Nach dem Tod der Jugendrichterin aus Neukölln : Das Erbe der Kirsten Heisig

Vor sechs Jahren starb Berlins wohl engagierteste Jugendrichterin. Inspiriert wurde sie durch eine Begegnung mit dem Intensivtäter John. Heute wird ein Platz nach ihr benannt.

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Jugendrichterin Kirsten Heisig hatte ein besonderes Interesse an den Lebensumständen der Täter, mit denen sie zu tun hatte, wie John, den sie im Gefängnis besuchte.
Jugendrichterin Kirsten Heisig hatte ein besonderes Interesse an den Lebensumständen der Täter, mit denen sie zu tun hatte, wie...Foto: picture alliance / dpa

Das "Neuköllner Modell“ hat sie über Berlin hinaus bekannt gemacht: Jetzt wird Kirsten Heisig sechs Jahre nach ihrem Tod mit einem eigenen Platz an der Karl-Marx-Straße geehrt. Am heutigen Freitag will das Bezirksamt die Anlage an der Ecke Emser Straße/Kirchhofstraße im Bezirk Neukölln einweihen. Um 13.30 Uhr soll es einen Festakt geben. Lesen Sie hier ihre große Geschichte, erstmals im Juli 2015 im Tagesspiegel erschienen.

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Natürlich hat er manchmal auch selbst über den Tod nachgedacht, im Gefängnis, in der Untersuchungshaft, als er seine ersten Gedichte schrieb. Als er erstmals spürte, was es heißt, „weggesperrt“ zu sein. Aber es war ein eher abstrakter Gedanke. Und dann plötzlich las er auf einem Gang im Maßregelvollzug in Pankow-Buch über diese Frau, eine bekannte Berliner Richterin, die ihn vor ein paar Wochen noch besucht hatte, die ihm immer auch helfen wollte, das wusste er instinktiv, und die nun, so stand es in dieser Zeitung geschrieben, tot sein sollte. Selbstmord. Das verwirrte ihn.

Der Tod als Geschenk,
Das Leben zur Qual,
So war es schon zu Anbeginn der Zeiten,
Bitter der Geschmack und fahl,
Voller Schmerz, der droht zu verleiten

Denn er, der Häftling, Mitte 20, Intensivtäter, drogensüchtig, alkoholabhängig und im Suff ein brutaler Schläger, hatte nie selbst an Suizid gedacht. Das kam für ihn nicht infrage, egal, wie schlecht es ihm auch ergangen war. Leben wollte er immer. Und jetzt wollte er endlich raus. Diese Frau war tot, sie konnte ihm nicht mehr zur Seite stehen. Er musste selbst sein Leben neu beginnen. Zum x-ten Mal. Hatte er nicht auch als Zeichen dafür, dass er es ernst meinte mit seinem Leben, dieser Frau, die völlig unerwartet zu ihm ins Gefängnis gekommen war, seine Gedichte anvertraut?

Dass sich ein hoher Justizvertreter und ein mehrfacher Straftäter auch außerhalb des Gerichtssaals sehen und Sympathie füreinander hegen, ist sicher eine Seltenheit. Diese Geschichte erzählt von einer solchen Begegnung, zwischen der legendären Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die sich am 28. Juni 2010 im Tegeler Forst selbst tötete, und dem Intensivtäter John.

John – so nannte Kirsten Heisig ihn später in ihrem Buch, obwohl er eigentlich anders heißt. Der junge Mann war für die Richterin ein Beispiel dafür, dass der Staat mit seiner Bürokratie und den vielen Ebenen, die mit einem solchen „Fall“ beschäftigt sind, versagt. Weil er viel zu lange braucht, um den jungen Tätern ihre Taten und die Konsequenzen vor Augen zu führen. Heisigs Empathie und ihre Hartnäckigkeit waren wiederum für John die Chance für einen ernsthaften Neuanfang. In ihrer Streitschrift „Das Ende der Geduld“, die wenige Wochen nach ihrem Suizid erschien, schreibt Heisig: „Sein Verstand ist auch frei. Ich weiß das, weil ich ihn besucht habe und er mir seine Gedichte überließ.“

John, einst Intensivtäter, heute clean und fest entschlossen, sein altes Leben hinter sich zu lassen. Die Begegnung mit der Jugendrichterin Kirsten Heisig veränderte indirekt auch seine Geschichte
John, einst Intensivtäter, heute clean und fest entschlossen, sein altes Leben hinter sich zu lassen. Die Begegnung mit der...Foto: Alice Epp

Kirsten Heisig war bis zu ihrem Selbstmord die wohl bekannteste Jugendrichterin des Landes. Sie wurde „Richterin Gnadenlos“ oder „Richterin Courage“ genannt, je nach politischer Couleur. Sie war eine bürgerliche Tabubrecherin, hinterfragte eingefahrene Praktiken im Umgang mit kriminellen Jugendlichen und setzte sich dafür ein, das Jugendstrafrecht konsequenter und schneller anzuwenden. Zuletzt arbeitete sie in Neukölln, einem Bezirk, der 40 Prozent mehr Straftaten aufweist als Berlins Durchschnitt, wo sie angetrieben von ihren eigenen Berufserfahrungen das „Neuköllner Modell“ initiierte und durchsetzte.

An einem sonnigen Tag im Mai sitzt John in einem kleinen Café am Rande des Alexanderplatzes und schweigt wie immer, wenn er eine Frage beantworten soll, für ein paar längere Sekunden. Seine ganze Statur ist groß und kräftig, aber auch ein wenig unbeholfen, seine Augen sind sanft und freundlich. Sie lassen nicht darauf schließen, wie aggressiv John manche seiner Opfer verprügelt hat.

Kirsten Heisig hat ihn, nach vielen Umwegen, die hier noch zu beschreiben sind, in den Maßregelvollzug gesteckt. „Dort“, sagt John nach seiner Denkpause schließlich leise, „habe ich mich selbst zum ersten Mal kennengelernt.“ Man habe ihm dort beigebracht, dass er ein Mensch sei, „der viel mehr kann, als er bisher gezeigt hat“. So etwas wie Lob oder Anerkennung hatte John zuvor nie zu hören bekommen.

Wenn man John heute fragt, warum er sicher sei, dass er nicht mehr rückfällig werde, hat er eine erstaunlich einfache Antwort: „Wenn ich zurückschaue, will ich das nicht mehr.“

"Kein Halten mehr"

Wenn Menschen wie John erhebliche Straftaten begehen und wegen einer psychischen Erkrankung oder wegen Suchtmittelmissbrauchs nicht oder nur eingeschränkt schuldfähig sind, wird vom Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet – in Berlin im Krankenhaus des Maßregelvollzugs. Die Unterbringung dient der Besserung und Sicherung des Täters, aber auch der Verbrechensverhütung und Gefahrenabwehr, also der Sicherheit der Allgemeinheit.

Aber bis John tatsächlich an diesem Punkt ankam, sollten noch etliche Jahre vergehen.

Volle Kraft voraus,
Nichts bereuen, nicht mehr umdrehen,
Kein Halten mehr, er brach aus,
Nimmermehr ein dumpfes Flehen

John wird 1985 in Berlin-Wilmersdorf geboren, die Mutter ist Deutsche, der Vater ein afroamerikanischer GI, der bald nach Johns Geburt auf Nimmerwiedersehen in die USA abhaut. Er kennt seinen Vater nicht, er sagt, er denke auch nicht an ihn, „weil er mir egal ist“. Aber die Mutter allein, mit mehreren Geschwistern, schafft es nicht, wie John heute entschuldigend sagt, ihm ein „behütetes Zuhause“ zu geben.

Mit 13 Jahren kommt er erstmals ins Heim, er empfindet die Trennung von der „nervigen“ Mutter als „Befreiung“. Und er beginnt zu trinken. Bier, Schnaps, bald sind es drei Liter Bier am Tag, wie er Kirsten Heisig im Maßregelvollzug erzählt. Mit 15 Jahren kommen Drogen dazu, Speed, Ecstasy, Cannabis und Heroin, das John raucht, nicht spritzt.

Denn einst zeigte mir die Dunkelheit
Den Pfad der Gewalt,
Den ich mit Neugier und Tatendrang beschritt,
Stand stets mittendrin und wartete nicht im Hinterhalt,
Kämpfte und überlebte inmitten
meiner Feinde mit Geschick

Ein paar Jahre später lebt er auf der Straße. Seine zweite Familie wird eine Gruppe Punks, zu der er bis heute Kontakt hält. Seine zweite Heimat, wie er sagt, wird der Alexanderplatz, ein Ort, an den es ihn immer wieder zurückzieht. Warum, kann er nicht genau sagen. Die Betonfläche ist ein großer Abenteuerspielplatz für ihn – und ein Ort der ausufernden Gewalt. In ihrem Buch schreibt Kirsten Heisig über diese Zeit in Johns Leben: „Der Staat kommt in dieser Lebensphase längst nicht mehr vor. Der Jugendliche verschwindet in unserem hoch organisierten Land einfach vom Schirm.“

Kirsten Heisig
Die verstorbene Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig erhält den "Bul le mérite".Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: dapd
03.07.2010 17:43Die verstorbene Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig erhält den "Bul le mérite".

Erst sind es kleine Prügeleien, Diebstahl, Schwarzfahren. Aber dann, ab 2004, fängt John immer öfter an zu schlagen, wenn er betrunken ist. Seine Punkergruppe bettelt vor einem Fast-Food-Restaurant am Alex, ein Mann ruft: „Geht arbeiten!“ John schlägt ihm ins Gesicht, tritt ihm mit den Springerstiefeln in die Rippen. Er hat 2,45 Promille im Blut, wie die Polizei feststellt.

Einige Zeit später prügelt er einen Mann, der sich über die frei laufenden Hunde der Punks beschwert, krankenhausreif. Und so geht es weiter, bis er in Untersuchungshaft kommt. Dann, im Sommer 2005, begegnet er in einem Gerichtssaal in Berlin-Moabit erstmals der Jugendrichterin Kirsten Heisig.

Er erinnert sich: „Sie war freundlich, sie hat mich viel gefragt. Und sie musste lachen, weil das Opfer die Geschichte viel weniger dramatisch darstellte als dessen Freundin, die vor ihm aussagte.“

Aber wirklich beachtet hat er die Richterin Heisig nicht damals, ihm blieb nur die schwammige Erinnerung, dass sie „anders“ war. Denn davor, erinnert sich John, habe er „Richter immer nur als Strafenverkünder“ erlebt. Doch was da verkündet wurde, interessierte John nicht, weil der Richter sich nicht für ihn interessierte, nicht für seine Lage, seine Sucht, nur für die aktuelle Tat. Meist haben sie ihm Arbeitsstunden aufgebrummt. Er hat gedacht: Na und! Und das war es dann, er fiel noch unter das Jugendstrafrecht.

"Sie war hart und freundlich zugleich"

Er sagt: „Bei Kirsten Heisig war es irgendwie anders. Sie hat anders gefragt, auch mehr. Sie war hart und freundlich zugleich.“

In ihrem Buch schreibt Heisig über John: „Irgendwie rührt er mich.“ An anderer Stelle, als es um die ersten Erziehungsmaßnahmen geht, die sie anordnet, folgt wieder ein Satz, der das große Herz erkennen lässt, das die strenge Kirsten Heisig für schwierige Jugendliche hatte: „Irgendwie hoffe ich, dass es klappt.“

Wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln
Ziehen wir schmerzgeplagt von Ort zu Ort,
Tasten uns vor, lassen uns betrügen,
Der raue Asphalt kratzt und beißt in einem fort

Aber der Satz macht noch etwas anderes deutlich: dass es keine klare Linie gab im Umgang mit John – nur die Hoffnung auf eine Besserung. Aber sie stellte sich nicht ein, nicht wirklich, schon gar nicht nachhaltig.

Kirsten Heisig verurteilt John zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und drei Monaten, aber nicht auf Bewährung, sondern auf sogenannte Vorbewährung. Er muss eine Entziehungskur beginnen, und erst dann, nach Ablauf von sechs weiteren Monaten, soll über seine Bewährung entschieden werden. Noch im Gerichtssaal spricht Heisig wie eine strenge Mutter zu ihm: „Wenn du weiter so machst, landest du entweder im Knast oder bist tot. Willst du das?“

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