Sahra Wagenknecht gegen die AfD : Bei allem, was rechts ist

Sie wurde gemieden und angefeindet. Sahra Wagenknecht hat mit Kritik an der Flüchtlingspolitik auch die eigene Partei gegen sich aufgebracht. Doch vor der Wahl in Berlin brauchen die Genossen sie mehr denn je.

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Markig. Viele wählen die Linkspartei inzwischen nur wegen Sahra Wagenknecht.
Markig. Viele wählen die Linkspartei inzwischen nur wegen Sahra Wagenknecht.Foto: dpa/picture alliance/Kay Nietfeld

Der mächtige Schatten der Plattenbauten fällt auf die Tramhaltestelle am Linden-Center. Dort sitzen an diesem Nachmittag zwei Männer. Schwarzhaarig, Silberkettchen, Sonnenblumenkerne kauend. Die Schalen spuken die Männer auf den Boden. Ab und zu macht einer der beiden eine Bemerkung, dann lassen sie den Blick schweifen. „Genau das mein’ ich“, sagt Maria und schiebt die Sonnenbrille hoch. „Die halten sich für die Größten. Und keiner traut sich was zu sagen.“

Die beiden Männer sprechen, das ist zu hören, Arabisch. In Hohenschönhausen, ganz im Berliner Nordosten, war sowas selten. Dann kam die Flüchtlingskrise. Und im einkommensschwachen Lichtenberg, wozu Hohenschönhausen gehört, wurden fast 6000 Asylbewerber untergebracht. Doppelt so viele wie im beschaulichen Steglitz-Zehlendorf.

Für Politik interessiert sich Maria – 19 Jahre, dunkelblonde Mähne, Sommersprossen – wie viele in ihrem Alter: oberflächlich, punktuell, verunsichert, aber noch ergebnisoffen. Ja, sie werde am 18. September wählen gehen, sagt sie: „AfD... na ja, zu 90 Prozent.“

Auf dem Weg zum Linden-Center, ein Kasten mit Burger King, H&M und Sparkasse, bleibt Maria stehen. Die Linke hat dort eine Bühne aufgebaut, fast 200 Zuhörer sitzen oder stehen davor. Auf dem Podium kündigt Evrim Sommer, die örtliche Bürgermeisterkandidatin der Partei, gerade die nächste Rednerin an.

Maria muss den Namen erstmal googeln: Sahra Wagenknecht?

Als Wagenknecht von einem Genossen dann das Zeichen bekommt, wirken ihre Personenschützer ein bisschen nervös – nach all dem Hass, der der Politikerin in den vergangenen Monaten entgegen schlug. Wagenknecht steigt die Treppe hoch auf die Bühne, einige im Publikum applaudieren schon. Ihr Auftritt wurde überall in Lichtenberg angekündigt – an den Laternen hängen Wagenknecht-Plakate.

Dabei wird um niemanden in der Linken so gestritten wie um Wagenknecht, 47 Jahre, Volkswirtin, Hegel- und Goethe-Kennerin, Fraktionschefin im Bundestag, einst Kopf der parteiinternen Altkommunisten und immer noch Bezugspunkt für Mitglieder und Wähler, die nicht wollen, dass die Linke den Weg der Grünen einschlägt. Wagenknecht ist gewissermaßen die CSU ihrer Partei: näher an den Sorgen der Basis dran, aber eben auch ein bisschen barocker im Stil.

Volle Platte. Früher war der Ostteil der Stadt das Linken-Kerngebiet.
Volle Platte. Früher war der Ostteil der Stadt das Linken-Kerngebiet.Thilo Rückeis

Es ist Wagenknechts erster Auftritt im Berliner Wahlkampf, hier am Linden-Center, fast am Stadtrand. Ein paar Bauarbeiter bleiben stehen, Freizeitvolleyballerinnen auf dem Weg vom Training halten an, eine Familie mit Kinderwagen auch.

Nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt steht in Berlin am 18. September auch der nächste Test für die Bundestagswahl an. Auf der Bühne legt Wagenknecht deshalb sofort los: Sie wolle gar nicht ewig auf die Lage in den Kiezen eingehen, da wüssten die Genossen vor Ort sowieso besser Bescheid. Sie erkläre lieber, was generell alles schief laufe. Die CDU, klar, regiert ja schon ewig, verantworte die soziale Kälte, die herrsche. Die SPD, ruft sie dem Publikum zu, sei bei allen unsozialen Maßnahmen der letzten Jahre dabei gewesen. Wähle man die Grünen, gebe es allenfalls „mehr Bio-Läden in Prenzlauer Berg“.

Leider aber, sagt Wagenknecht, müsse man wohl länger über die AfD reden. „Gucken sie sich deren Programm an“, ruft Wagenknecht. „Nicht eine soziale Forderung, kein höherer Mindestlohn, keine Millionärssteuer.“ Die Partei sei eben keine Alternative. Beifall!

Holt die Linke nun ihre Hochburg zurück?


Die meisten, die klatschen, haben schlohweißes Haar. Und das ist eines der Hauptprobleme der Partei: Die traditionelle Basis, in der DDR sozialisierte Rentner, stirbt aus. Noch 2001 wäre Wagenknechts Auftritt in Lichtenberg kaum nötig gewesen. Die Linke, damals noch PDS genannt, bekam in Berlin fast 23 Prozent der Stimmen, in Lichtenberg 53 Prozent. Dann regierte sie die Stadt zusammen mit der SPD, 2011 lag die Linke nur noch bei 11,7 Prozent. Inzwischen sehen die Umfragen besser aus. Doch die Genossen fürchten, die AfD könnte mit ihren Anti-Establishment-Parolen bei Wählern punkten, die sonst die Linke wählen würden. Schon bei der Wahl in Brandenburg 2014 verlor keine andere Partei so viele Stimmen an die Rechtspopulisten, und vor einer Woche sollen in Mecklenburg-Vorpommern 18 000 Wähler zur AfD gewandert sein.

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Merkel ruft etablierte Parteien zu Geschlossenheit gegen AfD auf
Merkel ruft etablierte Parteien zu Geschlossenheit gegen AfD auf

Wagenknecht hatte schon nach der Kölner Silvesternacht vor den sich durch die Flüchtlingskrise verschärfenden Problemen gewarnt. Vor drohender Armutskonkurrenz und fehlender Sicherheit. Dafür wurde sie angefeindet. Auf dem Linken-Parteitag in Magdeburg schleuderte ihr ein Mann eine Torte ins Gesicht, namhafte Funktionäre forderten ihren Rücktritt, vom Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern luden die Genossen sie aus. Genützt hat das den innerparteilichen Gegnern nicht, die Linke schnitt im Norden schlechter ab denn je.

Mehr als 1000 E-Mails an Wagenknecht - meist positive

Trotzdem haben auch in Berlin einige Linke gesagt, es lohne sich nicht, um all diejenigen zu kämpfen, die AfD wählen wollen. Man konnte fast den Eindruck haben, die einstigen Kritiker der bestehenden Verhältnisse wollten nur noch in Ruhe mit der SPD koalieren – und nicht von den Verlierern aus den Plattenbauten behelligt werden.

Die Linken-Zentrale am Rosa-Luxemburg-Platz, zwischen Theater und Traditionskino, Bioläden und Barista-Cafés liegt nur neun Kilometer weiter im Zentrum. Doch vom Linden-Center aus wirkt es an manchen Tage so, als läge sie in einer anderen Stadt.
Bei Wagenknecht kamen seit ihren Statements zur Flüchtlingskrise mehr als 1000 E-Mails an. Bekannt ist, dass viele sinngemäß mitteilten, dass sie bislang die Linke wählten, aber es nicht mehr tun werden – gerade weil Sahra Wagenknecht in der Partei so geschmäht werde.

Die Linken in Lichtenberg wollten es schlauer anstellen als die Genossen an der Ostsee. Dem Bild von den liberalen Eliten auf der einen und den belächelten, von Populisten verführten Wählern auf der anderen Seite, wollte Evrim Sommer etwas entgegensetzen. Wenn ihr das gelingt, könnte sie das Lichtenberger Rathaus von der SPD zurückgewinnen. „Sahra Wagenknecht spricht diejenigen an“, sagt Sommer, „die sich von der ganz großen Koalition aus CDU, SPD und Grünen nicht vertreten sehen.“
Über Flüchtlinge spricht Wagenknecht an diesem Abend nur kurz. Sie möchte lieber zeigen, dass die AfD eben keine Kritik an Eliten, sondern „ein neoliberales Programm wie bei den anderen“ habe. „Es ist der gleiche Brei“, sagt sie, nur brutaler, weil die AfD mehr Überwachung wolle und eine Spaltung forciere.

Sind die 13, vielleicht 15 Prozent, die Umfragen zufolge die Berliner AfD wählen wollen, schon verloren, alles Rassisten – wie einige in der Linken meinen?

„Diese Leute einfach abzuschreiben, ist falsch“, sagt Wagenknecht. „Und jeden AfD-Wähler als Rechten oder gar Rassisten zu bezeichnen auch. Das würde auch den Begriff völlig seines Inhalts entleeren.“ Die Debatte sei ohnehin Unsinn, denn auch viele Deutsche türkischer, kurdischer, jugoslawischer Herkunft machten sich Sorgen. Selbst in Lichtenberg, das nach der Wende wegen zahlreicher Neonazis verschrien war, hat inzwischen bald jeder fünfte Anwohner vietnamesische, polnische oder russische Eltern. Auch Maria sagt, ihre Mutter sei nach der Wende aus der Slowakei gekommen.

Hochhäuser in Hohenschönhausen. Dort hilft Wagenknecht den Genossen beim Wahlkampf.
Hochhäuser in Hohenschönhausen. Dort hilft Wagenknecht den Genossen beim Wahlkampf.Thilo Rückeis

Um offen für Enttäuschte zu sein, wie es die Linke ja eigentlich immer wollte, hat sich Wagenknecht vom Polit-Establishment abzugrenzen versucht. Nach der Niederlage in Mecklenburg-Vorpommern sagte sie, dass die Linke offenbar auch zum „unsozialen Parteienkartell“ gezählt werde. Das müsse dringend anders werden. Und viele würden die AfD „aus Notwehr“ wählen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Maria steht immer noch vor der Bühne. Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise hat sie keine klaren politischen Vorstellungen, sondern allenfalls eine zugespitzte Meinung über arabische Männer. Sie sagt – wenn auch mit anderen Worten –, die seien distanzlos, aufdringlich, aggressiv. „Abends ist es besonders schlimm.“ Einmal habe sie einer in der S-Bahn angefasst, einmal sei sie „Schlampe“ gerufen worden. Wenn Maria für die Linke gewonnen werden kann, dann wohl allenfalls durch Wagenknecht, die nach dem islamistischen Anschlag in Ansbach forderte: „Der Staat muss jetzt alles dafür tun, dass sich die Menschen in unserem Land wieder sicher fühlen können.“

In die Berliner Debatten mischt sich Wagenknecht nicht ein


Am Mittwochmittag sitzt Wagenknecht, schwarzes Kleid, schwarze Schuhe, in ihrem Bundestagsbüro. In ein paar Stunden wird sie samt Personenschützern, die sie nicht erst seit dem Tortenwurf auf dem Magdeburger Parteitag braucht, nach Hohenschönhausen fahren. Wagenknecht sagt schon mal: „Es geht nicht nur um Forderungen, es geht auch darum auszustrahlen, dass wir eine andere Politik wollen.“ Und: „Es gibt eine Arroganz derjenigen, die ihre Kinder auf bestens ausgestattete Schulen schicken, denen gegenüber, die in Einwanderervierteln wohnen und befürchten, dass das Niveau in den Klassen weiter sinkt, weil ein Großteil der Kinder erst einmal Deutsch lernen muss.“

In die Debatten der Berliner Genossen, da ist sie vorsichtig, möchte Wagenknecht sich nicht öffentlich einmischen. Nur so viel: Einen Regierungswahlkampf zu führen, sagt sie vor ihrem Auftritt, halte sie für falsch. Das sei nur in Thüringen, als klar war, Bodo Ramelow könnte Ministerpräsident werden, sinnvoll gewesen. „Nach einer Wahl unter klaren Bedingungen mitzuregieren, sollten wir aber nicht ausschließen.“ In Berlin kämen als Koalitionskonditionen eine wirksamere Mietpreisbremse, öffentlicher Wohnungsbau und die Rekommunalisierung der einstigen Landeseinrichtungen infrage. Auf der Bühne redet Wagenknecht dann aber von Freihandelsabkommen, der Macht der Konzerne, davon, dass die angeblich florierende Wirtschaft eben nicht überall zu spüren sei.

Der Auftritt von Wagenknecht hat Maria nicht plötzlich umgestimmt. Aber sie sagt: „Ich kenn’ die eigentlich auch nich’, die von der AfD. Aber ich glaub’, dass die wollen, dass die Straßen sicher sind. Und, dass man sich eben anstrengen muss, nicht nur rumhängen, sondern ’ne Ausbildung machen.“

Maria muss jetzt wieder heim. Ob es bei der Stimme für die AfD bleibt? Wenn sie Wagenknecht so höre, dann denke sie, dass die AfD vielleicht „auch nur wie die anderen Parteien ist...“ Mehr kann sich die Linke erstmal nicht wünschen.

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