Food-Blogger in Berlin : Gut vernetzt und immer professioneller

Per Meurling ist einer der bekanntesten Food-Blogger in Berlin, Cee Cee einer der größten Newsletter in diesem Bereich. Aus Hobbies sind in den vergangenen Jahren ernsthafte Unternehmungen geworden - mit tausenden Fans.

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Bezeichnet sich selbst als "Food-Nerd": Per Meurling
Bezeichnet sich selbst als "Food-Nerd": Per MeurlingFoto: Promo

Als Kind hat Per Meurling immer nur Kochbücher gelesen. Und während seine Kommilitonen Fertig-Pizza aßen, legte er als Student jeden Cent beiseite, um gelegentlich in Sternerestaurants essen gehen zu können. Heute liegt das Studium schon lange hinter ihm, er ist verheiratet, wird bald Vater und ist im Moment einer von Berlins bekanntesten Food-Bloggern.

Dabei hat Meurling das nie so geplant. Früher fragten ihn Freunde und Kommilitonen immer mal wieder, wo sie gut essen gehen könnten. Irgendwann schrieb er eine Liste, die er regelmäßig aktualisierte und per Mail verschickte. Bald hatte er aber keine Lust mehr darauf und richtete kurzerhand einen Blog ein: Die Online-Präsenz war geboren, die heute "Berlin Food Stories" heißt und Tag für Tag 1500 Leser anlockt.

Zu Beginn bloggte Meurling sogar anonym, nichts wies auf ihn als Urheber hin. Er steckte viel Arbeit in den Blog – "sauviel", sagt er und lacht. "Ich wage zu behaupten, dass ich ein Riesen-Food-Nerd bin!" Mit viel Hingabe machte er die Berlin Food Stories groß. Doch es war nicht nur die Hingabe, die ihn so erfolgreich machte: Von Anfang an legte er großen Wert auf eine für Google optimierte Seite. Er stellte er sich vor, was Touristen, die in Berlin essen gehen wollten, bei Google suchen würden, und sorgte dafür, dass sie zuverlässig auf seine Inhalte stießen.

Der Blog ist Meurlings Aushängeschild

Heute gehören seine Social-Media-Präsenzen ganz wesentlich zu seinem Erfolg. Er ist auf Facebook, auf Twitter, auf Instagram und auf Snapchat vertreten, allein auf Facebook hat er mittlerweile über 8000 Likes eingesammelt. Ein, zwei Mal am Tag geht er irgendwo in Berlin essen und fotografiert die Speisen. Er ist einer der wenigen Food-Blogger, die immer selbst bezahlen. Mindestens zwei Mal sucht er das Restaurant auf und schreibt auch nur darüber, wenn es ihm geschmeckt hat. "Ich mache keine Verrisse", sagt er.

Anonym schreibt er schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Anfang letzten Jahres personalisierte er den Blog. "Ich möchte nicht mehr nur als Per, der Food-Blogger bekannt sein, sondern als Per, der Food-Experte", sagt er. "Und der Blog ist mein Aushängeschild." Und er ist auf einem guten Weg. Schon jetzt verdient er regelmäßig Geld damit, gerade hat er den Dreh eines britischen Teams begleitet, das einen Film über die Berliner Gastronomie drehte – Heimspiel für Meurling.

Im Laufe der Jahre hat er ein stabiles Netzwerk um seinen Blog gewoben. Warum es so stabil ist: "Wenn man sich digital kennen gelernt hat, versuche ich immer recht schnell, die Brücke in die reale Welt zu schlagen", sagt er. Viele seiner Themen kommen schon heute über sein Netzwerk zu ihm. "Mittlerweile kenne ich die Restaurants schon, bevor sie aufmachen", erzählt er.

"Jede Woche eine bunte Wundertüte"

Die Inhalte seines Blogs werden kostenfrei bleiben, doch er wird zusätzliche Services anbieten: Eine Stellenbörse für Fachleute aus dem Gastro-Bereich, geführte Touren durch die ganze Stadt oder einen Concierge-Service, wo er mit seinem Wissen für Berlin-Besucher einen Essensplan ganz nach ihrem Geschmack zusammenstellt, all das ist denkbar.

Auch Sven Hausherr und Nina Trippel leben mittlerweile von ihrem Online-Projekt, obwohl es kostenfrei ist. Und auch sie hatten ursprünglich nicht geplant, ein Geschäftsmodell daraus zu machen: Hausherr und Trippel sind die Macher des Cee-Cee-Newsletters, in dem sie immer donnerstags Lebensmittelhändler, Restaurants, Cafés oder Shops empfehlen, die neu in der Stadt entstanden sind. "Das ist jede Woche eine bunte Wundertüte", meint Trippel. Auch sie nehmen in ihren Newsletter nur auf, was ihnen wirklich gefällt. Sie probieren alles aus, sehr zeitaufwendig sei das, sagt Trippel – obwohl sie mittlerweile schon so bekannt sind, dass die Unternehmer und Gastronomen auf sie zukommen, in der Hoffnung, auf diese Weise im Newsletter zu landen.

"Zuerst haben wir unseren Newsletter nur an unsere Freunde verschickt", sagt Nina Trippel. Mit ungefähr 300 Abonnenten sind die beiden gestartet, vor etwa fünf Jahren war das. Heute lesen Woche für Woche knapp 30.000 Menschen ihren Newsletter – Tendenz noch immer steigend. Ihre Facebook-Seite haben über 11.000 Personen geliked und verfolgen Tag für Tag, was sie dort posten.

Obwohl der Newsletter selbst kostenlos ist, verdienen die beiden Gründer trotzdem damit – über einen Umweg: Sie haben eine Kreativagentur gegründet, "Cee Cee Creative". Auch für sie ist der Newsletter ihr Aushängeschild, sein Erfolg lockt die Kunden. "Wir haben ein sehr großes Netzwerk, kommen mit vielen Menschen in Kontakt, und das nutzen wir für uns", sagt Trippel. Und auch um den Newsletter herum entstanden weitere Projekte: Die beiden arbeiten gerade am zweiten Buch und haben jüngst eine Workshop-Serie gelauncht, "Cee Cee Lesson". Für die Teilnehmer sind die Workshops kostenfrei, weil sie einen Sponsor gewinnen konnten. Im Moment haben sie eine amerikanische Whiskeymarke an Bord, die in Deutschland bekannter werden und solche Events nutzen will, um mit ihrer Zielgruppe in Kontakt zu kommen. Weitere Workshops zu anderen Themen sind in Planung.

Viel mehr Quereinsteiger in der Branche

Per Meurling und Cee Cee zeigen beispielhaft, wie sich die Berliner Foodszene in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Viel findet im Netz statt und schwappt hinüber in die reale Welt. Längst kochen auch Gastronomen und Restaurantinhaber nicht mehr ihr eigenes Süppchen, die Szene ist viel breiter geworden – nicht zuletzt auch durch den Start-up-Boom in der Hauptstadt: Jetzt gehören auch Food-Blogger, Food-Trucker, Food-Start-ups wie die Lieferdienste bis hin zu den ungezählten Craft-Bier-Brauern oder Smoothie-Machern dazu. Mit ihnen hat sich auch die Atmosphäre verändert: Sie ist offener geworden, man hilft sich bereitwillig weiter. "Es gibt mittlerweile viel mehr Quereinsteiger", sagt Stefanie Rothenhöfer. "Ellbogen sind nicht mehr so angesagt, man macht viel mehr miteinander", ist ihr Eindruck.

Rothenhöfer hat Ende 2014 den Food Entrepreneurs Club (FEC) gegründet, ein Gründernetzwerk im Food-Bereich, für das sie alle zwei Monate zu einer Veranstaltung einlädt, immer mit einem passenden Thema: Mal geht es um Finanzierungsfragen, mal um den richtigen Social-Media-Auftritt. Auch für Rothenhöfer ist ihr eigenes Netzwerk vital – es wird ihr dabei helfen, mit dem FEC irgendwann einmal Geld zu verdienen. Ihr schweben Formate vor, in denen notwendiges Wissen für Food-Unternehmer von Experten vermittelt wird – online und offline.

Konkreter wird sie noch nicht, doch ihre Stoßrichtung ist ähnlich wie die von Per Meurling und Cee Cee: Ein Produkt gestalten, das kostenfrei ist, ein belastbares Netzwerk drum herum aufbauen und schließlich die Marke nutzen, um verwandte Ideen zu monetarisieren. "Wir kommerzialisieren uns absichtlich langsam", sagt Trippel von Cee Cee deshalb auch folgerichtig. Im Newsletter wäre viel Platz für bezahlte Beiträge, auch die dazugehörige Homepage ist noch immer werbefrei. Doch das wollen die Macher auch erst einmal so belassen – ganz bewusst.

Stattdessen nutzen sie die Reichweite ihrer digitalen Produkte und etablieren sich als Experten. Per Meurling ist sogar schon in eine andere Stadt expandiert: Seit vergangenem Dezember bloggt ein guter Freund von ihm in Schweden. Der Name des Blogs: "Stockholm Food Stories".

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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