Nato-Blindgänger in Afghanistan : Erbschaft eines Kriegs

Noch immer sterben hier Menschen, hauptsächlich Kinder. Sie treten auf Blindgänger. Obwohl sich die Nato zur Räumung von Munition verpflichtet hatte, drückt sie sich vor der Verantwortung – auch Deutschland.

von und Ronja von Wurmb-Seibel
Einheimische Kommandos versuchen zu räumen, die Nato hilft ihnen dabei zu zaghaft.
Einheimische Kommandos versuchen zu räumen, die Nato hilft ihnen dabei zu zaghaft.Fotos: ARD Panorma/Niklas Schenck

Für Mohammed Sediq beginnt diese Geschichte im Herbst 1989 auf einem Minenfeld nahe der Stadt Ghazni. Die sowjetischen Besatzer sind wenige Monate zuvor aus Afghanistan abgezogen. Mit ihren Raketen hatten sie Sediqs Bruder getötet und Sediq mit der restlichen Familie zur Flucht über die Grenze nach Pakistan gezwungen. Dort hat ihm ein Team der UN beigebracht, wie man Minen und Blindgänger räumt. Nun kehrt Sediq in seine Heimat zurück, um den Kriegsschrott der Sowjets zu räumen – mehr als 20 Millionen Minen und Blindgänger.

Er arbeitet ohne Schutzausrüstung, nur mit einen einfachen Metalldetektor und einem Stab, mit dem er Zentimeter für Zentimeter die Erde durchstochert. Bis er das Kratzen hört. Das Kratzen, das zeigt, dass der Stab eine Mine getroffen hat. An diesem Tag hört Sediq das Kratzen nicht, er hört nur den Knall.

Das Nächste, woran er sich erinnert, ist sein blutender Kollege, blind von der Explosion, beide Hände abgerissen, der Oberschenkel zerfetzt. Sediq versucht, die Blutungen zu stoppen, irgendwann greift der Kollege nach seinem Arm. „Ich werde es nicht schaffen, ich werde sterben“, sagt er, „aber versprich mir, dass ihr nicht aufhört, bevor die letzte Mine, der letzte Blindgänger, in Afghanistan geräumt ist.“ Sediq nickt nur und ahnt, dass er diesen Moment nie vergessen wird.

Fast jeden Monat wird ein Arbeiter verkrüppelt oder getötet

Er räumt weiter Minen. Fast jeden Monat wird ein Kollege von einer Mine verkrüppelt oder getötet. Auf die Sowjets folgt der Bürgerkrieg, auf den Bürgerkrieg die Taliban, auf die Taliban die Nato. Inzwischen leitet er die Kampfmittelräumung im ganzen Land. Jeden Tag sind tausende Männer im Einsatz.16,5 Millionen Blindgänger und eine Millionen Minen haben sie inzwischen entschärft oder gesprengt – aus früheren Kriegen.

2013 waren nur noch 520 Quadratkilometer Land verseucht. Bald würde Sediq das Versprechen an seinen toten Kollegen einlösen. Nach 25 Jahren.

Hätten Sediq und seine Leute Karten gehabt von Minenfeldern, Luftangriffen und Kampfschauplätzen, Afghanistan wäre schnell befreit gewesen von dem tödlichen Schrott. Fünf Jahre, schätzt Sediq, hätten sie gebraucht. Aber die Informationen waren beim Abzug verloren gegangen. Sediq erkannte ein Minenfeld immer erst, wenn jemand starb.

Für die Bundesregierung beginnt diese Geschichte mit einer Unterschrift. Genf, November 2003. Deutschland und 83 andere Staaten verpflichten sich in einem internationalen Abkommen (CCW, Protokoll V) dazu, die Risiken und Auswirkungen explosiver Kriegsreste zu verringern. Sie sollen die Bevölkerung vor den Gefahren von Blindgängern warnen. Sie sollen aufzeichnen, wo gekämpft wurde und wo trainiert. Und sie sollen diese Informationen den „Parteien vor Ort“ zugänglich machen. Sie verpflichten sich, „unmittelbar nach dem Ende aktiver Feindseligkeiten“ Blindgänger zu suchen und zu räumen. Während der Verhandlungen sagte ein Vertreter der UN, künftig werde es nicht mehr möglich sein, „zu schießen und zu vergessen“. Das Abkommen sollte die Lösung sein für das tödliche Erbe, das jeder Krieg hinterlässt.

Vergangene Woche hat die Bundesregierung auf eine Anfrage der Abgeordneten Heike Hänsel (Die Linke) geantwortet, in Afghanistan greife das CCW-Abkommen nicht – ohne einen Grund zu nennen. Manche Vertreter der Nato behaupten, es gebe keine juristische Verpflichtung, weil Afghanistan das CCW-Abkommen nicht ratifiziert hat. Georgette Gagnon, die Chefin der UN-Menschenrechtsabteilung in Afghanistan, widerspricht: „Das Protokoll wurde abgeschlossen, um die Zivilbevölkerung zu schützen, und so sollte man es auch auslegen. Unterzeichner sollten nicht nach Schlupflöchern suchen.“

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben