Zweite Liga : Holstein Kiel: Die Zeit der Störche kommt

Lange hat sich Kiel nur als Handballstadt definiert: Dank Holstein Kiel träumen sie nun vom ersten Bundesliga-Aufstieg eines Klubs aus Schleswig-Holstein.

Tim Siedschlag feiert im Mai mit den Kieler Fans den Aufstieg in die Zweite Liga.
Tim Siedschlag feiert im Mai mit den Kieler Fans den Aufstieg in die Zweite Liga.Foto: picture alliance / Christophe Ga

Im Norden kann es dauern, bis sich Sehnsüchte erfüllen, Jahrzehnte manchmal. Niemand weiß das so gut wie Wolfgang Schwenke. Der Geschäftsführer der Kieler Sportvereinigung Holstein spielte als Handballprofi für den THW Kiel und warf den Klub 1994 zur ersten deutschen Meisterschaft seit 31 Jahren. Ganz Kiel lag sich in den Armen. Diejenigen, die dabei waren, erzählen heute noch vom Start der Kieler Erfolgsära.

Im Mai hat Schwenke ein Déjà-vu erlebt. Als Holstein Kiel nach 36 Jahren in die Zweite Fußball-Bundesliga zurückkehrte, feierten sie an der Förde „eine ordentliche Party“, wie der Manager sagt – eine grandiose Untertreibung. 10 000 Fans fluteten den Rathausplatz. „Als wir mit dem Autokorso in die Stadt gefahren sind, hingen auf einigen Balkonen Holstein-Fahnen, die noch von 1981 waren“, erzählt Schwenke. 36 Jahre Warten. Auf diesen einen Tag. Tränen der Freude. Die Szenen dokumentierten die lange Tradition der „Störche“, die ihren Spitznamen tragen, weil das Meisterteam von 1912 in weißer Spielkleidung und roten Stutzen auflief.

Das Klischee eines Schleswig-Holsteiners

Draußen saust Orkantief „Sebastian“, Schwenke beobachtet aus seinem Büro, wie der Wind die Baumkronen auf dem Trainingszentrum in Kiel-Projensdorf biegt. Das erinnert ihn an die heftigen Stürme nach seinem Amtsantritt im August 2009, etwa nach dem direkten Wiederabstieg aus der Dritten Liga in der Saison 2009/10. Wer damals einen dritten Tabellenplatz in Liga zwei prophezeit hätte, den Holstein nun vor dem Auswärtsspiel in Aue an diesem Freitag belegt, „den hätte man wohl ausgelacht“, sagt Schwenke.

Geboren in Flensburg, Handgriff Marke Schraubstock, ein Kreuz wie ein Hafenarbeiter, 1,96 Meter groß, blond, verkörpert Schwenke das Klischee eines Schleswig-Holsteiners. Nicht wenige sehen in ihm eine Schlüsselfigur des wundersamen Kieler Aufstiegs. Mit seiner spektakulären Ruhe ist es dem 49-Jährigen gelungen, Holstein in der Handballstadt Kiel und inzwischen auch darüber hinaus große Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Er macht einen super Job“, sagt Uwe Schwenker, langjähriger Manager des THW und heute Präsident der Handball-Bundesliga. „Schwenke ist ein harter Arbeiter, er hat mit seiner verbindlichen Art sehr viele Sponsoren zu Holstein geholt und die Verhältnisse in der Stadt zugunsten des Fußballs verschoben.“

Gutes Wetter ist wichtig

Als entscheidende Zäsur der jüngeren Vergangenheit gilt die Episode mit dem Trainer-Duo Falko Götz und Andreas Thom. Im Sommer 2008 mit dem klaren Ziel verpflichtet, die Kieler im Jahr 2012, pünktlich zum Jubiläum der deutschen Meisterschaft, in die Zweite Liga zu führen, entwickelte sich alsbald ein Desaster. Nach einem Arbeitsgerichtsprozess musste Götz mit 750 000 Euro abgefunden werden. Es war auch der Moment, in dem sie sich in Kiel von der Vorstellung verabschiedeten, mit großen Namen und viel Geld in den Kreis der besten 36 Fußballmannschaften aufsteigen zu können.

Die KSV Holstein wird zwar von zwei sehr potenten Sponsoren unterstützt. Sowohl Hermann Langness (Famila) als auch Gerhard Lütje (Citti), die zu den vermögendsten Kaufleuten der Republik zählen, hätten auch weiterhin viel Geld in Profis und Trainer stecken können. Nach dem Götz-Desaster gingen sie allerdings ganz bewusst einen anderen Weg. „Wir haben uns dann entschieden, in Steine und die Ausbildung zu investieren“, sagt Schwenke. Holstein baute also in Stadionnähe ein hochmodernes Trainingszentrum, das zahlreiche Rasenplätze, eine Sporthalle, Krafträume und eine geräumige Geschäftsstelle umfasst.

Eine riskante Politik, weil Kiel mit seiner Lage an der Peripherie der Republik und dem Ruf als Handballstadt für Fußballprofis keine sonderlich große Anziehungskraft besitzt. „Wenn die Spieler das erste Mal nach Kiel kommen, ist gutes Wetter wichtig“, flachst Markus Anfang. Beim Trainer passte das, seine erste Station in Kiel hieß: El Möwenschiss. Ein Restaurant in Kiel-Schilksee, fantastischer Fisch, die Sonne schien ausnahmsweise. „Als ich die Anlage gesehen habe, brauchte ich nicht lange zu überlegen.“

Eine besondere Formation

Anfang war nicht die große Lösung, er kam aus der Jugendabteilung Bayer Leverkusens, wo er einst gemeinsam mit dem heutigen KSV-Sportchef Ralf Becker spielte. Aber Anfang sah das Potenzial in Kiel – und für sich. Und genauso, sagt der Trainer, betrachteten es die Profis. „Wir arbeiten hier erstens mit Spielern, die sehr jung sind und ihre Entwicklung noch vor sich haben“, sagt Anfang. „Zweitens gibt es eine etwas ältere Gruppe, denen woanders diese Entwicklung nicht mehr zugetraut wurde. Und drittens gibt es erfahrene Spieler, die zu schätzen wissen, unter welchen Bedingungen wir hier arbeiten können.“ Man könnte auch sagen: Bei Holstein ist eine Formation in Liga zwei aufgestiegen, die woanders chancenlos war und aussortiert wurde.

Dazu gehören Spieler wie Marvin Duksch, 29, seit 2016 vom FC St. Pauli ausgeliehen. Als der gebürtige Dortmunder nach Kiel ging, hielten das viele für einen Rückschritt, zumal er für den BVB und Paderborn in der Bundesliga gespielt hatte. „Ich würde das nicht als Rückschritt bezeichnen“, sagt Duksch. Als das Angebot kam, habe ihm das Kieler Konzept sofort gefallen. Im Mai schoss Duksch dann in Großaspach das entscheidende Tor zum Aufstieg, seither verehren ihn die Holstein-Fans als Helden. Auch Profis wie Kingsley Schindler oder Dominick Drexler lehnten im Sommer lukrativere Angebote ab und blieben.

Die Terra incognita des Profifußballs

Das Ganze funktioniere nur, glaubt Schwenke, „weil wir hier gewisse Werte leben“. Harmonie und familiäre Atmosphäre seien wichtig, auch ein gesundes Augenmaß und Gelassenheit. „Wir haben hier nicht sofort den Finger am Abzug, wenn wir mal verlieren“, betont der Geschäftsführer. Man könne einen sportlichen Aufstieg ohnehin nicht auf dem Reißbrett planen, sondern mit einem guten Rahmen nur die Chancen verbessern. „Wir dürfen uns deshalb jetzt auch mal freuen. Aber wir werden auch in dieser Situation nicht durchdrehen.“

Wer den Fußball, diesen Markt der permanenten Aufgeregtheit, so sachlich auffasst, verkraftet auch Rückschläge. So wie 2015, als Holstein Kiel den Aufstieg in die Zweite Liga in der Relegation gegen 1860 München durch ein Gegentor in der Nachspielzeit verpasste. Dieser K. o. ließ viele Fans fassungslos zurück. Aber der Frühling von 2015 führte schließlich auch dazu, dass Holstein im Mai perfekt auf den Aufstieg vorbereitet war: Die Pläne zur Stadion-Modernisierung lagen bereits fertig in der Schublade.

„Wir hatten vorher viele Gespräche geführt“, sagt Schwenke. „Die Schwierigkeit lag darin, dass kurz vorher die Landtagswahl war, die Landespolitik also in einer Übergangsphase war.“ Und doch dauerte es nur knapp drei Wochen, bis das Land Schleswig-Holstein eine Finanzierungszusage über sieben Millionen Euro gab. Den Rest der Kosten, rund 3,4 Millionen Euro, teilen sich die Stadt Kiel und der Klub. Mittlerweile fasst das Stadion 15 000 Fans – und erfüllt damit die Auflagen der Deutschen Fußball-Liga. Die rasche Umsetzung zeigt auch, wie groß die Unterstützung aus der Politik für die „Störche“ ist. Schleswig-Holstein, die Terra incognita des Profifußballs, soll mit aller Macht belebt werden.

Zahl der Dauerkarteninhaber steigt

Was in dieser Saison nach oben hin möglich ist, wollen sie in Kiel dennoch ungern im Detail beantworten – zumal ihnen bewusst ist, dass sie mit einem Etat von sechs Millionen Euro Letzter der Geldrangliste sind. Trotzdem fühlen sie sich gerüstet. „Aber gemach“, sagt Schwenke. Wichtiger sei derzeit, die Präsenz Holsteins weiter zu erhöhen, etwa mit Auftritten des Maskottchens „Stolle“, das seit 2006 über das Spielfeld und die Innenstadt stakt.

Sie freuen sich einfach nur darüber, dass sie die Zahl der Dauerkarten mit einem Schlag von 1900 auf 4150 erhöht haben und viele neue Sponsoren gewinnen konnten. Dass sich der Weg, den sie vor Jahren eingeschlagen haben, als richtig erweist. So träumen viele Fans weiterhin davon, mit Holstein durchzumarschieren und als erster Klub Schleswig-Holsteins in die Bundesliga aufzusteigen. Das wird ihnen Schwenke nicht verbieten – obwohl er weiß, wie lange es im hohen Norden mit der Verwirklichung dieser Träume dauern kann.

Das Maskottchen heißt "Stolle“.
Das Maskottchen heißt "Stolle“.Foto: imago/Revierfoto
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