Arabische Großfamilien in Berlin : Die Macht der Clans

Kinder protzen mit Scheinen. Väter erpressen Schutzgeld, es fließt oft Blut. Arabische Großfamilien erobern Reviere, mitten in Berlin. Fremde sind Feinde – wie einst im Libanon. Ein Besuch vor Ort.

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Machenschaften arabischer Großfamilien beschäftigen nicht nur die Polizei. Im kommenden Frühjahr läuft eine sechsteilige Serie an, „4 Blocks“ spielt in Berlin.
Machenschaften arabischer Großfamilien beschäftigen nicht nur die Polizei. Im kommenden Frühjahr läuft eine sechsteilige Serie an,...Foto: TM & © Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company

Vielleicht stimmt all das Brutale, das Archaische, das in Berlin über diese Männer erzählt wird, ja gar nicht. Oder einiges stimmt doch, die Männer aber haben sich längst geändert.

Ein Oktobertag, kalter Regen, ein Wohnhaus in Neukölln. Jugoslawische, türkische, arabische Namen auf dem Klingelschild. Einer der Namen gehört einer Familie, nennen wir sie die Katebs, aus dem Libanon. Wenn wahr ist, was sich Polizisten, Anwälte, Lehrer erzählen, gehört die Wohnung zu jenem Clan, der das Viertel rund um den S-Bahnhof Hermannstraße als Revier beansprucht. Dessen Männer – einige waren in Haft – mit Raubgut und Drogen handeln, Konkurrenten niederstechen, Shisha-Bars und Hinterhofbordelle betreiben. Oder durch die Furcht, die sie verbreiten, daran mitverdienen. Männer, die nicht zum Bild vom Trendbezirk Neukölln passen.

"Verpiss disch"

Diese Männer werden nicht reden, sagen Nachbarn, vielleicht bewerfen sie unangekündigte Besucher mit Müll – oder ziehen ein Messer. Einen Versuch soll es dennoch geben, mit den nicht ganz so heimlichen Herrschern des Kiezes zu sprechen. Klingeln. Ein Mittdreißiger, gestutzter Bart, enges T-Shirt, öffnet.

Guten Morgen! Ihre Familie ...

Was geht disch diss an?!

Sie sind im Kiez bekannt dafür ...

Verpiss disch, Schwuchtel!

Zu die Tür. Müssen andere über das Milieu reden, das Beobachter aller politischen Richtungen als Parallelgesellschaft bezeichnen: die arabischen Clans.

Vergewaltigung, Mord, Diebstahl

In Berlin leben – je nachdem, wie weit der Begriff gefasst wird – zehn einschlägig bekannte Großfamilien mit insgesamt mehr als 1000 Angehörigen. Nicht alle, aber rund 200 Männer dieser Familien sind Mehrfachtäter. Oft geben sie vor Gericht nicht mal pro forma einen Beruf an. Ermittelt wurde wegen Erpressung, Raub, Körperverletzung, Diebstahl, Totschlag, Betäubungsmittelhandel, Hehlerei, Nötigung, Vergewaltigung, Mordversuch, Sozial- und Versicherungsbetrug, Steuerhinterziehung und Fahren ohne Fahrerlaubnis.

Die Clan-Älteren kamen in den 80ern während des libanesischen Bürgerkrieges vor allem nach Bremen, Essen und Berlin. Sie zogen in die günstigen Viertel, nach Kreuzberg, Wedding, Neukölln. Einige lebten schon in Beirut als Flüchtlinge, weil sie als arabisch-kurdische Minderheit aus der Türkei oder als Palästinenser aus Israel flohen. Als moralische Instanz und ökonomische Absicherung gab es für sie nur die eigene Familie.

"Und was macht der Staat?"

Bis heute geht es darum, Ehre und Reichtum der Familie zu mehren. Man weiß ja nie, was kommt. Die Clans dominierten in Berlin bald Mietshäuser, dann Blöcke, schließlich – was auch mit den Arbeitsverboten für die anfangs nur geduldeten Libanesen zu tun hat – die Kiezkriminalität. Ermittler und Sozialarbeiter sagen, bestimmte Nachnamen zu nennen, reicht in Neukölln aus, damit andere in der Schule, in der Bar, beim Schutzgeldeintreiben zur Seite gehen.

Ein solcher Name ist Kateb. „Die ham vor nüscht Angst“, sagt ein Nachbar im Haus gegenüber. „Die wissen, wenn die Bullen kommen, steht die Sippe am nächsten Tach noch.“ Wie nach einem Boxkampf. Der Nachbar wohnt allein, schaut oft aus dem Fenster, ketterauchend. Es ist eine der Straßen, in denen nur einige Häuser saniert sind und noch kaum Hipster wohnen, deren Zuzug die Neuköllner Mieten nach oben treibt. Der Späti wirbt mit Ein-Euro-Kaffee. Der Nachbar schaut aus dem Fenster auf den Aufgang der Katebs. „Immer dit teuerste Auto. Und was macht der Staat?“

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