"Smart Citys" im Vergleich : Berlin hinkt digital hinterher

Das kleine Estland macht Deutschland vor, wie "Smart City" geht. Und überhaupt spielt Berlin in diesem Bereich oftmals nur im Mittelfeld: Auch Kopenhagen oder London lassen Berlin hinter sich.

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Kopenhagens Wahrzeichen: Die Meerjungfrau. Kopenhagen geht voran in Sachen Digitalisierung
Kopenhagens Wahrzeichen: Die Meerjungfrau. Kopenhagen geht voran in Sachen DigitalisierungFoto: dpa

Es war ein schwarzer Tag für alle, die aus Berlin die führende Smart City machen wollen. Mitte Oktober teilte die Europäische Union in Brüssel mit, dass die deutsche Hauptstadt keinen Cent aus dem Forschungsprogramm "Horizon 2020" bekommt. Das abgelehnte Projekt "Smart Nexus" war mit Partnern aus Bologna und Paris entwickelt worden. Ausgewählte Quartiere – unter anderem die Gartenstadt Lichterfelde – sollten unter "Smart City-Gesichtspunkten" (Energieeffizienz, Erneuerbare Energien, CO2-freie Mobilität sowie Informations- und Kommunikationstechnologien) saniert werden. Die dabei gemachten Erfahrungen sollten wiederum künftigen Projekten als Vorbild dienen. Zum Berliner Konsortium von Nexus gehörten unter anderem die Gewobag, Siemens, die Senatsverwaltungen für Wirtschaft und Technik sowie für Stadtentwicklung, Berlin Partner und die Technische Universität. Welche der 42 Bewerber dieses Team so klar abgehängt haben, ist noch nicht bekannt. Das Ergebnis wird voraussichtlich Anfang 2016 veröffentlicht.

Einen Hinweis auf die Nationalität der möglichen Gewinner könnte allerdings der von der EU erstellte "Digital Economy and Society Index" (DESI) geben: Zu dessen Kriterien gehören die Qualität der Internetverbindung, das Humankapital, die tatsächliche Internetnutzung und digitale Verwaltungsangebote. Deutschland belegt Platz zehn, Dänemark Platz eins, danach folgen Schweden, Finnland, die Niederlande, Belgien, Großbritannien, Estland, Irland und Luxemburg.

500 Unternehmen haben die virtuellen Esten bereits gegründet

Wie schafft es das kleine Estland, in diesem Vergleich drei Plätze vor Deutschland zu landen? Wer sich ein wenig mit dem baltischen Land beschäftigt, fragt sich eher, weshalb es in den Vergleichsstudien nicht noch weiter vorne steht. Denn in der Hauptstadt Tallinn (wo übrigens der Internet-Telefondienst Skype erfunden wurde) geht man bei der Metamorphose zur Smart City einen sehr eigenen, sehr radikalen Weg: Seit Dezember 2014 können Ausländer dort eine digitale Staatsbürgerschaft beantragen. Virtuelle Esten erhalten eine ID-Nummer, eine Chipkarte und eine PIN. Damit können sie über das Internet von jedem Ort der Welt aus ein estnisches Unternehmen gründen – und von den Diensten profitieren, die die dortigen Bewohner schon seit 2002 nutzen: über das Internet Dokumente unterschreiben, Steuererklärungen abgeben und Steuern zahlen.

Bislang haben die virtuellen Esten 500 Unternehmen gegründet – und die Erwartungen der Regierung damit übertroffen. Die neuen Firmen sollen die Wirtschaft des kleinen Landes mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern und seiner niedrigen Geburtenrate beleben. Allein ein Wahlrecht ist mit der elektronischen Staatsbürgerschaft bisher nicht verbunden.

Kopenhagen hat sich an die Spitze gesetzt - mit einer selbstbewussten Ankündigung

Ein weiteres Beispiel mit einem ganz anderen Akzent: Kopenhagen hat es an die Spitze eines Rankings geschafft, das einem besonders leidenschaftlichen Smart-City-Aktivisten in den vergangenen Jahren zu großer Popularität verholfen hat: dem US-Amerikaner Boyd Cohen, der sich als Stadt- und Klimastratege bezeichnet und über Entrepreneurship promoviert hat. Der Mann, der bei seinen Präsentationen meist eine Schildmütze trägt, hat zur Bewertung der schlauen Städte einen eigenen Kriterienkatalog entwickelt, das sogenannte "Smart City Wheel". Dieses Schema analysiert Städte anhand von sechs Oberkategorien: Smart Government (gemeint sind damit unter anderem Online-Dienstleistungen der Verwaltung), Smart People (Ausbildung, die Einbindung aller gesellschaftlichen Gruppen, Kreativität), Smart Living (Gesundheit, Sicherheit, Kultur und Glück), Smart Mobility (unter anderem Fortbewegungsmittel ohne Motor), Smart Environment (Ressourcenmanagement) und Smart Economy (Produktivität, lokale und globale Vernetzung). In Cohens Ranking der europäischen Smart Citys liegt Kopenhagen auf Platz eins.

An die Spitze hat die dänische Hauptstadt unter anderem die selbstbewusste Ankündigung gebracht, bis 2025 absolut CO2-neutral zu sein. Und neue Gebäude schon ab 2020 CO2-neutral zu konzipieren. Weitere Pluspunkte sind für Boyd Cohen die hohe Zahl an Radfahrern (40 Prozent des Verkehrs wird mit dem Fahrrad zurückgelegt) und eine Kooperation mit dem renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Hier hat Kopenhagen bereits Wort gehalten: Aus dieser Zusammenarbeit hervorgegangen ist ein Smart Bike, genauer gesagt ein Hinterrad, das aus einem klassischen Fahrrad ein E-Bike macht. In der Mitte dieses Hinterrads ist ein roter Kreis angebracht. Darin stecken ein Motor und ein Akku, der Kraft für 50 Kilometer hat. Danach muss er vier Stunden lang aufgeladen werden. Über eine App kann der Fahrer das Rad mit seinem Smartphone verbinden, es so auch abschließen. Während der Fahrt sammelt er außerdem Daten zur Luftverschmutzung und zu aktuellen Verkehrsstaus.

Cohen ist fasziniert von Hamburgs Hafen City - kein Wort zum sozialen Sprengstoff

Berlin liegt in Boyd Cohens Europa-Ranking auf Platz 9. Die Stadt sei durch ihre beiden Zoos, die drei Opernhäuser, die vielen Orchester und Museen attraktiv für kreativ arbeitende Menschen. Die Begründung des Autors überrascht – schließlich geht es hier um eine Untersuchung zur Smart City und nicht zum Tourismus. Zu technischen Pluspunkten oder der Vielzahl an Start-ups, die hier entstehen, schreibt Boyd ­Cohen nichts.

Hamburg setzt der Autor auf Platz 8. Er zeigt sich fasziniert vom Projekt Hafen City, das 2025 fertiggestellt und Europas größtes urbanes Regenerationsprojekt werden soll. Neben dem Hafen sollen eine Universität, Wohnungen und Geschäfte untergebracht werden. Zur Kritik, dass man für ein Apartment in diesem neuen Quartier schon ein besonders hohes Einkommen braucht und dass viele Hamburger sich längst keinen Wohnraum in der Innenstadt mehr leisten können, ist bei ihm nichts zu lesen.

Schaut man sich auf Boyd Cohens Blog (fastcoexist.com) um, dann wird schnell klar, worum es ihm eigentlich geht: Er möchte untersuchen, wie sich Städte mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in Smart Citys verwandeln lassen. Um die vielen unterschiedlichen Ausgangslagen angemessen berücksichtigen zu können, lässt er in seinen neuesten Veröffentlichungen das Smart City Wheel erst einmal beiseite und arbeitet stattdessen mit einem Fragebogen aus 62 Kriterien, die noch stärker auf technische Details eingehen. Unter anderem will er künftig berücksichtigen, wie viel Prozent der Haushalte einen Internetanschluss haben und wie schnell die jeweilige Surfgeschwindigkeit ist.

Auch persönliche Vorlieben spielen eine Rolle

In seiner neuesten Veröffentlichung empfiehlt Cohen den Kopenhagenern, noch stärker an der Strahlkraft ihrer Stadt zu arbeiten. Um die klügsten Köpfe zu gewinnen, müsse eine noch stärkere Profilierung her. Das Beispiel zeigt: Wie ausgefeilt das Analyseschema eines Autors auch sein mag – am Ende spielen doch auch persönliche Vorlieben eine große Rolle. Boyd Cohen zum Beispiel hat die Attraktivität Barcelonas so überzeugt, dass er dort eine Professur übernommen hat – für "Entrepreneurship und Smart Cities". Städte mit einer guten digitalen Infrastruktur und einem wenig reizvollen Ambiente haben es sehr schwer, bei ihm auf die vorderen Plätze zu kommen.

London wird in vielen Rankings als idealtypische Smart City beschrieben. Das sieht auch die IESE Business School im spanischen Navarra so: Der IESE Cities in Motion Index (CIMI) setzt die Stadt erneut auf den Spitzenplatz, gefolgt von New York und Seoul. Danach kommen Paris, Amsterdam, Wien, Genf und München als beste deutsche Stadt – Berlin ist auf Platz 25 zu finden. An die Spitze gebracht haben London sein Humankapital, seine internationale Ausrichtung und die guten Leistungen in den Bereichen Wirtschaft, Technologie, Mobilität und Transport. Einen richtig schlechten Platz (90 von 148) hat die Stadt nur in der Kategorie des "Sozialen Zusammenhalts" belegt. Bringt man dieses schlechte Abschneiden noch einmal mit der Begeisterung von Boyd Cohen für die Hafen City zusammen, dann wird klar: Auch in einer Smart City steckt sozialer Sprengstoff, droht ein Auseinanderfallen der Gesellschaft in Bevorzugte und Benachteiligte.

Und auch für etwas anderes sind die smarten Städte anfällig: Ihre technische Infrastruktur macht sie extrem verletzlich. Besonders gut zeigt dies das Beispiel Estland. Tallinn musste 2007 mehrere große Cyberattacken aus Russland verkraften. Aus diesem Grund hinterlegt die Regierung seit einigen Jahren Kopien aller wichtigen Datenbanken im Ausland, auf den Servern ihrer Botschaften. Da der Platz dort begrenzt ist, werden nun auch befreundete Regierungen um Speicherplatz gebeten. Langfristig werden das wohl auch andere Städte und Länder tun.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen