Jauch, Illner, Plasberg und Co : Wie kommt man eigentlich in eine Polit-Talkshow?

Frank-Walter Steinmeier, Wolfgang Bosbach, Ursula von der Leyen, Thomas Oppermann – Kandidaten, die immer wieder in Polit-Talkshows auftreten? Aber wer sucht die Gäste aus? Und vor allem: Nach welchen Kriterien? Ein Text aus der aktuellen Agenda-Ausgabe des Tagesspiegels.

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Steinmeier bei "Günther Jauch".
Steinmeier bei "Günther Jauch".Foto: dpa

Redakteur bei „Beckmann“ oder „Maybrit Illner“, das war in der vergangenen Woche kein ganz einfacher Job. Das Thema bei Illner: Generation Pflegefall – hilflos im Alter? Thema bei Beckmann: Ein Ende in Würde – wer bestimmt, wie wir sterben? Beide Talkshows am späteren Donnerstagabend bei ARD und ZDF, die Schnittmenge von infrage kommenden Gästen – Politikern, Experten, Betroffenen – dürfte besonders groß gewesen sein. Was wieder mal die Frage aufwirft: Wie kommt man eigentlich als Gast in eine Polit-Talkshow? Wer sucht bei Jauch, Illner, Maischberger, Plasberg und Co. die Talkgäste nach welchen Kriterien aus? Laden diese sich gar selber ein?

Immerhin, Kanzleramtschef Peter Altmaier war am Donnerstag schon mal nicht dabei (wie eine Woche zuvor bei Illner zum Thema „Macht das Internet unsere Jobs kaputt?“). Der CDU-Mann ist ein gern gesehener Gast. Auf die Hitliste der Gäste mit den meisten Einsätzen bei „Maybrit Illner“ haben es Jürgen Trittin, Thomas Oppermann, Wolfgang Bosbach und Peter Altmaier mit jeweils drei Einsätzen geschafft. „Wir wollen grundsätzlich die Verantwortungsträger, die mit schlauen, ausgeschlafenen Menschen über die beste Lösung streiten“, erklärt Sabine Bleich vom ZDF für die fünfköpfige „Maybrit Illner“-Redaktion. Bosbach ist da, weiß Politikberater Michael Spreng, mit seinen kontroversen, von der Regierungslinie abweichenden Ansichten besonders beliebt. Der CDU-Bundestagsabgeordnete braucht einen guten Terminkalender. „Etwa die Hälfte der Einladungen kann ich annehmen, die andere Hälfte nicht“, sagt Bosbach. Im Grunde sei er medienscheu. „Aber ich überwinde mich immer wieder.“

Bosbachs Name steht also weit oben in den Kontaktlisten der Redakteure. Das Prozedere vor so einer Talkshow ist überall das gleiche. Eine Woche vor der Ausstrahlung steht das Thema fest – wenn nichts Aktuelles dazwischenkommt. Beispielsweise Pflege, wie zuletzt gleich parallel in ARD und ZDF. Pflege geht immer. Oder: der Abzug der Soldaten aus Afghanistan. Aus der Materie ergibt sich der vordringlich gewünschte Gast. In der Regel der Minister oder die Ministerin, gerne Ursula von der Leyen, und ein Antagonist mit ähnlichem Aufgabenprofil aus dem anderen politischen Lager. Das könnte der Linken-Verteidigungsexperte Alexander Neu sein, dürfte aber wieder auf Gregor Gysi, den Fraktionsvorsitzenden, hinauslaufen. Hinzu kommen sogenannte „Scharnierkandidaten“, engagierte Prominente wie Walter Sittler, gerne auch Frauen. Es wird oft kritisiert, dass Frauen zu selten Gast im Polittalk sind. „Ich saß schon in einer reinen Männerrunde, das fällt unangenehm auf und würde bei der SPD nicht passieren“, sagt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann.

Die Plauderrunde folgt einer ausgeklügelten Dramaturgie aus Protagonisten, Antagonisten und Chor. Dass sich Gäste nach vorne drängeln, streiten die Talkshow-Redaktionen ab. Eine Insiderin erzählt, dass es Politiker gebe, die bei einer Anfrage zusagen, ohne das Thema zu kennen. Frauen würden da eher mal nachfragen. „Talkshows sind, wie der Name schon sagt, nicht nur Informationssendungen, sondern auch Unterhaltungsshows“, sagt Politikberater Spreng. Politiker, die sich selbst einladen, kenne er aber nicht. „Ich erinnere mich nur daran, dass Dirk Niebel zum Anklatschen immer fünf Leute, vom Pressesprecher bis zur Ehefrau, als Gäste platzierte.“ Das wird in diesen Wochen eher Seltenheitswert haben. Niebel und die FDP sind zu uninteressant für Talkshows geworden.

Wir brauchen klare Ja- oder Nein-Stimmen

Man frage in der Regel dann bei Politikern an, heißt es aus der Illner-Redaktion, wenn sich diese in einer schwierigen Situation befinden. „Und die Politiker diskutieren ja auch nicht unter sich. Sie treffen auf harte Kritiker, Freidenker, Fachleute aus dem Volk. Wir machen keine Showveranstaltung.“ Ähnlich sieht das Frank Plasberg bei „Hart aber fair“. „Außerhalb von Wahlkampfzeiten kommt es eigentlich nie vor, dass Politiker unsere Redaktion von sich aus ansprechen. Während des Wahlkampfes gibt es Versuche einzelner Parteien, Vertreter in eine Runde hineinzuargumentieren.“ Und wer darf für Plasberg den Auslese-Job erledigen? Gute Gäste-Redakteure müsste man sich als „Talentscouts vorstellen, die in Zeitungen, Fernsehbeiträgen oder in anderen Kanälen auf der Suche nach Menschen mit interessanten Positionen sind, die sich für unsere Sendungen eignen“.

Apropos Eignung. Eine Insiderin sagt, das mit dem Polittalk habe etwas von Kasperle-Theater. Es gebe Politiker, die seien immer verfügbar, hauten eine These raus. Lieber zum zehnten Mal Wolfgang Kubicki oder Jürgen Trittin als zwei Frauen, die keiner kennt, oder als ein Mann der evangelischen Kirche, der vernünftig erörtert. Arnd Brummer, der Chefredakteur der Zeitschrift „Chrismon“, zum Beispiel. Als die Redaktion einer bekannten Talkshow ihn anrief und fragte, ob er an einer Diskussion über Religion teilnehmen wolle, schmeichelte das seiner Eitelkeit. Zwei Tage später rief dieselbe Fernsehredakteurin Brummer erneut an: „Sorry, Herr Brummer, aber wir haben jemanden anderes gecastet.“ Warum, wollte Brummer wissen. Die Kollegin erzählte es ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit „Also“, sagte sie, „ganz ehrlich: Es ist immer dasselbe Problem mit euch Evangelen. Ihr seid zu vernünftig, zu differenziert. Wir brauchen klare, knappe, deutliche Ja- oder Neinstimmen. Deswegen haben wir jetzt lieber den katholischen Bischof X, Herrn Y von Millî Görüs für die Muslime und die Atheistin Z aus der Linkspartei eingeladen. Ich hätte ja lieber die katholische Ministerin und Sie dabeigehabt.“

Manchmal setzen Themen- und Gästeauswahl den Talkshow-Redaktionen besonders zu. „Gut erinnern kann ich mich noch an eine Talk-Sendung, an der auch eine zum Christentum konvertierte Muslima teilnehmen sollte“, sagt Wolfgang Bosbach. „Stattdessen saß plötzlich eine zum Islam konvertierte Ex-Christin im Plüsch. Original-Auskunft des Redakteurs: ,Ist ja eigentlich kein großer Unterschied’ … Was soll man da noch sagen?“

Dieser Text erschien in der "Agenda" vom 23. September 2014 - einer neuen Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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