Abfallberge durch Coffee-to-Go : Nicht von Pappe

Die Umwelthilfe hat Kaffee-Einwegbechern den Kampf angesagt – mit Erfolg. In Berlin wird bereits über eine Abgabe auf die Behälter diskutiert.

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„Sei ein Becherheld!“ So wirbt die Deutsche Umwelthilfe seit 2015 für einen Mehrwegkaffeebecher.
„Sei ein Becherheld!“ So wirbt die Deutsche Umwelthilfe seit 2015 für einen Mehrwegkaffeebecher.Montage: fotolia (alphaspirit/opallo.de/lassedesignen)/Krautz/DUH

Konsumkritik ist eigentlich unmöglich. Zwar würde niemand bestreiten, dass der Konsum große Umweltprobleme schafft. Aber eine Kampagne mit dem Ziel einer Verhaltensänderung ist politisches Niemandsland – und eigentlich kaum zu gewinnen. Doch genau damit schafft es die Deutsche Umwelthilfe (DUH) gerade, sich nach einer schweren Krise neu zu erfinden.

Seit September 2015 wirbt die DUH mit dem Slogan „Sei ein Becherheld!“ für eine umweltfreundliche Alternative zum kunststoffbeschichteten Pappbecher mit Plastikdeckel für den beliebten Kaffee zum Mitnehmen. „Wir sind natürlich froh, dass das so gut funktioniert“, sagt Hanna Grießbaum, die die Kampagne koordiniert. Finanziert wird die Aktion von der Stiftung Naturschutz aus Mitteln des Förderfonds Trennstadt Berlin und folgt dem Drehbuch einer nahezu perfekten Kampagne. Das Thema lag in der Luft und das Anliegen auf der Hand: Nach DUH-Berechnungen gehen allein in Berlin täglich 460 000 Coffee-to-Go-Becher über die Theken von Cafés, Bäckereien, Tankstellen. Stündlich sind es demnach in ganz Deutschland 320 000. Kein Wunder, dass viele dieser Becher nach einer Benutzungszeit von 15 Minuten die Mülleimer überschwemmen und überall herumliegen. Von den 162 Litern Kaffee, die jeder Deutsche im Durchschnitt trinkt, werden 8,1 Liter pro Kopf unterwegs getrunken, hat die DUH auf der Basis der Zahlen von 2014 des Kaffeeverbands ausgerechnet. Demnach verbraucht jeder Deutsche im Schnitt 34 Kaffeebecher für unterwegs im Jahr. Für Berlin hat die DUH mit einer repräsentativen Telefonbefragung des Meinungsforschungsinstituts TNS-Emnid gesonderte Zahlen ermittelt und kam auf 49 Becher pro Kopf und Jahr.

Das Thema war einfach fällig

Bevor der Umwelt- und Verbraucherverband an die Öffentlichkeit gegangen ist, hat er sorgfältig die Zahlen ermittelt, mit denen er dann argumentieren konnte. Die Umfrage war eine Chance, noch fehlende Informationen einzuholen. Und die Umfrage gab der DUH auch die Gewissheit, dass das Thema einfach fällig war. Zwischen dem 26. Mai und 6. Juni 2015, also drei Monate vor dem Start der Kampagne, fand die Telefonumfrage statt. 87 Prozent der Befragten sagten: „Kaffee aus Einwegbechern zu trinken, ist schlecht für die Umwelt.“ An Bewusstsein mangelt es also nicht. Sogar 92 Prozent wünschten sich eine politische Regelung des Problems, und 75 Prozent befürworteten eine Abgabe auf die Einwegbecher. Etwa ein Viertel der Befragten gab an, schon heute selbst mitgebrachte Mehrwegbecher zu nutzen.

DUH: Die Kampagne kommt gut an

Hanna Grießbaum berichtet, dass die Reaktionen auf die Kampagne „durchweg positiv“ seien. Das ist überraschend. Unvergessen sind die Fünf-Mark-Kampagne der Grünen, als sie in den 1990er Jahren verlangten, Benzin deutlich zu verteuern, um das stetige Wachstum des Autoverkehrs zu bremsen, oder die Forderung nach einem Veggie-Day aus dem Wahlprogramm 2013. In beiden Fällen erhob sich ein Sturm der Entrüstung: Öko-Diktatur hieß es da gleich. Oder die Effizienzvorgaben der Europäischen Union für Produkte – von der Glühbirne, die diese Vorgaben nicht mehr erfüllen konnte, bis hin zum Staubsauger, dessen Stromverbrauch durch Brüsseler Vorgaben gesenkt worden ist. Auch da organisierten sich politisch gesteuerte „Volksaufstände“ gegen die Öko-Design-Richtlinie.

Doch davon ist bei der Becherheld-Kampagne nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die umweltpolitischen Sprecher von SPD und CDU waren sogar die Ersten, die sich der Forderung anschlossen, etwas gegen die Becherflut zu unternehmen. Zwar war die CDU dann nicht mehr dabei, als SPD und Grüne gemeinsam eine Abgabe auf die Becher ins Gespräch brachten. Aber sie arbeitet auch nicht gegen dieses Anliegen. Mit einem Rechtsgutachten, dass das Land durchaus eine eigene Abgabe erheben dürfte, hat die DUH vorgelegt. Inzwischen hat der Wissenschaftliche Dienst des Berliner Abgeordnetenhauses diese Rechtsauffassung auf Anfrage der Grünen bestätigt. SPD und Grüne verlangen nun von den Café-Betreibern, nach einer Lösung zu suchen – und drohen vorsorglich schon mal mit einer Becherabgabe.

Ein Pfandsystem auf Kaffeebecher?

Die DUH hat gemeinsam mit den Umweltpolitikern einige Gespräche mit den Anbietern von Einwegbechern geführt. Interesse, an einer Lösung zu arbeiten, gibt es wohl. Grießbaum hält ein Pfandsystem für die kundenfreundlichste Variante. Würden sich Cafés, Bäcker und andere Anbieter zusammenschließen, könnten sie Pfandbecher ausgeben, die dann überall wieder zurückgegeben werden könnten. Allerdings bedeutet der Aufbau eines solchen Systems einigen Aufwand. Im Sommer soll es ein Pilotprojekt mit einer veganen Café-Kette in Kreuzberg und in Neukölln geben, berichtet Grießbaum.

Bis dahin wirbt die DUH zumindest einmal für den mitgebrachten eigenen Becher. Nach einer Umfrage bei Gesundheitsämtern und Hygieneexperten hat der DUH-Abfallexperte Thomas Fischer einen Leitfaden zusammengestellt, der den Anbietern rechtliche Klarheit geben soll. Er selbst verwendet schon lange einen eigenen Kaffeebecher. Dass beispielsweise die Kaffee-Kette Starbucks 30 Cent Rabatt gibt, wenn der eigene Becher mitgebracht wird, weiß kaum jemand, zumal die Kette nicht damit wirbt. In Marburg dürfte sich das bald ändern. Dort hat die Stadtverwaltung kostenlos ein paar tausend Mehrwegbecher an 19 teilnehmende Cafés ausgegeben. Die Kunden bekommen den Becher geschenkt. In vielen Städten haben überwiegend junge Leute eigene Aktionen gestartet, um für Mehrwegbecher zu werben, so in Osnabrück oder München. Die DUH hat einen Wettbewerb ausgeschrieben. Hanna Grießbaum sagt: „Wir sind uns nicht sicher, ob ein Pfandsystem oder eine Abgabe der richtige Weg ist. Deshalb haben wir dazu eingeladen, Ideen einzureichen.“

Die DUH hat ihre Energieexperten verloren

2014 war die DUH in einige Turbulenzen geraten, weil fast alle Mitglieder des profilierten Energieteams innerhalb weniger Monate gekündigt hatten. Mit Rainer Baake, der von 2006 bis 2012 neben Jürgen Resch Geschäftsführer der DUH war, hatte der Verband sich energiepolitisch stark positioniert. Der Mitgliederschwund fiel in die Zeit, in der Michael Spielmann die Nachfolge Baakes antrat – und bald schwer krank wurde. 2014 starb Spielmann. Seit 2015 steht Sascha Müller-Kraenner an der Seite Reschs, der sich als einer der Gründer des angesehenen Thinktanks Ecologic und zuvor als Europa-Repräsentant der amerikanischen Naturschutzorganisation Nature conservatory einen Namen gemacht hat.

Mit der Becherkampagne hat sich die DUH berappelt, indem sie den Regeln einer erfolgreichen Kampagne folgte, die der langjährige Geschäftsführer Jürgen Resch schon lange beherzigt: Ein Problem wird benannt, die dafür Verantwortlichen werden in einen Dialog über die Lösung gebracht. Und: Der Kampagne darf nicht zu schnell die Luft ausgehen. Mit dem Wettbewerb und immer neuen Ideen gegen die Becherflut, die sich die DUH nicht selbst ausdenken muss, dürfte das klappen. Zu den Vorgängern gehört die Forderung: „Kein Diesel ohne Filter“. Diese Kampagne verfolgt die DUH seit 2002.

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