Gesichter Europas : Jan Techau - Hofnarr aus Überzeugung

Jan Techau ist Direktor des Thinktanks "Carnegie Europe" in Brüssel, eine der einflussreichsten Denkfabriken weltweit. Ein Porträt.

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Politikerklärer: Jan Techau.
Politikerklärer: Jan Techau.Foto: Promo

Knifflige Fragen ist Jan Techau eigentlich gewohnt. Seit den Attentaten in Paris allerdings ist die Sehnsucht nach schnellen Antworten besonders groß. Keine einfache Aufgabe also, auch nicht für den Direktor des Thinktanks "Carnegie Europe", der sich hauptsächlich mit EU-Außenpolitik beschäftigt. "Ich versuche, vorab immer klarzumachen, dass ich meine persönliche Analyse liefere, denn so etwas wie eine einheitliche Carnegie-Linie gibt es nicht und ist auch nicht gewollt", sagt er.

Techau leitet das Brüsseler Center "Carnegie Europe" seit 2011. Gegründet wurde es 2007 als Ableger des "Carnegie Endowment Center for international Peace" als Teil einer globalen Strategie der amerikanischen Stiftung. Weitere Büros gibt es noch in Moskau, in Beirut, in Peking und ab 2016 auch in Neu-Delhi. Der traditionsreiche Thinktank gilt als eine der einflussreichsten Denkfabriken weltweit – gerade weil die amerikanische Zentrale, so erklärt es Techau, den einzelnen Büros ein Maximum an Eigenständigkeit zugestehe. "Es geht nicht um die Verbreitung von US-amerikanischen Sichtweisen", sagt Techau, "auch wenn es ein Grundbekenntnis zu liberalen Freiheitswerten gibt." Deshalb werde zum Beispiel das Center in Brüssel von ihm als Europäer und nicht von einem Amerikaner geleitet, die Mitarbeiter in Beirut stammten alle aus dem Nahen Osten und in Moskau arbeiteten eben vorwiegend Russen. "Gerade diese Meinungsvielfalt schätzen die Leute, die uns um unsere Expertise anfragen."

Seine Expertise, sagt Techau, baue sowohl auf akademischem Wissen als auch auf Praxiserfahrung auf. Er hat internationale Beziehungen studiert. Dabei faszinierten ihn nach eigenen Angaben schon von jeher die Themen Macht, Interessen und Werte. An der deutschen Außenpolitik, die er als "extrem passiv" empfand, habe er sich seither abgearbeitet, sagt er. Die deutschen Strukturen kennt er dabei nicht nur als Außenseiter, fünf Jahre lang hat Techau in der Kommunikationsabteilung des Verteidigungsministeriums gearbeitet. Er sieht es als sehr positiv an, dass Deutschland sich heute – getrieben durch Krisen – stärker mit seiner "Verantwortung für Europa als Ganzes" auseinandersetze als früher und das keinesfalls nur militärisch. "Dieses Spannungsfeld zwischen Zurückhaltung, die geschichtlich für Deutschland auch heute noch geboten ist, und einer aktiveren Wahrnehmung von Verantwortung, finde ich besonders spannend", sagt Techau. Die Frage sei nahezu philosophisch: Wie weit könne oder müsse man gehen? Und drittens sei er sowohl Europäer als auch Transatlantiker. "Die zentrale Rolle, die Amerika in Europa spielt, die kann man kaum überbewerten", sagt er, "dabei ist es erst mal egal, ob man sie positiv oder negativ beurteilt."

"Ich habe die Freiheit zu sagen, was ich denke"

Thinktanks übernehmen häufig die Rolle der Politikerklärer und -berater. "Ich bezeichne den Hofnarren deshalb gerne als Schutzheiligen der Thinktanks", sagt Techau. Er habe die Freiheit, zu sagen, was er denke – ein hoher Beamter, per Definition Staatsdiener, könne das nur bedingt – dafür müsse aber eben niemand auf ihn hören. Das erlaube Spielräume und ermögliche eine Fehlerkultur, bei der man sich klare Meinungsäußerungen erlauben könne. Dass das die Politik nicht immer genau so machen könne, sei ihm klar. "Das ist der Preis der Macht", sagt er.

"Carnegie Europe" sucht eine breite Öffentlichkeit. Auf ihrer Homepage unterhält die Denkfabrik einen täglichen Blog. Mit Judy Dempsey haben sie dafür eine bekannte Journalistin gewonnen, der Blog hat bis zu 82.000 Besucher im Monat. Das Jahresbudget des Centers liegt bei etwa 1,7 Millionen US-Dollar (1,6 Millionen Euro). Der größte Anteil sind laut Selbstauskunft Stiftungsgelder aus den USA, der EU-Thinktank wird aber beispielsweise auch von der Robert-Bosch-Stiftung, der Ford Foundation oder der norwegischen Regierung gefördert.

Der Text erschien in der "Agenda" vom 8. Dezember 2015 - einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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