G20-Einsatzleiter : Hartmut Dudde, der Mann fürs Grobe

Die G20-Proteste sind außer Kontrolle geraten. Hartmut Dudde ist Einsatzleiter in Hamburg, der Polizist gilt als Erzdämon der Autonomen.

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Der Polizei-Einsatzleiter für den G20-Gipfel in Hamburg, Hartmut Dudde und Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer.
Der Polizei-Einsatzleiter für den G20-Gipfel in Hamburg, Hartmut Dudde und Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer.Foto: dpa

Verletzte Polizisten und Demonstranten, brennende Autos, die Schanze verwüstet, ein Supermarkt geplündert. Am Tag nach den Krawallen sind in Hamburg die Spuren des Chaos noch deutlich zu sehen. Dabei sollten die G-20-Tage das Meisterstück eines Mannes werden, der seit 30 Jahren bei der Hamburger Polizei arbeitet, Karriere gemacht hat und bekannt ist als durchsetzungsstark und unnachgiebig. Er heißt Hartmut Dudde. Als Einsatzleiter wollte er das umsetzen, was er selbst jahrelang mitkonzipiert und geprägt hatte: die sogenannte „Hamburger Linie“, wonach die Polizei auf Demonstrationen auch gegen kleinste Rechtsverstöße konsequent vorgeht. Damit ja keine Atmosphäre entsteht, in der Gewalttäter glauben, sie hätten irgendeinen Spielraum für ihre Aktionen.

54 Jahre ist Dudde alt. Hohe Stirn, Brille, Hamburger Zungenschlag. Auf einer Pressekonferenz zwei Wochen vor dem Gipfel gab er sich sehr optimistisch. Hob die moderne Technik und Ausrüstung seiner Kollegen hervor, war sichtlich stolz auf die 153 Polizeihunde, die beim G-20-Gipfel im Einsatz sein würden. Sagte, Hamburg werde die „größte Ballung von Dienstpferden deutschlandweit“ erleben.

Kritiker sagen, er habe die Eskalation geradezu heraufbeschworen

Auf dieser Konferenz zählte Dudde auch einige seiner Ziele für die Tage des Gipfels auf: Das normale Leben in der Stadt müsse weitergehen, Passanten sollten sich frei bewegen können. Er wolle keinesfalls ganze Stadtteile absperren, und selbstverständlich: Er wolle die Versammlungsfreiheit gewährleisten.

Mit dem Schutz der Versammlungsfreiheit argumentiert auch Hamburgs Innensenator am Freitagmittag. Die Polizei habe den schwarzen Block vom Rest des donnerstagabendlichen „Welcome to Hell“-Demonstrationszuges getrennt, um den überwiegend friedlichen Teilnehmern die Wahrnehmung dieses Rechts zu ermöglichen. Er sagt auch: „Eine Versammlung, in der Vermummte sind, geht in Hamburg nicht los.“

Kritiker sagen, Hartmut Dudde hätte die Eskalation geradezu heraufbeschworen. Weil er, auch hier seiner „Hamburger Linie“ folgend, tagelang rabiat Zeltlager verhinderte. Jede Wiese, die besetzt wurde, mit Hundertschaften stürmen ließ, Beamte in Kampfmontur trugen bunte Igluzelte weg, stießen offensichtlich friedliche Protestler, schlugen auch zu und setzten Pfefferspray ein.

In Hamburg brannten dutzende Autos aus, ein Supermarkt wurde geplündert, Beamte und Demonstranten verletzt.
In Hamburg brannten dutzende Autos aus, ein Supermarkt wurde geplündert, Beamte und Demonstranten verletzt.Foto: imago/Markus Heine

Der Hintergedanke von Duddes Taktik: Verbreitet sich frühzeitig die Nachricht, dass in Hamburg nirgends Platz zum Übernachten ist, werden sich viele potenzielle Störer erst gar nicht auf den Weg machen. Vor allem nicht die berüchtigten Griechen und Italiener.

Tatsächlich aber hatten die Bilder der Zeltlager-Räumungen eine fatale Wirkung: Die Polizei verlor den Kampf um die öffentliche Meinung. Was ist das für ein Staat, der wegen ein paar Lagen Polyester und Zeltstangen so austickt?

Der katastrophale Verlauf der Autonomen-Demo am Donnerstagabend hat das Bild der harten, aber vermeintlich gerechten Hamburger Polizei weiter beschädigt. Zu viele Kameras haben dokumentiert, zu viele Journalisten aus unmittelbarer Nähe erlebt, von wem die initiale Gewalt diesmal ausging: von der vorpreschenden Polizei.

"Die Polizei hat den Rechtsstaat außer Kraft gesetzt"

Am Millerntorplatz, beim Stadion des FC St. Pauli, stehen am Freitagnachmittag 1500 Demonstranten, viele davon Schüler, viele empört über das Verhalten der Polizei am Vorabend. „Das war echt krass“, sagt ein junger Mann. Ein Freund von ihm sei zusammengeschlagen worden, getreten, als er am Boden lag. „Ich habe alles gesehen.“ Nun liege er im Krankenhaus. Eine Frau in der Nähe, mittleren Alters, sagt: „Mein Sohn hat was abgekriegt. Die Polizei hat den Rechtsstaat außer Kraft gesetzt.“

Früher wurde Hartmut Dudde vom Rechtspopulisten Ronald Schill gefördert. Schill, der Amtsrichter, der wegen seiner harten Urteile den Spitznamen „Richter Gnadenlos“ bekam, dann die rechtslastige „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“ gründete, „in Hamburg endlich aufräumen“ wollte und 2001 Innensenator wurde. Unter Schill wurde Dudde Leiter der Bereitschaftspolizei, und Weggefährten behaupten noch heute: Duddes Aufstieg wäre ohne den Rechtspopulisten Schill nicht so rasant verlaufen.

Später fiel Dudde durch zweifelhafte Polizeieinsätze auf. Eine Demonstration ließ er stoppen, weil Transparente länger als 1,50 Meter waren, eine andere löste er mit der Begründung auf, es seien an diesem Tag bereits genug Steuergelder verschwendet worden. Das Hamburger Verwaltungsgericht kam mehrfach zu dem Schluss, dass Einsätze, die Dudde verantwortete, rechtswidrig waren.

Bis zu 20000 Polizisten sind in Hamburg im Einsatz, sie konnten die Krawalle nicht verhindern.
Bis zu 20000 Polizisten sind in Hamburg im Einsatz, sie konnten die Krawalle nicht verhindern.Foto: AFP

Zu den umstrittensten Kapiteln in Duddes Karriere zählt der 7. Februar 2015. Nach einer NPD-Demonstration wurden die Polizisten dort angewiesen, sie müssten dem Lautsprecherwagen der Rechtsextremen einen Weg durch die noch laufende friedliche Gegenkundgebung bahnen. Dabei wäre eine andere Strecke frei gewesen. Nach dem Einsatz baten mehrere enttäuschte Untergebene um ihre Versetzung.

Das alles festigte seinen Ruf als harter Hund – und seine Unbeliebtheit in der linken Szene. Das „Hamburger Abendblatt“ schreibt, Dudde sei unter Autonomen zu „einer Art Erzdämon“ herangewachsen.

Ein Böller explodiert, ein Beamter geht zu Boden

Mehrere hundert von ihnen ziehen am Freitagnachmittag durch St. Pauli. Sie errichten Blockaden, schmeißen Steine, ziehen Richtung Elbufer, zu den Landungsbrücken. Wasserwerfer. Ein schwer bepackter Beamter gerät ins Taumeln, ein Schwächeanfall. Kurz danach explodiert ein Böller direkt neben einer Gruppe Polizisten. Ein Demonstrant hat ihn von einer Brücke geworfen. Ein Beamter geht zu Boden, Kollegen tragen ihn zum Straßenrand. Auf der Brücke entspinnt sich eine Diskussion. Ob man sich über den verletzten Polizisten freuen dürfe? Und ob, sagt eine junge Frau, „die sind selbst brutal.“ Ein anderer verdreht die Augen. „Bist du ein Faschist, oder was?“

Ein paar hundert Meter weiter, nahe der Elbphilharmonie, steht ein Räumpanzer. Dessen Fahrer sagt: „Das ist Stress hier.“ Die vergangenen Nächte habe er nur vier, fünf Stunden geschlafen, sein Panzer sei ständig im Einsatz. „Das wird sich hier alles noch verstärken“, sagt der Mann.

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