• Wie das gemeinsame Singen Grenzen und Vorurteile überwinden kann - Michael Betzner-Brandt leitet den Begegnungschor Berlin

Wie Singen Grenzen überwinden kann : Den gemeinsamen Groove finden

Der Gesang ist vielleicht die Muttersprache der Menschheit. Was passiert, wenn Alte mit Jungen, Flüchtlinge mit Berlinern singen?

Michael Betzner-Brandt
Gemeinschaft durch Singen.
Gemeinschaft durch Singen.oto: Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung e.V.

„Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen“: Dieser Satz stammt vom großen Musiker Sir Yehudi Menuhin, dessen vorrangiges musikalisches Ausdrucksinstrument die Geige war. Die Idee, die darin umrissen wird, klingt fast zu schön um wahr zu sein: dass das Singen die Menschen verbindet – über alle Unterschiede hinweg, etwa der kulturellen Herkunft, Bildungsstand, Sprache, Alter oder auch sexuelle Orientierung hinweg. Eine starke Idee: Dass für einen Moment und manchmal auch darüber hinaus das Verbindende stärker wahrgenommen wird als das Trennende. Die Idee einer Kommunikation, in der das Verbindende „gespürt“ und „gefühlt“ wird. Eine Art Herzensverbindung.

In meiner Arbeit als Chorleiter des „Ich-kann-nicht-singen-Chors“ erlebe ich es immer wieder, dass die Musik und das Singen die Kraft hat, Menschen zusammenzubringen. Und das Schöne dabei ist: Es klingt gut! Diese Kraft können sich auch Unternehmen und Institutionen zunutze machen: Betriebschöre können Belegschaften zusammenschweißen, sozusagen auf eine gemeinsame Wellenlänge bringen, über Abteilungs- und andere Grenzen hinweg.

Die Klänge ordnen sich wundersamerweise

Dass das auch mit Laien und sogar mit Menschen funktioniert, die sich selbst für unmusikalisch halten, zeigt der „Ich-kann-nicht-singen-Chor“. Er ist keine feste Gruppe, sondern es kommen jeweils ungefähr 100 Teilnehmer, viele davon zum ersten Mal, manche regelmäßig. Wenn ich dort eine kleine Melodie vorsinge oder eine einfache Akkordfolge vorspiele und dann sage: „Singen Sie eigene Harmoniestimmen dazu“ oder „Singen Sie eine zweite Stimme dazu“, dann entsteht eben nicht das oft befürchtete Chaos, sondern die Klänge ordnen sich wundersamerweise zu Dreiklängen und Akkorden. Die Menschen, die von sich behaupten, sie könnten nicht singen, ergänzen Terzen, Quinten und Oktaven, ohne es zu wissen.

Ganz ähnlich funktioniert es mit dem Rhythmus. Wenn sich im Raum ein gemeinsamer Groove etabliert hat, kann jeder Einzelne darüber eigene Rhythmen singen, die sich zu einem Ganzen fügen. Die Musik stellt eine Ordnung bereit, die uns durch unsere Hör- und Körpererfahrung zugänglich ist. Wenn sich dann so eine beschwingte, entspannte Stimmung im Saal breit macht, wo jeder in seinem Rhythmus und seiner Energie mit den anderen zusammen in einer musikalischen Welt ist, dann spielen die Vorurteile darüber, ob man nun meint singen zu können oder nicht, keine Rolle mehr.

50 Flüchtlinge, 20 Ehrenamtler singen zusammen

Singen fängt von innen an. Dann können auch Teenager mit 80-Jährigen zusammen auf musikalische Art und Weise kommunizieren. Aber solche Stimmspiele und Übungen sind nur ein Anfang. Für viele bedeutet „Singen“ eben doch das Singen von „richtigen“ Liedern, also Melodie und Text, womöglich verteilt auf mehrere unterschiedliche Stimmen. Und auch das funktioniert. Es gibt allen Unkenrufen zum Trotz doch ein breites Repertoire an Pop-Songs, deutschen und internationalen Volksliedern sowie klassischen Melodien, die viele im Ohr haben und gerne singen. Der Text wird per Beamerprojektion bereitgestellt und schon kann es losgehen.

Anfang Oktober wurde aus aktuellem Anlass die These des Singens als der Muttersprache aller Menschen auf eine besondere Probe gestellt. Im Roten Rathaus fand die erste Probe des „Begegnungschors“ statt unter dem Arbeitstitel: Berliner singen mit Flüchtlingen, initiiert von Leadership Berlin–Netzwerk Verantwortung e.V. und geleitet von den Berliner Chorleitern Bastian Holze und mir.

Auch Michael Jackson ist nicht überall beliebt

Wir trafen auf eine Gruppe von 50 Flüchtlingen, vornehmlich aus Eritrea und Syrien, und 20 ehrenamtliche Helfer. Dabei zeigte sich, dass das gemeinsame Singen in erster Linie eine große Lernerfahrung ist. Die erste Erkenntnis war: Es gibt keine Lieder, die alle Menschen dieser Welt gleichermaßen kennen und gerne singen. Selbst so große Hymnen wie „We are the World“ von Michael Jackson sind nicht in allen Weltteilen bekannt. Und auch (und gerade) Michael Jackson steht nicht über den Dingen. Der „King of Pop“ wird nicht auf der ganzen Welt als überparteilicher Weltmusiker angesehen, sondern auch als ein Repräsentant einer amerikanischen Kultur, die viel Unheil in viele Regionen der Welt gebracht hat.

Ein besonderer Moment in der Probe des Begegnungschores war, als sich eine Gruppe arabisch sprechender Flüchtlinge, die sich vorher nicht kannten, zusammenfand und spontan „Nassam Alayna El Hawa“ anstimmte, ein Lied der großen libanesischen Sängerin Fairouz, die im arabischen Kulturraum sehr populär ist. Dieses Lied konnten die Berliner nicht mitsingen. Sie kannten weder Fairouz noch kamen ihnen Melodie und Text bekannt vor. Doch schon in der zweiten Probe kam man sich dort näher. Die Melodie wird nach mehrmaligem Hören auch für Berliner Ohren eingängig, und mit lautsprachlichen Aussprachehilfen und Textübersetzungen kann man sich durchhangeln. In den nächsten Proben wollen auch die Eritreer einige „ihrer“ Songs vorstellen und wir werden sehen, ob wir das chortauglich arrangieren können. Solange üben wir weiter an Nenas „99 Luftballons“, „Die Gedanken sind frei“ und „We are the world“.

Und so bleibt die Erfahrung, dass das gemeinsame Singen nicht von alleine alle Probleme dieser Welt lösen kann. Es ist nicht das gemeinsame Singen, sondern vor allem das gemeinsame Lernen, das die Unterschiede überwindet und verbindet. Die gemeinsame Sprache aller Menschen will auch gelernt und geübt werden.

Der Autor lebt als Pianist und Dirigent in Berlin, er ist Gründer und Leiter des „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ und „High Fossility-RockPopChor 60+“. Informationen zum Begegnungschor hier. Dieser Text erschien in der Beilage zur Diversity-Konferenz 2015 des Tagesspiegels. Mehr zum Thema Diversity lesen Sie hier.

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