Leipzig 9. Oktober 1989 : Der Tag, der die Wende brachte

Wie lange haben sie gebraucht damals für die 3,8 Kilometer? Und wie lange, bis sie verstanden, dass sie Teil einer Revolution sind? Am 9. Oktober 1989 läutete die Leipziger Montagsdemo das Ende der DDR ein. Die Rekonstruktion eines Wunders.

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Wendepunkt. In Leipzig entschied sich das Schicksal des Herbstes 1989. Den Deutschen gelang das Einmalige: eine Revolution, die nicht Blutrot trägt.
Wendepunkt. In Leipzig entschied sich das Schicksal des Herbstes 1989. Den Deutschen gelang das Einmalige: eine Revolution, die...Waltraud Grubitzsch, p-a/ZB

Die Sachsen sind kein revolutionäres Volk, man erkennt es schon an ihrer Sprache. Sie sind nicht vorlaut, sie reißen nicht gern wie andere den Mund auf, nein, sie öffnen ihn nur so weit, wie es unbedingt nötig ist. Was bei solchem Minimalismus herauskommt, nennen wir auch Sächsisch.

Mögen andere Völker andere höchste Güter haben, das ihre ist Ruhe, vor allem Ruhe. Was musste geschehen sein, sie so zu stören? Und wann merkt man, wenn Revolution ist?

Vielleicht wusste Theken-Deike es zuerst. „Es gibt keinen Ausschankschluss – jetzt ist Revolution!“, sprach der Büfettier der Tanzgaststätte Marienbrunn, genannt Mary, unweit des Leipziger Südfriedhofs kurz vor Mitternacht am 18. September 1989. Den drei Rückkehrern von der Nikolaikirche knallte dieser Satz „wie ein Korken im Ohr“. So hatten sie das noch gar nicht gesehen. Theken-Deike zapfte vier Bier, drei für die Demonstranten, eins für sich, und setzte sich zu ihnen.

Noch vor zwei Wochen hatten kaum 800 Menschen vor der Kirche gestanden, an diesem Abend waren es bereits 3000 gewesen. Vor den Kirchentoren sangen sie die Internationale: „Völker hört die Signale / Auf zum letzten Gefecht! / Die Internationale / erkämpft das Menschenrecht.“

Das Menschenrecht? Alles begann plötzlich eine ganz neue Bedeutung zu gewinnen, sogar die alten Kampflieder. Der dichtende Musiker Radjo Monk am Tisch bemerkte immer öfter dieses kleine Lächeln auf den Gesichtern, „wie es einer Erkenntnis vorausgeht“. Schöner können Menschen gar nicht werden. Selbst die Sprache schien sich gegen die machthabenden Genossen verschworen zu haben. Und die Wirklichkeit: Darf man Menschen zusammenschlagen, die die Internationale singen?

Der Ton ging ihm auf die Nerven. Der Ton und die Lügen

Heute Abend gehen wir besser nicht in die Innenstadt!, empfahl am selben Tag mit wachsam-nachdrücklichem Blick die Gewerkschaftsfunktionärin des Leipziger Robert-Koch-Instituts dessen Mitarbeitern. Wer ist denn wir?, fragte sich Oberarzt Matthias Burckhardt und wusste genau, wo er hinwollte. Dieser vormundschaftliche Ton ging ihm so auf die Nerven, dieser Ton und die ewigen Lügen. Und vor seinen Augen zerfiel seine Heimatstadt, kaum ein Hausdach war mehr dicht. Es tat ihm gut, zu laufen, es war, als ob er mit jedem Schritt lebendiger wurde. Dumm nur, dass er Spätdienst hatte. Er würde wieder nicht pünktlich da sein zu dem, was eine Revolution zu nennen ihm noch nicht einfiel.

Bin ich Jesus?, fragen manchmal Menschen, auch Pfarrer, wenn sie die Grenzen der Zumutbarkeit definieren wollen. Die Lebensleitfrage des Seelsorgers der Nikolaikirche hingegen lautete: Was hätte Jesus getan? Der Mann, der seine Jeansweste nur für die Gottesdienste ablegte, war sicher, Jesus hätte die Internationale vor seinen Türen auch nicht gestört, und im Zweifel würde sein Haus ohnehin jeden Sängerwettstreit gewinnen. Bach war hier Kantor gewesen, die Johannespassion und das Weihnachtsoratorium erklangen zum ersten Mal in der Nikolaikirche.

Mag sein, Christian Führer sah Mitte September mit neuen Augen, wie aus den altrosa Säulen seiner Kirche die schönen hellgrünen Palmwedel der Hoffnung wuchsen. Eine Kirche, die statt Pfeilern Bäume hat, klassizistische Tropen- für-alle-Pfeiler! Sie waren einst eine Souveränitätserklärung des Leipziger Bürgertums gewesen: Unsere Bäume wachsen notfalls geradewegs in den Himmel! Hatten sie also wieder damit angefangen.

Sieben Jahre zuvor hatte er die Montagsgebete eingeführt

Sieben Jahre zuvor hatte der Pfarrer die Montagsgebete eingeführt. Da war er erst das zweite Jahr im Amt. Geradewegs vom Dorf kam er an Leipzigs größte Kirche. Ihre Größe war ihm eher unangenehm, denn sie war mehr eine Leere, die 52 Gottesdienstbesucher hätten auch in eine kleine Seitenkapelle gepasst.

Evangelische Jugendpfarrämter in Ost und West riefen 1980 die „Friedensdekade“ aus. Das hieß: Zehn Tage pro Jahr beten gegen den Wahn des Wettrüstens in Europa, gegen die Angst.

Christian Führer vergaß nie, wie nach den zehn Tagen junge Gemeindemitglieder fragten, darunter der Fernmeldetechniker und Wehrdienstverweigerer Helmut Nitsche: Was, nur zehn Tage? Jede Woche! Christen und Nichtchristen hatten in seiner Kirche eine eigentümliche Raumbildung erlebt: einen gemeinsamen Gedanken-Raum, einen Not-Raum, der zugleich Frei-Raum wurde. Der Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter suchten in ihren Dienstkalendern nach Freiräumen: alles besetzt, höchstens Montag am späten Nachmittag, das ginge noch. Und nun fand das Volk von Leipzig, dass Montag um 17 Uhr ein guter Zeitpunkt ist für eine Feierabendrevolution.

Am nächsten Montag waren es schon 8000. Und nachher in der Mary fünf. Ein Theologiestudent und sein Freund fragten, ob sie sich dazusetzen könnten. Der Theologiestudent hatte lange an der ungarischen Grenze gestanden und nach Österreich hinübergeschaut. Nach einer schlaflosen Nacht fuhr er zurück nach Leipzig. Zustimmung in der Mary. Die Fotografin Edith Tar sah abwechselnd den Studenten und den Tisch an. Er war hässlich, genau wie die Stühle, Spanplatten mit Kunststoffüberzug, schwarze Metallbeine, eine Unmöglichkeit von einem Tisch. Und doch: War er nicht ein Zeitzeuge, schon jetzt? Sie begann ihn „unseren Revolutionstisch“ zu nennen.

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