Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi im Porträt : Der Wirbelsturm

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi will alles neu, alles anders machen - am besten sofort. Die Europawahl soll den Beweis dafür bringen.

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Der große Kommunikator. Die alten Kader „sollen verschrottet werden“, findet Matteo Renzi, Italiens neuer Hoffnungsträger.
Der große Kommunikator. Die alten Kader „sollen verschrottet werden“, findet Matteo Renzi, Italiens neuer Hoffnungsträger.REUTERS

Regieren kann so schwer sein. Drei Kilo hatte Matteo Renzi bereits Mitte April zugelegt; da war er erst sechs Wochen Ministerpräsident. Dass es mittlerweile noch ein paar mehr geworden sind, dass das weiße Hemd um die Leibesmitte spannt und das Doppelkinn wächst, das sieht mittlerweile jeder in Italien. Parteifreunde ätzen, Stress-Esser Renzi müsse eben mit dem Popcorn vorsichtiger umgehen, und wenn ihn furchtbar schlanke Fernsehjournalistinnen auf das Gewicht der Macht ansprechen, dann runzelt Renzi zur Abwechslung mal die Stirn und sagt: „Um meine Kilos kümmere ich mich nach der Wahl, zuerst kommen die Stimmen dran. Nächste Frage bitte!“

Schon um sieben Uhr morgens twittert er

Das ist Matteo Renzi, 39 Jahre alt, Hemdkragen meistens offen, immer mit mindestens einem Tablet und zwei Smartphones gleichzeitig beschäftigt, twitternd schon um sieben Uhr morgens. In seinen gerade einmal drei Monaten als Regierungschef hat er die italienische Politik umgekrempelt, auf sich zugespitzt – wie vorher nur Silvio Berlusconi, meinen die einen. Nein, auf ganz neue Weise, befinden die anderen. Er selbst sieht sich als ein Wirbelwind, der übers Land fahren muss, „um Dinge flottzubekommen, die seit 20 Jahren festhängen“, um Italien herauszuholen „aus der Krise, aus der Angst, aus der Verzweiflung“.

„Wie eine Dampfwalze“, „wie ein dahinfahrender Zug“, will er sich von nichts und niemandem aufhalten lassen. Renzi sieht sich als Macher ebenso wie als Hoffnungsträger und als Botschafter eines „Italien, das viel größer, viel fähiger ist, als wir immer so denken“. Und er sagt Dinge, die man nie zuvor gehört hat. Während es zum normalen Politikgeschäft gehört, für alles, was schiefgeht, andere verantwortlich zu machen: die Vorgängerregierung, den sperrigen Koalitionspartner, die böse EU, die italienischen Bürger, die – so sagt es Silvio Berlusconi – „keine Ahnung haben, wie man richtig wählt“, erklärt Renzi schlicht und einfach: „Wenn aus den Reformen, für die ich einstehe, nichts wird, dann bin allein ich schuld. Niemand sonst.” Wenn er’s nicht schafft, sagt Renzi, „dann bin ich auch nur ein Schwätzer wie all die anderen. Dann gehe ich.“

Berlusconi bewundert und beneidet ihn

Dieser letzte Satz ist seine stärkste Waffe. Das wissen sie alle: Renzis eigene, die sozialdemokratische Partei, die zwei kleinen Koalitionspartner aus dem christdemokratischen Zentrum und der rechtskonservativen Mitte; das weiß auch der alternde Berlusconi, der den Jungen ebenso beneidet wie bewundert. Denn was würde nach Renzi passieren? Dann könnten alle Parteien einpacken; dann fiele das Land mangels Alternativen an Beppe Grillo, der früher Komiker war, jetzt aber zum politischen Krawallpopulisten und mit seiner fundamentaloppositionellen „Fünf-Sterne-Bewegung“ rechnerisch zur stärksten Kraft in Italien geworden ist – mit faschistoiden Zügen, wie viele Kommentatoren anmerken. Diese Katastrophenszenarios, diese Angst vor einer apokalyptischen Schlacht zwischen Politik und Antipolitik, zwischen „Aufbau und Zerstörung“ macht sich Renzi auch selbst zunutze: Das sichert ihm den Burgfrieden im eigenen Lager, und wenn’s ein murrender ist.

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