Der Enthüllungs-Blogger Eliot Higgins im Porträt : An vorderster Front

Früher war Eliot Higgins ein arbeitsloser Pedant, der nach einem Hobby suchte. Dann wies er den Einsatz von syrischem Giftgas nach und die Lügen über den Absturz von MH 17. Heute ist der britische Blogger ein weltweit gefragter Experte. Selbst das FBI hat schon bei dem Familienvater angeklopft.

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Digitale Recherche. Im Jahr 2013 wies Higgins als Erster den Saringas-Angriff in Syrien nach.
Digitale Recherche. Im Jahr 2013 wies Higgins als Erster den Saringas-Angriff in Syrien nach. Diese Karte zeigt einen Teil der...Foto: bellingcat.com

Am Ende spielt es keine Rolle, dass dieses Sandsteingebäude in Leicester, Mittelengland, oder überhaupt in der analogen Welt liegt. Dass am Kopf eines langen, schmalen Ganges ein monatlich kündbares Büro ohne Eigenschaften liegt. Darin sitzt Eliot Higgins, ein 35-jähriges Jungsgesicht, eine Vorliebe für V-Ausschnitte, wie eine unwahrscheinliche Materialisation aus dem Internet. Sein Leben hat sich in den letzten zwei Jahren rasend schnell gewandelt. „Das sagen mir alle, aber es fühlt sich gar nicht so an“, sagt er.

Im Netz sei ja alles zu finden, heißt es über die sozialen Medien. Alle diese Spuren, die jeder hinterlässt! Dieses digitale Echo der Welt. Es müsste nur einen geben, der die Informationen zusammenbringt! Das ist der Seufzer der analogen Welt angesichts der Flut der Informationen im Netz.

Nun, Higgins hat es getan.

Er wies in Syrien als Erster den Gebrauch verbotener Streubomben nach und im August 2013 einen Saringas-Angriff. Er zeichnete zusammen mit einem Reporter der „New York Times“ die Wege von kroatischen Waffen in die Hände syrischer Rebellen nach. Er fand per Geo-locating, indem er die Topografie von Hügeln verglich, den Ort, an dem der amerikanische Journalist James Foley enthauptet wurde. Und keine besser recherchierte Geschichte über den Abschuss der malaysischen Maschine MH 17 über der Ukraine kommt mehr ohne seine Erkenntnisse über die verdächtige Bewegung einer russischen Buk-Rakete aus.

Plötzlich stand er selbst an der Nachrichtenfront

Der Privatmann Higgins hat sich schlagartig an die vorderste Front katapultiert: die Kriegsfront sowieso, aber auch die Nachrichtenfront und die Front im Kampf um Glaubwürdigkeit zwischen Bloggern und Journalisten.

2012, da war er gerade arbeitslos geworden, setzte sich Eliot Higgins auf seine cremefarbene Couch, deren Makellosigkeit und vollkommene Fleckenlosigkeit in krassem Gegensatz zum Chaos des Krieges stand, zu dem er recherchierte. Er saß mit dem Laptop auf den Knien daheim, zu seinen Füßen spielte seine kleine Tochter, aber mit dem Kopf befand er sich im Syrienkrieg der Gegenwart.

Es begann mit den Umstürzen in Libyen, erinnert sich Higgins, „quasi eine Live-Stream-Revolution“. Zum ersten Mal gab es Derartiges zu sehen, bis Gaddafi tot war. Nur dass die traditionellen Medien das damals gar nicht zu bemerken schienen. „Als ob es nicht existierte!“ Higgins konnte es kaum fassen. Er hatte das Gefühl, er konnte sehr schnell sehr viel mehr herausfinden als professionelle Journalisten. Eine riesige Leerstelle tat sich auf. Und weil sein ohnehin unbedeutender Arbeitsplatz als Finanzsachbearbeiter bei einer Wohnungsverwaltung für Flüchtlinge gerade abgewickelt wurde, hatte er Zeit.

Er sah im Mai 2012 das Massaker von Houla bei Homs, starke Bilder, Live-Blogs, „besser als Fernsehen“, mehrere lokale Sender stellten die YouTube-Videos oppositioneller Gruppen online. Hunderte Filme. Higgins sammelte die Kanäle, die ihre Videos zeigten. Wer Informationen wollte, musste keine Zeitung kaufen, er konnte sich einfach zuschalten. Legal, man musste dafür nicht einmal etwas hacken.

Eliot Higgins verglich die Bilder von geborstener Munition, suchte ihre Kennung, folgte täglich den Videos, die kämpfende Truppen ins Netz stellten, scannte Blogs und Facebook-Einträge, verfolgte Waffenbewegungen und Truppenzüge online. Wenn Kämpfer Bilder ihrer Truppe posteten, zoomte sich Higgins an das Kriegsgerät im Hintergrund heran. Unter dem Pseudonym „Brown Moses“ schrieb er einen Blog mit seinen Beobachtungen.

Er wurde zu relevant um ignoriert zu werden

Seine Erkenntnisse waren zu zahlreich, zu relevant und vor allem zu stichhaltig, um nicht bemerkt zu werden: vom britischen „Guardian“. Von der „New York Times“. Und natürlich von Kriegsreportern, die vor Ort ihr Leben riskieren, um an Informationen wie diese zu kommen.

Higgins hielt Kontakt zu „The Vulture Club“, einer Facebook-Plattform von Journalisten, die im Mittleren Osten ihre Kontakte, Visa und Übersetzer organisierte. Menschen, die im Fernsehen als Experten interviewt wurden, hatten plötzlich seine Informationen. Er wurde auch von den Leuten im Land gelesen, kam in Kontakt mit Syrern, und als er zur Identifikation von Waffen deren Abmessungen brauchte, trugen seine „Kontakte“ ganz analog das zersprengte Überbleibsel einer Munition mit nach Hause.

„Ich habe gesagt, seid vorsichtig – sie sagten, wir behalten es draußen auf dem Balkon.“ Dann legten sie für den Blogger in Leicester ein Maßband an das Metall. Higgins kann kein Arabisch, er hat keine spezifische Ausbildung, hat weder Politik noch Journalismus studiert – aber er wurde in kürzester Zeit zum Waffenexperten. Auch deshalb, weil man Bilder ohne Sprachkenntnisse vergleichen kann. „Es gibt Leute, die sagen, es liege daran, dass mein Vater in der Royal Airforce war, aber das stimmt nicht.“ Das Interesse rühre auch nicht von „World of Warcraft“, dem Computer-Rollenspiel, das er lange obsessiv gespielt hat. Er habe damals einfach ein Hobby gebraucht.

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