Der Durchbruch: Warum sich Tom Cruise nicht fotografieren lassen will

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Fotograf Martin Schoeller im Porträt : Macken und Makel
Jörg Heuer
Kleiner Star, großer Star. Martin Schoellers Ausstellung „Portraits“ in der CWC Galerie in Berlin-Mitte läuft noch bis zum 28. Februar 2015.
Kleiner Star, großer Star. Martin Schoellers Ausstellung „Portraits“ in der CWC Galerie in Berlin-Mitte läuft noch bis zum 28....Mike Meyer

Doch nicht für lange. New York, zweiter Versuch: „Diesmal war die Großmeisterin der Glamourfotografie, Annie Leibovitz, Schoellers Ziel: Immer wieder rief er in ihrem Büro an. Immer wieder holte er sich eine Abfuhr.

„Es gab zwei Alternativen. Ich schaffe es als Fotograf in New York. Oder ich suche mir in Deutschland einen Job in der Behindertenhilfe“, erzählt er. Als Schüler und Student betreute er lange einen MS-Kranken. Die Option wieder als dessen Betreuer einzusteigen, bestand.

Doch dann starb Leibovitz’ erster Assistent – wohl eine Überdosis. Der zweite Assistent rückte auf, der dritte wurde zum zweiten, die dritte Assistentenstelle frei. Genau in diesem Augenblick rief Martin Schoeller an. Und bekam den Vorstellungstermin. Sie zahle 85 Dollar am Tag, sagte Leibowitz. Er könne gleich anfangen.

Von 1993 bis 1996 arbeitete Schoeller für Leibowitz, doch sein Gesichtsausdruck verrät heute, dass er nicht mehr viele Sympathien für sein einstiges Vorbild hegt: „Ich war ihr Sklave und Fußabtreter. Doch ich habe durch ihren Drill den Umgang mit Licht von der Pike auf gelernt. Lampen, Blitze, Effekte sind in der Porträtfotografie das Wichtigste überhaupt. Und sie war die Beste darin.“

Monatelang begleitet er Polizisten auf Nachtschicht

Nach drei Jahren wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Einige Monate lang beobachtete er die Arbeit der Nachtschicht eines Polizeireviers in New Jersey. Die Zeit bei den Beamten war eine wichtige Erfahrung. Er sah Mord und Totschlag, Not und Elend. Er erzählte mit seinen Bildern Geschichten und er erkannte, dass Menschen sich in ihren Umfeldern wie auf Bühnen bewegen. Im Studio hingegen erstarren sie. Wenn es ihm gelänge, die Leute im Studio authentisch bleiben zu lassen, würde aus ihm ein großer Fotograf werden. Das ist sein Masterplan.

Er hatte damals nur eine Kamera. Und teure Lichtanlagen konnte er sich noch nicht leisten. Also improvisierte er. Es sind ein paar billige Leuchtröhren, die den authentischen Tageslichteffekt erzeugen. Tag für Tag verfeinerte er seine Technik, mit der er auf den Straßen wechselnder New Yorker Stadtteile sitzt und Menschen fotografiert. Die Wahrheit, meint er, stehe den Leuten ins Gesicht geschrieben. Sie herauszukitzeln sei sein Ansinnen. „Ich komme mit meiner Kamera immer einen Hauch von unten, um Respekt zu zeigen. Egal, ob mein Gegenüber George Clooney heißt oder ein obdachloser Junkie ist. Ich möchte die Menschen nicht nur gut aussehen lassen. Ich mache Bilder, die weniger lügen als andere. Dafür arbeite ich genau auf den Moment hin, in dem die Leute hellwach sind, etwas Offenes, Intimes von sich geben und noch nicht gestellt wirken. Oft ist das so, wenn ich einen Witz mache und sie gerade aufgehört haben zu lachen. Dann drücke ich ab.“

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Als eine seiner extremen Nahaufnahmen im New Yorker Wochenmagazin „Time Out“ erschien, war das sein Durchbruch. Diese brachiale Bildsprache war neu. „Ich hatte die Schauspielerin Vanessa Redgrave porträtiert“, erinnert sich Schoeller . „Plötzlich bekam ich Aufträge von renommierten Magazinen. Ich war der Shooting-Star, der junge Wilde.“ Die Bildchefin des „New Yorker“ wurde auf ihn aufmerksam – und gab ihm einen Exklusivvertrag.

„Der fotografische Fight gegen die staatsmännische Steifheit und das öde Hollywood-Strahlegrinsen, das ist mein Job“, sagt er. „Ich liebe ihn – obwohl ich vor jedem Job schlecht schlafe und sehr aufgeregt bin.“

Später, bei einem Vortrag in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula des Lette-Vereins, sagt er noch: „Im Grunde mache ich vier Jobs. Neben dem Fotografen bin ich auch Regisseur, Diplomat und Entertainer. Ich habe aktuell 60, 70 Jobs im Jahr. Wenn es mir gelingt, zehn gute Fotos zu machen, dann war es für mich ein erfolgreiches Jahr.“

Tom Cruise wollte sich nicht fotografieren lassen

Schoeller mag Macken und Makel. Er will, dass sie auf seinen Bildern zu sehen sind. Und sie sind zu sehen. Tom Cruise und Mariah Carey lehnten ihn wohl deshalb ab. Vielleicht, weil sie Angst hatten, nicht die üblichen zehn Kilo leichter und zehn Jahre jünger auszusehen. Tony Hawk, US Skateboardikone indes hatte kein Problem damit, für Martin Schoeller mit seinem Board über den Küchentisch zu brettern, Marina Abramovic, Performance-Künstlerin, zwischen lauter Nackten in der New Yorker U-Bahn zu stehen und Komiker Steve Carell, sich das Gesicht mit Klebeband zupflastern zu lassen.

Trotz allem kommt es auch heute gelegentlich noch vor, dass ein junger Schauspieler oder seine Pressesprecherin herum zicken, ein Fotomotiv sei zu gewagt. Er lässt dann einfach fallen, Robert de Niro sei neulich beim Shooting ganz locker gewesen und habe alles mitgemacht. Meistens reicht das.

Der Text erscheine auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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