Berliner Eltern streiten über Masern und die Impffrage : Die Stichprobe

„Unverantwortlich“, sagen die einen. „Bevormundend“, die anderen. Seitdem in Berlin ein Kleinkind an Masern gestorben ist, eskaliert der Streit zwischen Impfgegnern und -befürwortern. Mindestens 600 Menschen sind bislang erkrankt. Experten rätseln, warum die Stadt das Virus nicht in den Griff bekommt.

von , , und Daniela Martens
Spritzenkandidat. Wären nicht 90 Prozent aller Berliner Erstklässler zweimal geimpft, hätten sich vermutlich noch viel mehr Menschen angesteckt. Foto: Stalnyk/Fotolia
Spritzenkandidat. Wären nicht 90 Prozent aller Berliner Erstklässler zweimal geimpft, hätten sich vermutlich noch viel mehr...Foto: Stalnyk/Fotolia

In der Neuköllner Dämmerung braucht es an diesem Morgen nicht viel Überredungskunst, damit die Eltern sich so richtig auslassen: über „die Pharmalobby“, über „rotzfreche Politiker“, über die „diskriminierende und verblendete Mehrheitsgesellschaft“.

Es ist Dienstag, halb acht vor dem Waldorfkindergarten Lindenbaum unweit des S-Bahnhofs Hermannstraße. Das Stichwort ist: Impfen. Die Vogel- und die Schweinegrippe seien Kampagnen der Industrie gewesen, sind einige der ankommenden Eltern sicher, die aktuelle Masernhysterie sei ebenfalls eine. „Ich impfe mein Kind nicht“, sagt eine Mutter, während sie es vom Fahrrad hebt. Sie klingt genervt. Sie allein und niemand anderes dürfe über ihre Kinder verfügen. „Ich lasse mir als Mutter keine Vorwürfe machen.“ Diejenigen, die sich nun empörten, seien Idioten.

„Ich kenne eine Frau, die war nach einer Impfung zwei Jahre arbeitsunfähig“, ergänzt ein Vater mit langen Haaren und gestreifter Hose, Geschäftsführer einer IT-Firma, wie er sagt. Er lasse sein Kleinkind nicht von einem Fuchs beißen, deswegen mache eine Impfung gegen Tetanus auch wenig Sinn, argumentiert er obwohl die Tollwut durch Tierbisse übertragen wird, Tetanus sich eher durch unzureichenden Hygiene verbreitet. Und am Tod des verstorbenen Kleinkinds seien seiner Einschätzung nach vielleicht gar nicht die Masern schuld. Zumindest wolle er dafür einen Beweis sehen.

Den lieferte fast zeitgleich der Obduktionsbericht der Charité. Demnach war der ungeimpfte 18 Monate alte Junge, dessen Tod am Montag bekannt wurde, tatsächlich an Masern gestorben.

Mindestens 600 Menschen sind derzeit in Berlin infiziert

Masern – an diesem Mittwoch werden in Berlin mindestens 600 Männer, Frauen, Kinder mit dem Virus infiziert sein. Das ist der größte Ausbruch, seit im Jahr 2001 das Berliner Infektionsschutzgesetz in Kraft getreten ist. Seitdem wird wieder heftig um das Für und Wider von Impfungen gestritten – in Hebammenpraxen, auf Spielplätzen, in Kitas, Schulen und Behörden. Teils mit dem Furor eines Glaubenskrieges.

Ärzte berichten, am Dienstag – nachdem der Tod des Kindes bekannt wurde – hätten Patienten vermehrt um Impftermine gebeten. Die meisten Praxen hätten aber ausreichend Mittel vorrätig, da sind sich Behörden und Ärzteverbände einig.

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) hat sich für eine Impfpflicht ausgesprochen. Im Abgeordnetenhaus sagte Czaja auch, er käme aus einem Land, in dem Impfen üblich war – der DDR. Die Forderung dürfte einen Teil der klassischen CDU-Wähler provozieren. Im bürgerlichen Berliner Südwesten sind Impfraten generell niedriger als im Osten der Stadt. Noch weniger werde dort geimpft, berichten Ärzte, wo viele die Grünen wählen. Der Senator weiß, dass drei, vier, vielleicht fünf Prozent der Berliner so harte Impfverweigerer sind, dass er sie durch Appelle, wie Czaja sie in diesen Tagen wiederholt, nicht erreicht.

Eine Impfpflicht hieße: unwillige Eltern zum Spritzen zu zwingen, notfalls durch Polizei und Amtsärzte. In der Senatsverwaltung und dem Landesamt für Gesundheit und Soziales beraten Experten deshalb nicht über ein Impfgesetz, sondern darüber wie man die 20- bis 40-Jährigen dazu bringt, sich und ihren Kindern den nötigen Schutz freiwillig zu holen. Diese Generation arbeite viel, reise viel, feiere viel – zum Arzt gehe sie nur, wenn etwas Akutes anliege. Unter ihnen sind Schätzungen aus den Behörden zufolge 20 Prozent nicht geimpft.

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