Zum Tod des Leichtathleten Heinz Ulzheimer : 800 Meter zurück in die Welt

Er gewann die erste Medaille für Deutschland bei Olympischen Sommerspielen nach dem Krieg. Jetzt ist Heinz Ulzheimer gestorben.

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Historisch. der Zieleinlauf des 800-Meter-Laufs in Helsinki. Heinz Ulzheimer, hier noch auf Platz zwei, wird am Ende Dritter.
Historisch. der Zieleinlauf des 800-Meter-Laufs in Helsinki. Heinz Ulzheimer, hier noch auf Platz zwei, wird am Ende Dritter.Foto: Imago

Im Fernsehen ist Heinz Ulzheimer nie angekommen, seinen Lauf und seine Medaille hat es dort nie gegeben. Das Finale über 800 Meter bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki haben die Kameraleute verpasst und damit auch, dass Heinz Ulzheimer aus Frankfurt am Main als Dritter ins Ziel kam. Doch konnte dieser Erfolg dem deutschen Publikum wirklich vorenthalten werden? Ulzheimers Bronzemedaille war doch die erste, die ein deutscher Athlet bei Olympischen Sommerspielen nach dem Zweiten Weltkrieg gewonnen hatte.

Die Fernsehbilder von den Olympischen Spielen stellten damals Horst Seifart und der spätere Krimi-Regisseur Jürgen Roland für den Nordwestdeutschen Rundfunk zusammen. Um den deutschen Zuschauern Ulzheimers historischen Erfolg zu zeigen, hatten sie eine Idee: Die Läufer waren auf den Bildern so klein, dass sie kaum zu erkennen waren. Also präsentierten sie den Zieleinlauf über 400 Meter als Finale über 800 Meter. So gewann eigentlich der Amerikaner Oliver Matson die erste Medaille für Deutschland nach dem Krieg.

Am Sonntag ist Heinz Ulzheimer im Alter von 90 Jahren gestorben. 2009, vor der Leichtathletik-WM in Berlin, erzählte er am Telefon noch einmal über seinen Erfolg. Das Sprechen fiel ihm damals, mit 83, Jahren nach einem Schlaganfall schwer. „Für uns war es eine epochale Sache, wir haben uns wahnsinnig gefreut, dass wir überhaupt dabei sein konnten“, erzählte er. Die Bronzemedaille in Helsinki war sein größter Erfolg. „Als ich nach Hause kam, gab es einen Empfang für mich vor der Paulskirche. Für einen Tag war ich der Held von Frankfurt.“

Bei Kriegsende hatte er in einem Treck von Zehntausenden deutscher Soldaten in russischer Gefangenschaft durch Tschechien in die Oberlausitz marschieren müssen. „Das war eine böse Lauferei.“ In einem kleinen Ort setzte er sich zu einer Tante ab, bastelte sich ein Fahrrad zusammen und fuhr in seine Heimatstadt Frankfurt zurück.

Bei den Sommerspielen 1948 in London hatten die Deutschen noch nicht mitmachen dürfen, und Vorbehalte bekamen die Sportler auch danach noch zu spüren. „Belgien und andere Länder haben sich geweigert, gegen uns anzutreten“, sagte Ulzheimer. Dann kamen 1952 die Winterspiele in Oslo, in einem Land, das von Deutschland im Zweiten Weltkrieg besetzt worden war. Die deutschen Sportler, alle aus der Bundesrepublik, wurden dennoch freundlich empfangen und gewannen drei Goldmedaillen. Aus Helsinki wurden anschließend die ersten Sommerspiele mit deutscher Beteiligung nach dem Krieg.

Zwei Mannschaften mit deutschen Athleten nahmen teil: die der Bundesrepublik – und die des Saarlands, das damals als autonome Region unter französischem Protektorat stand. Athleten aus der DDR kamen nicht. Das Internationale Olympische Komitee hatte nur das Nationale Komitee der Bundesrepublik, nicht das der DDR anerkannt, ein Land könne schließlich nur von einem NOK vertreten werden. Und auf eine gesamtdeutsche Mannschaft, wie vom IOC gewünscht, wollte sich die DDR 1952 nicht einlassen.

Bei der Eröffnungsfeier gab es einen überraschenden politischen Demonstrationsversuch aus Deutschland. Die 23 Jahre alte Studentin Barbara Pleyer lief im weißen, wallenden Gewand zum Rednerpult und wollte eine Botschaft verkünden, als Friedensengel. Aber mehr als „Ladies and Gentlemen“ konnte sie nicht sagen, dann wurde sie weggeführt.

Ansonsten wurde das Protokoll eingehalten, Paavo Nurmi, die finnische Läuferlegende, entzündete das Feuer und die westdeutschen Athleten waren wieder Bestandteil der olympischen Gemeinschaft. „Wir wussten nicht, wo wir stehen und was wir draufhatten“, sagte Ulzheimer. Das merkte er selbst in seinem Finale. Der spätere Sieger Malvin Whitfield aus den USA zog bei 600 Metern seinen Schlussspurt an. „Ich habe mich nicht getraut, da mitzugehen“, sagte Ulzheimer. So wurde er in 1:49,7 Minuten Dritter, fünf Zehntel hinter dem Erstplatzierten.

Mit den anderen deutschen Leichtathleten gab es eine übersichtliche Feier. „Wir waren ja in Finnland, da macht man keine aufsehenerregenden Dinge draus. Mit dieser Medaille hatte ich wirklich nicht gerechnet, ich war ja nicht mal als Deutscher Meister an den Start gegangen“, sagte Ulzheimer. Kontakt zu vielen anderen Sportlern hatten sie in Helsinki nicht, aber zur deutschen Amateur-Fußballnationalelf, die bei diesen Spielen von Sepp Herberger trainiert wurde.

Und irgendwelche politischen Vorkommnisse? „Wir haben von der Politik ehrlich gesagt nichts gespürt“, sagte Ulzheimer. Mehr dafür bei den Millrose Games, dem Hallenmeeting im New Yorker Madison Square Garden. „Da hatten wir viel Kontakt zu anderen Athleten, die Amerikaner haben uns im Hotel besucht.“ Die Chronik der Millrose Games verbucht für 1953 als herausragendes Ereignis, dass ein ehemaliger russischer Kriegsgefangener aus Deutschland namens Ulzheimer souverän den 880-Yard-Lauf gewann. Bei der Siegerehrung erklang das Deutschlandlied. „12 000 Leute in der Halle haben aufgehorcht, und ich konnte noch nicht einmal mitsingen, weil ich die dritte Strophe nicht kannte.“

Ulzheimer erinnert sich auch noch an einen Zeitungskommentar in Amerika, der kritisierte, dass erstmals, seitdem Deutschland Polen überfallen hatte, wieder das Deutschlandlied gespielt worden sei. Bei der Siegerehrung der Winterspiele 1952 war jedenfalls noch aus Beethovens neunter Sinfonie die Ode an die Freude erklungen, und in Helsinki hatte kein Deutscher Gold gewonnen.

Bei der Stadt Frankfurt arbeitete Ulzheimer bis zu seiner Pensionierung als Kfz-Meister und leitete danach zwölf Jahre lang das Sportmuseum in Frankfurt. Vorsitzender der Leichtathletik-Abteilung von Eintracht Frankfurt war er auch, aber nur zwei Jahre. Ihm kam die Distanz zu den Profisportlern zu groß vor. Er war noch mit dem Amateurideal groß geworden. „Ich habe einmal von einem Münchner Juwelier eine Krawattennadel geschenkt bekommen, die vielleicht 200 oder 300 Mark wert war. Die sollte ich wieder zurückgeben.“ Der Juwelier wollte sie jedoch nicht zurückhaben und schenkte sie ihm privat. „Die habe ich dann zu einem Verlobungsring umarbeiten lassen“, erzählte Ulzheimer. Seine Frau war ebenfalls Leichtathletin und in Helsinki Ersatzläuferin für die 4x100-Meter-Staffel. Ein Jahr vorher hatten die beiden geheiratet und waren damit in bester Gesellschaft: Ein anderes Ehepaar bei diesen Spielen hieß Emil Zatopek und Dana Zatopkova, Zatopek gewann in Helsinki Gold über 5000 Meter, 10 000 Meter und im Marathon, seine Frau im Speerwerfen.

Auch Ulzheimer brachte aus Helsinki eine weitere Medaille mit, Bronze in der 4x400-Meter-Staffel. Eine seiner Bronzemedaillen hat Ulzheimer dem Museum von Eintracht Frankfurt geschenkt. Ob Heinz Ulzheimer seine historische Medaille bis zuletzt hatte, das wusste er gar nicht, beide Medaillen sehen gleich aus.

Dies ist eine überarbeite Version eines Textes, der vor der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin erschien.

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