Forschungsplattform : Ein Bücherregal für Daten

In der Edition Topoi können künftig auch Forschungsdaten zitierfähig publiziert werden.

Nina Diezemann
Bibliotheken, wie hier der Lesesaal im Jesuitenkloster Clementinum in Prag, werden auch im digitalen Zeitalter nicht überflüssig.
Bibliotheken, wie hier der Lesesaal im Jesuitenkloster Clementinum in Prag, werden auch im digitalen Zeitalter nicht überflüssig.Foto: picture-alliance/Christoph Mohr

Ein Buch oder einen Aufsatz zu zitieren, gehört zum wissenschaftlichen Arbeiten dazu. Doch wie verhält es sich mit Bildern, Quellensammlungen, digitalisierten Objekten, dreidimensionalen Modellen oder Datenbanken, vor allem, wenn diese nur virtuell im Internet vorliegen? Diese Forschungsdaten spielen in den Altertumswissenschaften eine immer wichtigere Rolle. Noch viel zu selten würden sie allerdings mit der Veröffentlichung eines Buches oder eines Artikels auch direkt zugänglich gemacht, sagt Gerd Graßhoff, einer der beiden Sprecher des Exzellenzclusters Topoi, eines Forschungsverbundes von Freier Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin. Das sei der Grund gewesen, eine Publikationsplattform zu schaffen, auf der „klassische“ wissenschaftliche Bücher wie Monografien oder Aufsatzsammlungen ebenso abgerufen werden können wie Forschungsdaten: die Edition Topoi.

Mit der Edition Topoi setzt der Cluster die Idee von Open Access in den Wissenschaften um. Alle Veröffentlichungen – Bücher, Zeitschriften, Daten – werden weltweit verfügbar gemacht. Das ist wichtig für einen Forschungsverbund, dessen Wissenschaftler mit Kollegen in Osteuropa, Nordafrika und dem Nahen Osten zusammenarbeiten, in Ländern also, in denen in Bibliotheken und Akademien wenig Geld für Fachliteratur zur Verfügung steht. Auch führen die Wissenschaftler in Krisenregionen archäologische Grabungen durch. „Immer wenn das Internet stabil ist, können auch unsere Kollegen außerhalb von Berlin die Publikationen lesen. Das führt zu einer Demokratisierung der Wissenschaftslandschaft“, sagt Michael Meyer, ebenfalls Sprecher des Exzellenzclusters und Professor für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin.

Neu entwickelt wurde das Format "Citable"

In der Edition Topoi gelten für Bücher wie für Datenveröffentlichungen hohe Qualitätsstandards: Beide Publikationsformen werden redaktionell betreut und sollen dauerhaft im Internet verfügbar sein. Für die Veröffentlichung von Daten wurde deshalb im Rahmen der Edition Topoi ein neues Format entwickelt, das sogenannte Citable: „Ein Buch hat einen Titel, Autor und weitere Angaben, die es unverwechselbar machen“, sagt Gerd Graßhoff, Professor für Wissenschaftsgeschichte der Antike an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ähnlich sollen nun Forschungsdaten als „komplexe Einheit“ zitierfähig veröffentlicht werden, sodass sie in Zukunft immer gefunden werden und – noch wichtiger – Leser damit arbeiten können.

Das ist keine leichte Aufgabe, denn seit Wissenschaftler mit Computern arbeiten, verändern sich Programme, und Dateien werden unleserlich. Das unterscheidet sie von Manuskripten, Büchern und Zettelkästen, die sogar noch Jahrhunderte später entziffert werden können. Das Citable kann als Textdatei heruntergeladen werden und ist damit auch unabhängig von Programmen und Betriebssystemen für Computernutzer lesbar. Als Citable können in der Edition Topoi auch digitale Sammlungen zugänglich gemacht werden, etwa von Rollsiegeln oder babylonischen astronomischen Tagebüchern. Und auch Sammlungen von Topoi-Kooperationspartnern, etwa von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, dem Deutschen Archäologischen Institut, dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, können eingebunden werden.

Lange bevor es 3D-Modelle gab, wurden schon Münzen in Siegellack gedrückt

Wissenschaftler anderer Institutionen können so nicht nur eine Publikation von Grund auf überprüfen, sondern mit den Daten selbst weiterarbeiten, sie korrigieren oder erweitern. Für den „Impact“, den Einfluss einer Publikation auf die Weiterentwicklung des Fachgebiets, werden Forschungsdaten in Zukunft immer wichtiger, ist sich Gerd Graßhoff sicher. In den Naturwissenschaften sei dieses „Teilen von Wissen“ inzwischen schon weit verbreitet; in den Geistes- und Kulturwissenschaften jedoch noch nicht. Dabei ist die Idee, Forschungsdaten zu sammeln, nicht neu. „In Berlin werden seit 200 Jahren systematisch Forschungsdaten in den Altertumswissenschaften erhoben“, sagt Gerd Graßhoff: Münzen wurden – lange bevor es 3D-Modelle gab – in Siegellack gedrückt. Mit der Methode des „Abklatsches“ wurden antike Grabinschriften weichem, mit Wasser angefeuchtetem Papier eingeprägt. Die Edition Topoi führt dieses materielle Sichern von Forschungsdaten nun auf digitaler Ebene fort.

Werden digitale Publikationsplattformen wie die Edition Topoi deshalb Bibliotheken nicht irgendwann überflüssig machen? „Im Gegenteil: Bibliotheken tragen die Edition Topoi“, sagt Graßhoff. Die Universitätsbibliotheken der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin stellen die dauerhafte Verfügbarkeit von Büchern sowie der digitalen Sammlungen von Forschungsdaten, auch Repositorien genannt, sicher. Und auch das gedruckte Buch werde nicht verschwinden, vermutet Michael Meyer. Alle Bücher, die im Rahmen der Edition veröffentlicht werden, sind deshalb als book on demand verfügbar, mit ansprechendem Layout und lesefreundlichem Papier. Für die beiden Topoi-Sprecher – wie für viele andere Wissenschaftler auch – sind Bücher nach wie vor eine wunderbare Art, die Arbeit der Kollegen zu rezipieren. Oder, wie es Gerd Graßhoff ausdrückt: „Gedruckte Bücher sind ein gutes Wissensinterface für den Menschen.“


Die Edition Topoi wird am 18. April um 17 Uhr in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bei einer Veranstaltung vorgestellt.

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