Berliner Thinktank ESI : Der Kopf hinter dem Flüchtlingsdeal mit der Türkei

Vor 17 Jahren hat Gerald Knaus das Thinktank ESI gegründet. Seitdem besteht seine Arbeit aus reisen und reden. Merkels Abkommen mit der Türkei ist dafür ein gutes Beispiel.

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Sekretariat unnötig: Gerald Knaus beim Terminemachen in einem kleinen Café in Griechenland
Sekretariat unnötig: Gerald Knaus beim Terminemachen in einem kleinen Café in GriechenlandNikos Pilos/ESI

Auf die Frage, ob sich sein Leben im vergangenen halben Jahr verändert habe, sagt Gerald Knaus, ohne zu zögern: „Nein.“ Eine bemerkenswerte Aussage für einen, den die Medien seit Monaten als den Kopf hinter Angela Merkels Flüchtlingsdeal mit der Türkei labeln, als dessen eigentlichen Erfinder. Er tue seit März weiter das, was er seit Jahren tue, sagt der 46-jährige Österreicher: seine Arbeit. Und das heißt in seinem Fall reisen, reisen, reisen, reden, reden und wieder reden. „Kreativität ist auch Umhergehen“, sagt Knaus. „Ideen bekomme ich immer, wenn ich mit vielen spreche.“

Diese Ideen sind das Kapital der kleinen Denkfabrik „ European Stability Initiative“ (ESI), die Knaus vor 17 Jahren mit Freunden in Sarajevo gründete. Wie das mit den Ideen und dem Reden funktioniert, dafür ist die Vorgeschichte des Türkei-Abkommens ein gutes Beispiel. Ein Abkommen übrigens, um das Knaus gerade fürchtet, weil die EU ihren Teil nicht einhält: „In Sachen Resettlement ist nicht viel passiert.“ Nur vier Länder haben seither Flüchtlinge aufgenommen.

Weder Merkels Willkommen noch Orbáns Stacheldraht

Knaus erzählt die Geschichte so: ESI veröffentlichte im September 2015, auf dem Höhepunkt der EU-Flüchtlingskrise, ein Papier mit dem Titel „Warum niemand in der Ägäis ertrinken muss“. Kernthese: Weder die Stacheldrahtpolitik des ungarischen Premiers Viktor Orbán noch Merkels humanitär begründete Asylpolitik seien die Lösung, ganz einfach, weil „nicht die EU, sondern die Türkei darüber entscheidet, was an Europas südöstlichen Grenzen geschieht“. Der einzige Weg, Menschen von der tödlichen Flucht abzuhalten, sei, sie abzuholen – wenn man denn die Garantie Ankaras habe, die, die nicht bleiben dürften, zurückschicken zu können.

Der Plan wurde innerhalb einer Woche aufgegriffen – in Brüssel und den europäischen Hauptstädten kannte man ESI ja –, auch die Kanzlerin sprach öffentlich darüber. „Aber es fehlte ein europäisches Mandat“, erzählt Knaus. Und Orbáns Koalition des Nein, die auch Bayerns CSU überzeugte, wurde immer stärker.

Dann half Glück: Niederländische Ministerialbeamte, die ESI von früher kannten, steckten den Vorschlag von Knaus’ Leuten ins Reisegepäck von Diederik Samsom. Der Vorsitzende der Arbeiterpartei und Koalitionspartner von Premier Mark Rutte war auf dem Weg in die Türkei – und von dem Vorschlag mehr als angetan. Dass Holland ab Januar 2016 die EU-Ratspräsidentschaft hatte, verhalf dem Berliner Vorschlag dann endlich auf die entscheidende europäische Ebene.

Gute Ideen, gute Kontakte, das haben andere auch. Gerald Knaus zählt zu den Erfolgsprodukten seines Teams auch eine ausgezeichnete Ortskenntnis. Sie sollte, könnte man meinen, eigentlich Aufgabe von Diplomaten sein, die die Lage in ihren Einsatzländern nach Hause berichten, oder von Auslandskorrespondentinnen, die Reportagen darüber verfassen. Nein, sagt Knaus. ESI könne sich leisten – das Geld kommt unter anderem von der Stiftung des Milliardärs George Soros und Schwedens Behörde für Entwicklungszusammenarbeit –, was beide nicht hätten: „Vollständige Konzentration auf ein Thema. Wir können an Ort und Stelle monatelang forschen und müssen nicht gleichzeitig noch anderes machen.“ In dieser Zeit könne man etwa jeden Haushalt in einer bestimmten Gegend Albaniens so gründlich befragen, dass man nachher wisse, was die Leute, vor allem die Frauen, von dort vertreibe. Und wie man ihnen vielleicht Bleibeperspektiven schaffe. An der finnisch-russischen Grenze entdeckte ESI so, dass es nicht die viel gerühmte, topausgerüstete und -geschulte finnische Grenzpolizei ist, die Flüchtlinge fernhält. An Europas gesichertster Grenze ist, auf russischer Seite, schlicht der Eiserne Vorhang bis heute nicht hochgegangen.

Erdogan ohne Wasserhahn

So verteidigt Knaus den Türkei-Deal auch gegen den Vorwurf, er mache die EU-Demokratien erpressbar durch den immer erratisch-autokratischeren türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.  Der könne die Flüchtlinge gar nicht nach Belieben zurückhalten oder nach Europa schicken. Leider glaube die EU, Brüssel eingeschlossen, aber immer noch an dieses „Wasserhahn-Theorem“.

Einmal an Ort und Stelle gesammelt, bringt das ESI-Team, allen voran der Chef, sein Wissen danach unter die richtigen Leute: „Mindestens so viel Arbeit wie das Machen eines Berichts ist seine Verbreitung. Ich führe Hunderte von Gesprächen“, sagt Knaus. Im Fall des Türkei-Abkommens auch in der Türkei, wo ESI ein Büro in Istanbul unterhält. Alle Berichte und der Newsletter kamen auf Türkisch heraus. Der Aufmacher in einer großen Zeitung reiche nicht, sagt Knaus. Reden, reden, reden eben. „Man vergisst schließlich auch viel.“

Dass sich sein Leben mit dem Türkei- Abkommen gar nicht geändert hat, stimmt übrigens doch nicht ganz: „Wir haben jetzt noch mehr Feinde.“ Wobei es schon vorher welche gab. Einige sitzen in Aserbaidschan, dem Land, dem Knaus und Co. seit Jahren nachweisen, wie es den Europarat korrumpiert.

Persönlich fühlt sich Knaus in Berlins kleinem gallischen Dorf Kreuzberg geschützt. Seine drei Töchter, die älteste ist 17, besuchten einst die Grundschule in der Türkei, drückten später in Paris die Schulbank und sind jetzt auf mehrsprachigen Schulen in Berlin. „Wir versuchen, sie so zu erziehen, dass sie vor nichts Angst haben.“ Alle drei wurden in St. Marien Liebfrauen in der Kreuzberger Wrangelstraße getauft, in Kreuzberg ist das ESI-Büro, dort lebt Familie Knaus auch.

Berlin ist nicht nur ein guter Standort für den Netzwerker Knaus. Er macht ihn auch optimistisch: „Von der Planungszentrale des Holocaust ist Berlin zur weltoffensten Stadt überhaupt geworden. Hier zu leben gibt mir Hoffnung, dass man aus Geschichte lernen kann. Dann ist alles möglich.“

Der Text erschien in "Agenda" vom 22. November 2016, einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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