Jesidische Frauen in Deutschland : Aus der Hölle des IS in ein neues Leben

Terroristen des IS hielten sie gefangen, vergewaltigten und quälten sie. Er versucht zu helfen. Der Psychologe Jan Kizilhan holte 1100 jesidische Frauen nach Deutschland.

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Jan Kizilhan in einem nordirakischen Flüchtlingslager.
Jan Kizilhan in einem nordirakischen Flüchtlingslager.Foto: Stefanie Järkel/dpa

Die schlimmste Geschichte hörte Jan Ilhan Kizilhan bei seinem vorerst letzten Besuch im Nordirak. Es war im Dezember 2015, als eine junge Frau mit zwei Kindern, fünf und sieben Jahre alt, in sein Büro kam. Die Kinder waren „enorm unruhig“, sagt er, so sehr, dass er fragte: „Was ist mit ihnen?“ Der Junge zeigte ihm auf dem Handy das Foto eines zweieinhalbjährigen Mädchens.

„Das ist unsere Schwester.“

„Was ist mit ihr?“

Da begannen die Kinder zu erzählen.

Jan Kizilhan, 50, hat schon oft in Abgründe geblickt. Er hat bosnischen Frauen zugehört, die im Krieg Anfang der 1990er Jahre vergewaltigt worden waren, und ruandischen Opfern des Völkermordes von 1994. Im vergangenen Jahr lernte er 1403 Geschichten von Frauen kennen, die vom selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS) entführt, gefoltert, verkauft und unzählige Male vergewaltigt worden waren. „Eine Geschichte war schlimmer als die nächste“, sagt Kizilhan an einem regnerischen Nachmittag im Schwarzwald. „Da hat es sich ausgezahlt, dass ich 15 Jahre Erfahrung habe.“

Immer wieder vergewaltigt und verkauft

Der Psychologieprofessor und promovierte Orientalist leitet seit 1999 in der psychosomatischen Michael-Balint-Klinik in Königsfeld die Abteilung transkulturelle Psychiatrie. Seit März 2015 hilft er, jesidische Frauen zu retten. Regelmäßig ist er dafür zwischen Baden-Württemberg und dem Nordirak gependelt. Und wenn er dachte, die schlimmste Geschichte sei erzählt, kam eine neue.

Die Kinder berichteten ihm, dass sie mit der Mutter vom IS entführt worden waren. Immer wieder wurde die Frau vergewaltigt und auf Märkten weiterverkauft. Einer ihrer „Besitzer“ verlangte, sie solle Koranverse auswendig lernen. Sie konnte aber kein Arabisch, sondern nur Kurdisch, und machte viele Fehler. Zur Strafe sperrte der Mann ihr kleines Mädchen in eine Metallkiste und hängte sie in der Sonne auf. Nur abends durfte die Mutter ihr Wasser und wenig zu essen geben – was das Kind fast vollständig erbrach, weil es so dehydriert war, dass es nichts bei sich behalten konnte. Nach einer Woche habe der Terrorist das Kind aus der Kiste genommen und in kaltes Wasser geworfen. Da sei ein Auge herausgesprungen.

Oft wacht sie nachts auf - schreiend

Jan Kizilhan hat den medizinischen Teil der Rettungsaktion koordiniert, mit der die baden-württembergische Landesregierung vor allem jesidische Frauen zur Behandlung nach Deutschland geholt hat. Insgesamt leben nun 1100 Jesidinnen in Deutschland, 1000 werden in Baden-Württemberg behandelt, 70 in Niedersachsen und 30 in Schleswig-Holstein. Unter ihnen ist auch jene Mutter, um die Jan Kizilhan sich selbst kümmert. „Ich sehe sie einmal die Woche. Das war mir wichtig“, sagt er. „Es geht ihr nicht gut.“ Die Kinder besuchen die Schule, der Sohn könne schon wieder lachen, die Tochter tue sich schwerer. Ihre Mutter wacht oft nachts schreiend auf und ruft nach ihrem Kind.

Denn als sie die Koranverse noch immer nicht konnte, schlug der IS-Kämpfer ihre Tochter so brutal, dass deren Rückgrat brach. Zwei Tage habe das Mädchen noch gelebt. Als die Frau daraufhin versuchte, sich gegen eine weitere Vergewaltigung zu wehren, habe er dem Sohn ein Seil um die Hand gebunden und gedroht, ihn mit dem Auto zu Tode zu schleifen, wenn sie nicht nachgebe. „Als sie das sah, gab sie auf.“

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