Demonstration gegen Gewalt : Muslime in Deutschland: Unter Beobachtung

Das Image des Islams ist schlecht wie nie. Schuld daran sind Terroristen. Viele Muslime wollen sich das nicht mehr gefallen lassen und demonstrieren an diesem Freitag gegen Gewalt. Doch wie verhindert man Radikalisierung? Eine Spurensuche.

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Foto: Marius Becker/dpa

Neulich, als im Fernsehen über die Terrormiliz „Islamischer Staat“ berichtet wurde, sagte ihr Bruder: „Guck mal, das sind auch Muslime.“ Plötzlich hing dieser Satz im Raum, schwer und düster. Und alles daran klang falsch.
Seit Monaten sind die Gräueltaten des IS in den Medien allgegenwärtig. Und die militanten Islamisten werben auch hierzulande um Nachwuchs: mit Videobotschaften, über Facebook und Whatsapp, im direkten Kontakt auf der Straße. Laut Verfassungsschutz sind bereits 400 junge Deutsche in den „Heiligen Krieg“ nach Syrien und in den Irak gereist. Einige sollen dort Selbstmordattentate verübt haben.
Am heutigen Freitag demonstrieren die vier großen Islam-Verbände in Deutschland bundesweit mit Mahnwachen und Kundgebungen gegen Gewalt und Hass im Namen Allahs. Ein wichtiges Zeichen. Doch was wird jenseits dieser Großkundgebungen getan, um zu verhindern, dass sich junge Muslime von radikalen Botschaften angesprochen fühlen?

Es gibt nicht viele Muslime, die darüber sprechen möchten. Wieso ich, wieso wir? Was sollen wir uns rechtfertigen, distanzieren sogar, von Terror und Mord. Von etwas, das mit uns nichts zu tun hat. Aber hilft es zu schweigen? Die Interpretation der eigenen Religion Fanatikern zu überlassen? Und wenn man sich engagiert, welche Strategie ist die richtige? Eine Suche nach Antworten in Jugendzentren, Moscheen und Verbänden.

Nora schnappte sich den Satz ihres Bruders und brach ihn in kleine Stücke. Der „Islamische Staat“ ist das eine, Terror, Menschenverachtung. Ihr Islam ist etwas anderes, Nächstenliebe, Respekt.

Die 20-jährige Politikstudentin, die eigentlich einen anderen Namen trägt, sitzt gemeinsam mit zwei weiteren Jugendlichen in einem Café in Osnabrück. Sie sind in der dortigen Muslimischen Jugendcommunity (Mujos) aktiv und gehören zu den wenigen, die das Sprechen dem Schweigen vorziehen. Wenn im Islam alle Brüder und Schwestern sind, dann sollten die einen doch an die anderen appellieren, sagen sie. Oder?

Gefühl des Generalverdachts

Nora ist mit dem Islam aufgewachsen. Als sie mit Kopftuch zum Deutsch-Leistungskurs kam, sagte der Lehrer: „Oh, das hier ist Deutsch, ich glaube, Sie sind falsch.“ Wenn muslimische Jugendliche nicht mit auf einen Drink kommen, werden sie von nichtmuslimischen Freunden schon mal gefragt: „Bist du Extremist geworden?“ Muslimisch sein in Deutschland 2014, das bedeutet auch: mit dem Gefühl des Generalverdachts zu leben.
Studien zeigen: Diskriminierungserfahrungen begünstigen Extremismus. Wer sich unverstanden fühlt, sucht sich ein Umfeld, in dem er akzeptiert wird und sich zugehörig fühlt. Und wenn die Eltern wenig religiös sind und keine Antworten geben können, fischt man sich die Informationen vielleicht aus dem Netz und landet möglicherweise bei den Falschen. Radikale bieten einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Die einfachsten Erklärungen sind selten die besten.

Vor einem halben Jahr überlegte Nora, an einer Demonstration teilzunehmen. Es ging um die politische Situation in Ägypten, um was genau, wollte sie Tage vorher gern herausfinden. Sie schrieb den Veranstaltern eine Mail. Die Antwort: Als Muslimin ist es deine Pflicht, dort hinzugehen, Ägypten ist ein muslimisches Land. „Diese Antwort war ein absolutes No-Go“, sagt Nora.
„Um mich zu etwas zu verhalten, brauche ich sachliche Informationen.“ Du’A Zeitun sagt das. Die 35-Jährige hat Mujos gegründet und sitzt neben Nora. Zeitun ist pädagogische Mitarbeiterin der katholischen Landvolk-Hochschule Oesede, Studentin der islamischen Theologie, Mutter von drei Kindern und jemand, für dessen Beschreibung das Wort „engagiert“ lange nicht reicht.

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