Märkisches Viertel : Ihr Block

Der Song war ein Hit, es ging um Koks, Sex, Gewalt. Er machte Sido über Nacht berühmt. „Mein Block“: Zehn Jahre ist das jetzt her. Seither leben und hadern sie im Märkischen Viertel mit einem Mythos.

Lucas Vogelsang
Gestapelte Biographien. Hier platzen Träume, rappt Sido. Hier entstehen Freundschaften, sagt Murat Drayef. Ein Viertel, zwei Wahrheiten. Mindestens.
Gestapelte Biographien. Hier platzen Träume, rappt Sido. Hier entstehen Freundschaften, sagt Murat Drayef. Ein Viertel, zwei...Foto: William Veder

(Anmerkung: Tagesspiegel-Reporter Lucas Vogelsang wurde mit diesem Text für den Deutschen Reporterpreis 2014 nominiert. Weitere nominierte Texte aus dem Tagesspiegel sind "Deutsche Vita", ebenfalls von Lucas Vogelsang, sowie "Die Heimsuchung" und "Der Anfang nach dem Ende", beide von Veronica Frenzel.)

STEIG EIN! STEIG EIN!
ICH WILL DIR WAS ZEIGEN.
DEN PLATZ, AN DEM SICH
MEINE LEUTE RUMTREIBEN.
– Sido, Mein Block

Der Blick von ganz oben geht über die Dächer der Hochhäuser, Wolkengondeln, in die Unendlichkeit. Weites Land. Sattes Grün. Zwischen den Häusern, unter den Blättern der Platanen, entsteht gerade ein Garten, in dem die Leute aus der Nachbarschaft bald ihr eigenes Stück Land bestellen, ihr eigenes Gemüse pflanzen können.

An eine der Wände haben ein paar Jugendliche eine Postkartenidylle gemalt. Betonromantik. Bald blühen die Zierkirschen. Über dem See kreist ein Fischreiherpärchen. Die Menschen, die an diesem Vormittag mit ihren Hunden spazieren gehen, grüßen sich freundlich. Murat Drayef steht im 14. Stock auf dem Außenbalkon des Senftenberger Rings 66, schaut auf seinen Block und fragt: „Sieht so ein Ghetto aus?“

FRAU GRABOWSKY: Der Sido, der ist ein Knallkopp.
AYHAN K.: Sido war eine Null, den kannte hier keiner, ich habe nie zuvor von ihm gehört. Er war ein Niemand.
ISABELLE: Irgendwann war Sido einfach verschwunden.

Das Märkische Viertel
Die hohen weißen Häuserblöcke des Märkischen Viertels in Reinickendorf: Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie uns Ihre Berliner Fassadenfotos an leserbilder@tagesspiegel.de. Mehr unter: Abseits Berlin
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1 von 10Foto: Abseits Berlin
19.02.2014 13:59Die hohen weißen Häuserblöcke des Märkischen Viertels in Reinickendorf: Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie uns Ihre...

Geblieben ist ein Video. Der Blick von ganz unten. Es ist eng, kaputt zwischen den Häuserschluchten. An der Kreuzung droht der Typ mit dem Schlagring, hinten wartet einer, den Pitbull an der Leine. Sie werden sich später noch ein paar Frauen aus der Nachbarschaft bestellen. Die Häuser, das ist ihr Land. An den Wänden klebt das Rot der Spraydosen. Graffiti. Reviermarkierungen. Im 12. Stock werden Blüten vertickt. Man kann Drogen kaufen, Sex. Alleine sterben. An der Tristesse zugrunde gehen. In Anonymität verwesen. Der Rapper Sido steht in diesem Video vor dem Eingang des Senftenberger Rings 66, seinen Block im Rücken und zeigt die Hartschalenpose des Gangsters. „Hier platzen Träume“, bellt er. Sein Märkisches Viertel, er nennt es Ghetto.

Murat Drayef und Sido, zwei Kinder dieses Viertels. Zwei Wahrheiten?

STEIG EIN!

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Sido sein Viertel in die Charts brachte. Am 4. April 2004 kam der Song „Mein Block“ in die deutschen Plattenläden. Es war ein virtueller Gang durch die Stockwerke seines Hochhauses. Von Tür zu Tür. „Und davon sing ich dir ein Lied, du kannst es kaufen“, heißt es, „Wie die Sekten-Fans aus dem neunten, die immer drauf sind / Genauso wie der Junkie aus’m vierten / Der zum Frühstück erst mal zehn Bier trinkt / Dann geht er hoch in den siebten zum Ticker / Er bezahlt für zehn Teile, doch statt Gras kriegt er ’nen Ficker / Damals war der Drogenstock noch der zehnte / Der ausm siebten ist der, der überlebte.“

Es geht um Koks, Sex und Gewalt. Reimschema: ACAB. Kleinkriminellenrap, nannte Sido das. „Schlachtgesänge direkt aus dem Bauch der Hauptstadt“, schrieb die Wochenzeitung „Die Zeit“. Proll-Poeme. Gestrickt aus den Anekdoten, die sie sich dort erzählen, die vielleicht sogar genauso passiert waren. Alltagsirrsinn hinter 90 000 Fenstern.

Im ersten Stock der Ex-Knacki, im zweiten die Nutte, der Fetischist im fünften und im sechsten er selbst: Paul Würdig, damals 23 Jahre alt, Hauptschulabschluss mit Notendurchschnitt 4,7, Überzeugungskiffer, der sein Gesicht, die rotgerauchten Augen hinter einer silbernen Totenkopfmaske verbarg. Sido, das bedeutete erst „Scheiße in dein Ohr“ und dann, als es eine bessere Pointe brauchte, Superintelligentes Drogenopfer.

Murat Drayef, 42 Jahre als, ist Streetworker. Jeden Tag läuft er seine Runde. und gibt Jugendlichen diesen Blick: Was machste, woher kommste, wo willste hin?
Murat Drayef, 42 Jahre als, ist Streetworker. Jeden Tag läuft er seine Runde. und gibt Jugendlichen diesen Blick: Was machste,...Fotos: William Veder

Das Video, gedreht an seinem Block, Senftenberger Ring 66, auf dem Balkon im 14. Stock, auf dem Spielplatz vor der Tür, mit der Hand im Schritt, den Joint im Großmaul, lief fast stündlich auf Viva und MTV. Heavy Rotation. Weil es eben auch das Kriminaltheater für die Vorurteile der deutschen Mittelschicht war; die sich in allem bestätigt fühlen durfte, weil da einer im geklauten BMW durch sein Viertel fuhr. Für die Akademikerkinder, die er mitnahm auf diesen Egotrip durch seine Welt. Ein Fremdenführer in Baggiepants. Mit dickem Anorak, die Kapuze über den Kopf gezogen. Brachialplakative Gangsterpose.

Ein Hit. Sido wurde damit quasi über Nacht berühmt. „Mein Block“ war das Zeichen, dass die Ghettokinder etwas zu sagen hatten. Sie machten sich jetzt mit einer anderen, fieseren Sprache den Rap zu eigen, der bis dahin in Deutschland den Spaß- und Gutmenschrappern in Stuttgart und Hamburg gehört hatte. Als hätte man für Punchlines Abitur gebraucht. Samy Deluxe oder die Beginner um Jan Delay. Afrob oder der Freundeskreis um Max Herre. Wortakrobaten, ihre Reime eher Spielzeug als Waffe. Berlin war Hip-Hop-Entwicklungsland gewesen, nun begann es, seine eigene Kaputtheit zu feiern. So wurde das Märkische Viertel, abgekürzt „MV“, zum Ort, der Gangster gebiert.

Bis heute ist dieses Video der Imagefilm, den dieses Viertel nicht gebraucht hat.

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