Aus der Uni auf den Markt : Ohne Idealismus geht es nicht

Von Geistesblitzen und Erfahrungswerten: Zwei Gründer berichten über ihren Weg zum Unternehmer - und wie die Freie Universität sie dabei unterstützt hat.

Marion Kuka
Von der Forschung auf den Markt: Florian Hauer und Amelie Wiedemann sind Wissenschaftler - und Unternehmensgründer.
Von der Forschung auf den Markt: Florian Hauer und Amelie Wiedemann sind Wissenschaftler - und Unternehmensgründer.Foto: Carolin Schmidt

„Die Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen, trifft man nicht von heute auf morgen. Sie wächst über längere Zeit heran“, sagt Amelie Wiedemann. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Gesundheitspsychologie der Freien Universität hat sie sich mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz beschäftigt und fand es immer wieder spannend, über den Nutzen ihrer Forschung für die Gesellschaft nachzudenken. Den universitätsweiten Ideenwettbewerb Research to Market Challenge nahmen die promovierte Psychologin und ihr Kollege Daniel Fodor, der am Institut für medizinische Psychologie der Charité für seine Doktorarbeit forscht, zum Anlass, eine lang gehegte Idee zu Papier zu bringen. Beide reichten das Konzept für „Dearemployee“ ein und gewannen prompt einen Hauptpreis.

Das Team will Big-Data-Anwendungen nutzen, um psychische Gefährdungen in Unternehmen zu identifizieren. Seit 2013 sind Arbeitgeber in Deutschland verpflichtet, mögliche Gefahrenquellen für die Psyche ihrer Mitarbeiter zu identifizieren und Abhilfe zu schaffen. Dafür setzen Wiedemann und Fodor maschinelles Lernen ein und Data-Mining-Verfahren – also Methoden, um Informationen und Muster in großen Datenmengen zu erkennen. Denn in den Ergebnissen von Online-Befragungen und in Kennzahlen wie Überstunden und Krankenstand lassen sich Muster erkennen, die Aufschluss über Risiken und Ressourcen für die psychische Gesundheit geben. Auch passende Maßnahmen soll das System vorschlagen – aber nur solche von zertifizierten Anbietern.

Einige Wochen nach dem Wettbewerb hatten Wiedemann und Fodor ihre Gründungsabsicht öffentlich gemacht. „Daraufhin kamen aus unserem Netzwerk Anfragen von Unternehmen, die unsere Kunden werden wollen.“ Zusammen mit Profund Innovation stellten beide einen Antrag auf ein EXIST-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums, das Jungunternehmern in der Gründungsphase für ein Jahr den Lebensunterhalt sichert. „Falls wir das Stipendium nicht bekommen sollten, machen wir aber trotzdem weiter“, sagt Wiedemann. Ihre Eltern – beide selbstständig – haben sie von Anfang an ermutigt, auch ihr Mann trage die Entscheidung mit: „Das war mir wichtig, schließlich haben wir zwei Kinder zu versorgen.“

Ihren wissenschaftlichen Hintergrund sieht die Psychologin als klaren Vorteil, auch weil er bei potenziellen Kunden einen Vertrauensvorsprung schafft. In Rechts- oder Finanzierungsfragen etwa will sie sich beraten lassen. Ihr Fazit: „Ich freue mich darauf, Sachen zu machen, für die ich mich begeistern kann. Mein Leben wird sicher nicht ruhiger. Aber es ist ein schönes Abenteuer.“

Die Idee entstand durch eine Panne im Labor

Florian Hauer ist da schon einen Schritt weiter: Vom Gründungsmythos, dem Aha-Erlebnis jedes Gründerteams, hat er schon so oft erzählt, dass er die Geschichte auf das Wesentliche reduziert: „Die Idee entstand, als mein Mitgründer Simon Bungers und ich im Labor arbeiteten. Weil eine Aufzeichnung in einem Laborbuch aus Papier nicht mehr lesbar war, musste die Arbeit eines ganzen Jahres wiederholt werden.“ Mit einem elektronischen System wäre das nicht passiert, dachten sich die promovierten Molekularbiologen und beschlossen, eine Software für das digitale Management von Labordaten zu entwickeln.

Heute wird „labfolder“ weltweit von mehr als 12 000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern genutzt, Tendenz steigend. Die Forscher können damit Informationen auf dem Computer sowie aus Datenbanken, Tablets und Laborgeräten verknüpfen, verwalten und halten gleichzeitig automatisch Laborrichtlinien und Industriestandards ein. Die Plattform erleichtert auch die Datenanalyse und die Zusammenarbeit mit Kollegen über Abteilungen und Kontinente hinweg.

„Die Datenmengen in der Forschung wachsen exponentiell und sind ohne digitales Datenmanagement nicht mehr zu bewältigen“, sagt Florian Hauer. Sein Team hatte die richtige Idee zur richtigen Zeit, und so ließen ein EXIST-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums, mehrere Auszeichnungen in Gründerwettbewerben, Investoren und die Kundennachfrage nicht lange auf sich warten. Dank eines Rahmenvertrags können seit Kurzem beispielsweise alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft das digitale Laborbuch nutzen.

Den Wunsch zu gründen hegten Simon Bungers und Florian Hauer jedoch schon vor dem Geistesblitz. Der Sprung vom Wissenschaftler zum Unternehmer sei gar nicht so groß, meint Florian Hauer, denn die Arbeit in öffentlich finanzierten Forschungsprojekten berge aufgrund befristeter Verträge wie das Unternehmertum viele Risiken. Zudem lerne man in der Forschung, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten. „So stellt man fest, dass Steuerrecht kein Hexenwerk ist.“ Die Verantwortung für Mitarbeiter zu tragen, sei allerdings eine neue Erfahrung gewesen, sagt Hauer: „Als Geschäftsführer habe ich zwar viel Gestaltungsfreiheit, bin aber zugleich der größte Diener meiner Firma.“ Da sei es nicht immer leicht, es allen recht zu machen. Angehenden Gründerinnen und Gründern wie Amelie Wiedemann möchte Florian Hauer vor allem zwei Tipps mit auf den Weg geben: „Am Anfang fiel es mir schwer, Aufgaben abzugeben. Tatsächlich funktioniert es aber sehr gut, dank meiner tollen Kollegen.“ Und: „Auch Probleme wird es leider immer geben. Nur wer dann fest an die Sache glaubt, kann den Weg bis zum Ende gehen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben