Deutsche und Chinesen : Zwischen Faszination und Unwissenheit

Zum zweiten Mal hat die Huawei-Studie die gegenseitige Wahrnehmung von Deutschen und Chinesen untersucht.

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Vorbild. 83 Prozent der Chinesen halten deutsche Technologieprodukte für international wettbewerbsfähig. Das zeigte sich auch auf der Expo in Shanghai 2010.
Vorbild. 83 Prozent der Chinesen halten deutsche Technologieprodukte für international wettbewerbsfähig. Das zeigte sich auch auf...Foto: AFP ImageForum

„Was fällt Ihnen spontan ein, wenn sie an China denken?“, lautet eine Frage in der Huawei-Studie 2014 „Deutschland und China – Wahrnehmung und Realität“. Die Antworten auf deutscher Seite überraschen. 37 Prozent nennen als erstes Wirtschaftsmacht, 20 Prozent Bevölkerungswachstum, 15 Prozent Kommunismus und ebenfalls Chinesische Mauer. 14 Prozent erzielen Chinesisches Essen und Menschenrechtsmissachtung. Zwölf Prozent nenne das große weite Land und gleichauf den Diebstahl von Ideen, nur acht Prozent denken noch an Billig-Produkte und fünf Prozent an die Ein-Kind-Politik.

Auch die Chinesen sehen als erstes mit 60 Prozent Deutschland als Wirtschaftsmacht, 38 Prozent nennen die Automobilindustrie, 19 Prozent das Bier und ebenso viele Industrie und Technologie. Zwölf Prozent nennen Charaktereigenschaften und elf Prozent fallen zu Deutschland deutsche Produkte ein. Zehn Prozent denken spontan an Umwelt und Natur, ebenso viele an Fußball, zehn Prozent ans Essen und nur sieben Prozent nennen den Zweiten Weltkrieg.

Was die politische Führung angeht, können 21 Prozent der Chinesen Angela Merkel nennen, aber nur zwei Prozent der Deutschen den Staatspräsidenten Xi Jinping, der jetzt am 28. März zum Staatsbesuch nach Deutschland kommt.

Angesichts der Tatsache, dass das bilaterale Handelsvolumen mit China von 1972 bis heute um das 300-fache auf 140 Milliarden Euro gewachsen ist (Zum Vergleich: Das Handelsvolumen mit den Niederlanden beträgt 160 Milliarden Euro) und 17 Prozent aller chinesischen Auslandsinvestitionen in Deutschland getätigt werden, ist es geboten, mehr voneinander zu erfahren. Die zweite Huawei-Studie, die der Mobilfunkkonzern Huawei finanziert hat und unter der wissenschaftlichen Leitung des Hamburger GIGA-Instituts (German Institute of Global an Area Studies) von TNS Emnid unter 2600 Personen durchführen ließ, liefert wertvolle Erkenntnisse über die wechselseitige Wahrnehmung. Befragt wurden in jedem Land je 1000 Bürger, je 200 Wirtschaftsentscheider und je 100 politische Entscheider zu den Themenfeldern „Interessen und Kenntnisse“, „Politik und Staat“, „Wirtschaft und Innovation“ sowie „Gesellschaft und Kultur“. Außerdem wurde die Wahrnehmung des anderen Landes in den nationalen Medien untersucht.

China in den Medien

Das Bild ist komplex und vielschichtig, was angesichts der Größe Chinas nicht verwunderlich ist. Gerade auf deutscher Seite zeigt sich, dass China vor allem als Wirtschaftsmacht, als künftiger globaler Player, aber auch als ein Land mit massiven Menschenrechtsproblemen wahrgenommen wird. Das spiegelt auch die Berichterstattung in den Medien. Veränderungen im sozialen und kulturellen Bereich werden hingegen kaum wahrgenommen. Der Direktor des GIGA-Instituts, Patrick Köllner, sieht es als problematisch an, „dass die öffentliche Wahrnehmung Chinas den dortigen Gegebenheiten und Dynamiken deutlich hinterherhinkt.“ Allerdings zeigt die Studie auch, dass jüngere Befragte China differenzierter und positiver betrachten, ebenso Menschen mit China-Erfahrung. 84 Prozent der Deutschen halten die Wirtschaftsbeziehungen zu China mittlerweile für ebenso wichtig (57 Prozent) oder wichtiger (27 Prozent) wie die zu den USA.

Im Bereich „Politik und Staat“ stufen 81 Prozent der deutschen Zeitungsartikel China als Diktatur ein – blenden aber nach Erkenntnis des Instituts „die partielle Neuausrichtung der staatlich-zivilen Interaktionsmuster“ aus. So gebe es zunehmende Partizipation beim Thema Umweltschutz über das Internet oder auf lokaler Ebene. Auch habe China angesichts wachsender sozialer Unruhen und der klaffenden Schere zwischen Arm und Reich 2011 ein neues Gesetz zur Sozialgesetzgebung verabschiedet, aus dem allerdings die Wanderarbeiter noch immer herausfallen.

Was die Medienlandschaft angeht, ergibt sich eine widersprüchliche Wahrnehmung. 87 Prozent der deutschen Bevölkerung geht davon aus, dass keine Meinungsfreiheit gegeben sei. 63 Prozent der Bevölkerung nehmen an, dass das Internet vom Staat zensiert werde. „Die Tatsache, dass Internetdienste von börsennotierten, privaten Unternehmen angeboten werden, ist in der allgemeinen Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung noch nicht angekommen“, heißt es in der Studie. Allerdings diene das Internet in China vor allem „in den Bereichen E-Commerce und E-Government ... in erster Linie administrativen und kommerziellen Zwecken.“

Kein gutes Image in Deutschland

Mit einer wachsenden Einbindung in internationale Systeme muss China allerdings den Weg der Verrechtlichung gehen, wobei hier wohl zunächst der Primat auf den rechtlichen Strukturen im Bereich der Wirtschaft liegt.

Im Vergleich zu anderen Staaten ist das Image Chinas in Deutschland nicht gut, nur 24 Prozent sehen China positiv. Immerhin: Das demokratische Indien bringt es nur auf 20 Prozent und Russland auf 18 Prozent. Am besten schneidet Frankreich mit 73 Prozent und Großbritannien mit 62 Prozent ab. Chinesen sehen umgekehrt Deutschland mit 67 Prozent sehr positiv, nur Frankreich erhält zwei Prozentpunkte mehr, Großbritannien erzielt 60 Prozent, die USA 51 Prozent, Russland 47 Prozent, Japan 28 Prozent und Indien nur 19 Prozent. Dass China sich an Hilfsmissionen der Vereinten Nationen und an der Bekämpfung der Piraterie im Golf von Aden beteilige, finde in der deutschen Öffentlichkeit kaum einen Niederschlag.

In politischer Hinsicht sehen nur sechs Prozent der Deutschen die Beziehung zu China im Vergleich zu den USA als die wichtigere an, allerdings meinen 56 Prozent, dass beide Beziehungen gleich wichtig seien. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sind schon 23 Prozent der Meinung, dass die Beziehungen zu China die wichtigeren seien (USA 57 Prozent). Angesichts einer zunehmenden – auch militärischen –chinesischen Präsenz verweist die Studie darauf, dass die chinesischen Militärausgaben nur ein Siebtel derjenigen der USA betragen.

Die Studie konstatiert auf deutscher Seite eine geringe Kenntnis der chinesischen Forschungs- und Innovationsanstrengungen, die langfristig das Bild vom Imitator zum Innovator verändern können.

Die Studie versucht ein komplexes Bild Chinas abzubilden und verweist darauf, dass das Land sich nicht nach herkömmlichen Mustern einordnen lasse, das chinesische Modell pragmatisch scheinbar inkompatible Elemente zu vereinen suche und damit ein komplexeres, aber auch fragmentierteres Bild abgebe. Die Studie zeigt, dass eine differenziertere Betrachtung Chinas geboten ist, da viele Entwicklungen das hiesige Publikum gar nicht erreichen.

Die Studie steht im Internet zum kostenfreien Download bereit: www.huawei-studie.de

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