nicht nur zeitlich ausschweifenden Feier an der Bar im Moskauer Mannschaftshotel Golden Ring.

Auf seinen dritten Platz stieß auch Björn Otto an, Malte Mohr trank sich Rang fünf schön. Und alle begossen gemeinsam den Sieg über den großen Favoriten Renaud Lavillenie. „Es war an der Zeit, dass die Lufthoheit wieder an uns geht und er von seinem hohen Ross runterkommt“, sagte Otto, der in vier Titelkämpfen zuvor vier Mal Zweiter hinter Lavillenie geworden war. Raphael Holzdeppe sagte weniger revanchistisch gestimmt: „Ich habe gemerkt, dass er sich überwinden musste, mir zu gratulieren.“ Dass der Franzose es überhaupt getan hat, zeige, „dass er ein fairer Sportsmann ist. Ich habe keine Probleme mit ihm, aber hier und da hat er schon einen arroganten Zug.“

Raphael Holzdeppe, der sich vor dem Wettkampf seines Lebens einen goldenen Schimmer in seine Haare hatte einfärben lassen, ist nicht auf Streit aus, aber seine Meinung hält der 23-Jährige trotzdem nicht zurück. „Ich sage, was ich denke, ich bin ein direkter Typ“, sagte der EM- und Olympia-Dritte, er sei „relaxed“.

Als sich Renaud Lavillenie am Dienstagabend zum letzten Mal an der von Holzdeppe zuvor dreimal gerissenen Höhe von 5,96 Metern versuchte, war es aber auch mit der Gelassenheit des gebürtigen Pfälzers vorbei. Er hatte Silber sicher und Gold vor Augen, „da konnte ich nicht einfach stehen bleiben und bin einfach herumgetigert“, erinnerte sich Holzdeppe. Als Lavillenie die Latte riss, entlud sich die ganze Anspannung des Siegers, indem er sich des Trikots entledigte und zu seinem Trainer Chauncey Johnson sprintete. Ihm habe er seine neue Stärke zum großen Teil zu verdanken. „Es ist mein bestes Jahr“, sagte Holzdeppe.

Im vergangenen Herbst hatte sich der Mann, auf dessen rechtem Oberarm ein Stabhochspringer und auf dessen linkem seit seiner Teilnahme an den Spielen 2008 in Peking 2008 die Olympischen Ringe tätowiert sind, zu einem Wechsel von Zweibrücken nach München in die Trainingsgruppe um Malte Mohr entschlossen. „Es war an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren“, begründete er die Abkehr von seinem langjährigen Trainer Andrej Tiwontschik. Auch sei er ein „Typ, der sich gern im Training anspornen lässt“ von Kollegen. In Zweibrücken war er unterdessen weitgehend auf sich alleine gestellt.

Auch unter technischen Aspekten ist Holzdeppe in neue Dimensionen vorgestoßen. Unter dem Coach des ehemaligen Sechs-Meter-Springers Tim Lobinger stellte Holzdeppe, der seine relativ geringe Größe von 1,81 Metern durch seine hohe Grundschnelligkeit kompensiert, den Anlauf um. „Mein Po ist zu tief, da lässt sich schlechter abspringen“, sagte er. Nach vielen Übungseinheiten sei sein Körperschwerpunkt höher, aber noch lange nicht optimal. Potenzial sei also durchaus noch vorhanden.

Dabei sieht sich Raphael Holzdeppe doch schon jetzt zu noch Höherem befähigt als die bei seinem ersten Sieg über Lavillenie in Rom gemeisterten 5,91 Meter. „Die sechs Meter sind auf jeden Fall drin. Ich werde alles daran setzen, sie noch in diesem Jahr oder im nächsten zu schaffen“, sagte er. Schon vor fünf Jahren war er mit 5,80 Meter Junioren-Weltrekord gesprungen, hatte danach aber dem Erwartungsdruck nicht standgehalten, so dass er zwischenzeitlich gar „den Spaß am Sport“ verloren habe. Seit der erfolgreichen Saison 2012 findet der Leichtathlet, der nach seiner Geburt adoptiert wurde, Stabhochspringen mindestens wieder so toll wie seine zweite Leidenschaft: Motorrad fahren. Reinhard Sogl

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