Patienten- und Pflegebeauftragter : Karl-Josef Laumann - Was der Bauer nicht kennt

Karl-Josef Laumann ist Patienten- und Pflegebeauftragter der Regierung. Der Münsterländer hat eine ganz besondere Karriere hingelegt.

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Manche nennen Karl-Josef Laumann das soziale Gewissen der CDU oder Norbert Blüms Enkel. Er mag die Bezeichnungen nicht.
Manche nennen Karl-Josef Laumann das soziale Gewissen der CDU oder Norbert Blüms Enkel. Er mag die Bezeichnungen nicht.Foto: pa/dpa

Karl-Josef Laumanns Karriere ist für einen Politiker außergewöhnlich. Nicht, weil er mehr Erfolg oder höhere Ämter als andere hat und hatte. Nicht, weil er eifriger oder talentierter ist als seine Kollegen. Laumann ist einer der wenigen Abgeordneten, die ohne Studium direkt aus einer Werkstatt in den Bundestag gewählt wurden. Aus der katholischen, etwas piefigen Provinz im Münsterland hinein in das politische Zentrum der Republik. Das war 1990. Am Anfang musste er sich, wie er selbst sagt, „quälen, um Gesetzestexte zu durchdringen“, um „als gelernter Maschinenschlosser das Rentenrecht zu verstehen“. Alles war neu und groß. Und er kannte es nicht.

Knapp 25 Jahre später blickt Laumann, der aktuell beamteter Staatssekretär im Gesundheitsministerium ist, auf den hochtourigen Politikbetrieb, seine Anforderungen, seine Eitelkeiten und was das alles mit ihm gemacht hat. Mit ihm, dem vieles so fremd war und groß vorkam. Mit einem „Laumann im Blaumann“, wie ein 25 Jahre alter Zeitungsartikel überschrieben war, mit einem, der es vom Hinterbänkler zum sozialpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, zum Chef der Sozialausschüsse CDA, zum Arbeits- und Sozialminister des bevölkerungsstärksten Bundeslands, zum Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag gebracht hat.

Das Farbigste ist noch das Gesicht

„Eine Achterbahnfahrt“ nennt Laumann das. Diese Fahrt hat ihn in höchste Ämter katapultiert, in komplexe politische Situationen gebracht und ihm persönlich einiges, manchmal vielleicht alles abverlangt.

Jetzt ist er „Beauftragter der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten sowie Bevollmächtigter für Pflege“ – so sein offizieller Titel. Unterwegs im Auftrag der Bundeskanzlerin. Sein Büro in der Mohrenstraße ist so unprätentiös wie er selbst. Grauer Anzug, weißes Hemd, schlichte Krawatte. Das Farbigste ist noch das Gesicht. Das Rot erinnert eher an Gartenarbeit an frischer Luft als an Neonlicht und Konferenzraum. Fester Händedruck. In einer Vitrine seines Büros stehen Modelltrecker.

Staatssekretär – ein Traumjob? Laumann schweigt lange, bevor er antwortet. „Mir fehlt das Parlament“, sagt der 57-Jährige dann. „Deswegen war es eine große Veränderung für mich. Aber es ist eine spannende Aufgabe.“ Das mit dem Parlament, mit dem Bundestagsmandat, das er nicht mehr hat, ist eine lange Geschichte. Aber sie zeigt, wie Laumann tickt, wie sehr er sich Werten wie Loyalität und Bodenständigkeit verhaftet fühlt.

„Es ist ja kein Geheimnis, dass mir 2005 der Weggang aus der Bundespolitik sehr schwergefallen ist“, erinnert sich der Politiker. „Ich war dort sehr glücklich. Aber wir hatten die Landtagswahl in NRW gewonnen, und dann müssen auch CDU-Leute aus NRW Minister werden.“ Und besonders er, als Vorsitzender des Bezirksverbands Münster. „Da kann man sich nicht verweigern, auch wenn ich mich damals in Berlin sehr glücklich gefühlt habe. Als ich Sprecher für Arbeit und Soziales und Friedrich Merz Fraktionsvorsitzender war, das waren für mich sehr schöne Jahre.“

Understatement – fast bis zur Selbstverleugnung

„Sehr schöne Jahre“, unabhängiger Abgeordneter, einer unter anderen, in einer Landesgruppe, einer Fraktion verankert, unter Gleichgesinnten. Aus und vorbei. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers holt Laumann als Arbeits- und Sozialminister nach Düsseldorf. Jetzt steht er an der Spitze, unter Beobachtung, in der Öffentlichkeit. „Hoffentlich geht das alles gut.“ Andere würden von einem Karrieresprung sprechen. Laumann nicht.

Stolz? „Ein politisches Leben ist nicht planbar“, wehrt Laumann ab. Stolz ist keine Kategorie für ihn. Pflichtbewusstsein trifft es eher. „Man muss sich Aufgaben stellen, damit sie gelöst werden.“ Understatement – fast bis zur Selbstverleugnung. Natürlich sei es ein großes Glück gewesen, mal Minister zu sein. „Richtig gestalten kannste nur, wenn du in der Administration bist, wenn du in der Regierung bist“, erklärt Laumann mit westfälischem Dialekt und glaubwürdiger Demut.

Landtagswahl 2012. Laumann absolviert 160 Wahlkampfauftritte. Doch ein anderer, Norbert Röttgen, Bundesumweltminister aus Berlin und CDU-Spitzenkandidat für NRW, fährt die Wahl ganz alleine an die Wand. Seine Weigerung, im Falle einer Niederlage auch als Oppositionsführer nach Düsseldorf zu wechseln, wird nicht nur den Sieg kosten, sondern auch Laumanns Laufbahn beeinflussen. Röttgen habe „die Dynamik gegen uns völlig unterschätzt. Ich habe ihm das genau vorhergesagt, dass es so kommt. Aber da war nichts zu machen“, erregt sich Laumann. Er, der doch die Basis kennt. Der weiß, dass die Menschen auf dem Land für egoistische Tricksereien nichts übrig haben. Er, der nur von sich auf andere, auf die Wähler geschlossen hat. „Was bleibt?“, fragt er sich selbst. „Du kannst den Spitzenkandidaten politisch vernichten oder du bist loyal. Ich habe mich für loyal entschieden. Wenige Wochen vor der Wahl ist es noch das Richtigere. Ob es wirklich das Richtige war, kann man im Nachhinein auch bezweifeln.“ Vielleicht sei er „ein bisschen zu treu gewesen“, erinnert sich Laumann. „Vielleicht sogar naiv.“

Laumann wird Fraktionschef der Düsseldorfer CDU-Fraktion. Und ein Jahr später entscheidet er sich noch einmal. Gegen Berlin. „Meine Partei hat mir bei der Bundestagswahl 2013 den Wahlkreis meiner Heimat hinterhergetragen. ,Spring doch’, haben die gesagt. ,Kandidiere für den Bundestag.’ Der Wahlkreis war frei. Die haben mir das auf dem goldenen Tablett angeboten.“ Der Wahlkreis ging dann wie erwartet an die CDU. Wie schon so oft im schwarzen Münsterland. „Ich habe wegen der Loyalität zu den Leuten im Landtag gesagt, ich mache das nicht.“ Im Nachhinein bereut er es. „Es war ein Fehler.“

Dann rief die Kanzlerin an. Und Laumann musste sich wieder entscheiden. Wieder gegen ein Mandat. Diesmal in die andere Richtung – zurück nach Berlin. „Mir ist das nicht leichtgefallen, aus Düsseldorf wegzugehen, weil das Mandat dahintersteckte. Ich rede mir die Sachen bestimmt nicht schön, aber es nützt nichts, Sachen hinterherzutrauern, die man nicht hat. Wenn man so eine Aufgabe in einer Bundesregierung bekommt, hat man auch die Verantwortung für die spannende Aufgabe. Das machst du.“ Ein Parteisoldat. Und dass Angela Merkel mit der Entscheidung, Laumann nach Berlin zu holen, den aufziehenden Führungsstreit in der Landes- CDU mit Armin Laschet gleich mitlöst, ist Laumann auch bewusst.

„Nicht zu ertragendes Gelaber“

Berlin mit all seinen Annehmlichkeiten kann das, was Laumann fehlt, nicht aufwiegen. „Berlin ist für mich Arbeitsort“, sagt Laumann. „Aber ich lebe hier nicht. Lebensmittelpunkt ist für mich natürlich der Ort Riesenbeck, wo meine Familie lebt, wo ich mein Haus habe.“ Lebensmittelpunkt Riesenbeck. Das ist nicht mal eine eigenständige Stadt, ein Stadtteil mit knapp 8000 Einwohnern am Rande des Teutoburger Waldes. Aber es ist Heimat.

Laumann wird seine Familie nie nach Berlin holen. „Unvorstellbar. Ich finde, man muss auch da, wo man hingehört, bleiben“, sagt er. Ein Sonntagvormittag mit einem „guten Hochamt und anschließend eine Festrede, weil der Kolping 100 Jahre alt wird. Das ist eine tolle Veranstaltung.“ Und lieber „Schweinebraten als ein Edel-Italiener in Berlin-Mitte“, lieber „gesellig als allein“, lieber ehrliche Kante als „nicht zu ertragendes Gelaber“. Und er freut sich schon „auf die vielen Neujahrsempfänge“, die bald wieder anstehen. Da, wo sie ihn kennen, wo er die Leute kennt, und wo er nicht alleine an der Spitze von irgendwas steht.

„Wat de Bur nich kennt, dat frett he nich“, sagt ein plattdeutsches Sprichwort, das Laumann auch für sich reklamiert. Das ist natürlich auf den Schweinebraten gemünzt. Zur Beschreibung seiner politischen Karriere taugt es nicht. Da stand er immer vor etwas Neuem, Unbekannten. Er hat es dann doch gemacht.

Dieser Text erschien in der "Agenda" vom 25. November 2014 - einer neuen Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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