Der Leben nach der Sekte

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Sekte „Zwölf Stämme“ - ein Aussteiger erzählt : „Ich hatte keine Kindheit. Ich habe geschuftet“
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In Klosterzimmern lebt die Glaubensgemeinschaft der "Zwölf Stämme".
In Klosterzimmern lebt die Glaubensgemeinschaft der "Zwölf Stämme".Foto: dpa

Etwa 15 größere Häuser stehen hier, hinzu kommen Schuppen, Wirtschaftsräume, Treibhäuser, jede Menge Ackerland. Die Sekte beruft sich auf das in der Bibel beschriebene „Zwölfstämmevolk Israel“. Sie würden leben, sagen sie, „wie die ersten Jünger der Urkirche, die ihre Karriere und ihren Besitz hinter sich ließen“. Im alttestamentarischen Buch der Sprüche heißt es: „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“ 80 bis 100 Menschen leben in Klosterzimmern. Zwei Männer kommen jetzt hinzu. „Sie dürfen nicht rein“, sagen sie, „wir reden nicht mit der Presse, ihr schreibt doch nur Lügen.“

Nicht nur die Presse, auch die staatlichen Schulen lehnt die Sekte ab. Weil dort Sexualkunde unterrichtet wird und die Evolutionstheorie. Seit 1979 versucht die Sekte, die Kinder selbst zu unterrichten. Sieben Jahre lang hatte der Freistaat Bayern eine Genehmigung für privaten Unterricht erteilt. Christian Reip hat eine Bescheinigung, dass er die Schulpflicht erfüllt hat – und fragt sich immer wieder, was er davon hat. Es bedeutet, dass er keinerlei Abschluss hat, nicht einmal die Hauptschule. Ihm ist auch nicht bekannt, dass irgendeines der Kinder einen Schulabschluss gemacht hat. In ihren Schulbüchern, erinnert sich Reip, waren viele Bilder überklebt gewesen. „Mit dem Lesen und Schreiben tue ich mich schwer“, sagt Reip heute.

Die einzige ausgebildete Lehrkraft sei für einige Zeit ein Gymnasiallehrer gewesen. Ansonsten wurde der Unterricht von Hebammen und Erzieherinnen gehalten. Wie oft in der Woche wurden Kinder geschlagen? Christian Reip lacht: „In der Woche? Jedes Kind praktisch täglich.“ Auf die offenen Hände oder den nackten Po. Eine der Unterrichtenden umwickelte ihre Ruten mit Tesafilm. „Damit sie mehr wehtun und länger halten.“

Jeden Tag gab es religiöse Zusammenkünfte und „teachings“

Als er in der Sekte war, trug Christian den Vornamen Zakar. Solche altertümliche Namen aus der hebräischen Tradition sind üblich bei den „Zwölf Stämmen“. Der Bruch mit der Gruppe begann, als Reip sich mit 13 Jahren weigerte, das aus dem Judentum übernommene Fest der religiösen Mündigkeit, die Bar Mizwa, zu feiern. Er rebellierte. „Ich habe denen gezeigt, dass ich damit nichts am Hut habe.“ Die Familie wurde deshalb monatelang „abgeschnitten“, wie es sektenintern heißt: ausgeschlossen, geächtet. Der Kleinkrieg ging weiter: Reip musste sich lange Haare und den Bart wachsen lassen. „Wer keinen Bart hat, wird als schwul angesehen“, erzählt er. Mit der Nagelschere schnitt er sich immer wieder notdürftig den Bart ab. Auch seine ein Jahr jüngere Schwester Amitsa lehnte sich auf. „Wir hatten beide die Schnauze voll.“

Von den Schlägen, von der Kontrolle, von der Heuchelei. In der Sekte, der Gemeinschaft unter Gleichen, gebe es in Wirklichkeit ein „Zwei-Klassen-System“. Da seien die ganz Radikalen, die als Privilegien Zugang zu Geld, Handys, Computern oder Autos hätten. Und da sei die „zweite Klasse“, denen dies alles verwehrt würde. Kinderbücher oder Comics, Süßigkeiten, Videos? Reip schüttelt nur den Kopf. All das gab es für ihn nicht.

Was blieb, waren kleine Fluchten. Mit Genehmigung der Gemeinschaft durfte die Familie gelegentlich ins 40 Kilometer entfernte Aalen. Dort lebten die Großeltern, von denen die Kinder ein bisschen Geld zugesteckt bekamen. In einem Buchladen kauften sie davon etwa zwei „Was-ist-was?“-Kinderwissensbücher, die sie verschlangen. Doch irgendwann waren die Bücher aus ihrem Zimmer verschwunden.

Immer wieder redeten die Kinder mit den Eltern über einen Ausstieg, doch der Druck der Sekte war zu groß. Die beiden Jugendlichen, die immer mehr Ahnung von der wirklichen Welt bekamen, empfanden das Regime als zunehmend rigide. Jeden Tag gab es religiöse Zusammenkünfte und „teachings“. Es galt die Pflicht, mindestens bei jedem dritten Treffen etwas zu sagen. Christian Reip aber wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Die Mutter stand zu den Kindern, auch sie wollte gehen. Der Vater war hin- und hergerissen, er hatte Angst vor der Zukunft draußen in der Welt.

Zwei Wochen nachdem seine ältere Schwester zusammen mit ihrem Mann die „Zwölf Stämme“ verlassen hatte, ging auch Reip. An einem Freitagabend schnitt er sich die Haare komplett ab. Am Samstagmorgen ging er so zu den Anführern: „Schluss, wir wollen jetzt gehen. Lasst meine Eltern in Ruhe, wir wollen weg.“

Die Anführer ließen sie ziehen, Freunde brachten sie für einige Wochen in einer Wohnung in der Nähe von Heilbronn unter. „Als Erstes haben wir einen CD-Spieler gekauft und Musik von den Scorpions. Das lief dann ohne Ende.“ Später schaffte es die Familie, eine Wohnung in der Nähe von Wörnitz zu mieten.

Er ist einsam, kennt niemanden. Er fühlt sich wie aus der Welt gefallen

Für die Augsburgerin Barbara Kohout, die Sektenaussteigern Hilfe anbietet, sind die „Zwölf Stämme“ eine typische „Religionsdiktatur“. Gerade die körperlichen Züchtigungen würden lebenslange Verletzungen hinterlassen. Christian Reip, der jetzt eine Ausbildung zum Lkw-Fahrer macht, sagt: „Wenn es in der Firma wegen einer Kleinigkeit ein bisschen Ärger gibt, zieht mich das tagelang runter. Ich habe dann eine riesige Angst, schlimm bestraft zu werden.“ Steht in der Berufsschule ein Lehrer einfach nur hinter ihm, „läuft es mir kalt den Rücken herunter“.

Auch sonst findet Reip nur schwer in den Alltag. Nach dem Ausstieg wusste er nicht, wie er sich kleiden sollte. Was ziehen Leute seines Alters an? „In der Sekte hatten wir nur alte Second-Hand-Kleidung bekommen“, sagt er. In Modegeschäften lässt er sich deshalb immer wieder beraten. Er hätte gerne Kontakt zu jungen Leuten seines Alters. „Doch wie soll ich das anstellen?“, fragt er. „Ich kenne niemanden.“ Er fühlt sich, als wäre er aus der Welt gefallen.

„Das Verhältnis zu seinen Eltern ist bis heute recht schlecht“, sagt Reip. Weil da immer der unausgesprochene Vorwurf steht, dass er nicht beschützt worden ist. Dass sein Leben durch die Sekte ruiniert wurde. Die Eltern wissen das auch. Eine Aussprache hat es trotzdem nie gegeben.

Wie es mit der Sekte weitergeht, weiß auch Reip nicht. Seitdem das Jugendamt die Kinder aus der Sekte geholt hat, herrscht dort Aufregung. Es gab Demonstrationen, manche sagen, die Trennung von den Eltern sei für die Kinder schlimmer als die Qualen, die sie in der Sekte ertragen mussten. 26 der ursprünglich 40 Kinder sind weiter fort, sie besuchen öffentliche Schulen. Fünf Familien haben sich Ende April mit ihren Kindern von Klosterzimmern nach Österreich abgemeldet. Sie halten sich in Tirol in einem kleinen Dorf bei Reutte auf, heißt es. Von dort aus sind es nur 15 Kilometer bis zur deutschen Grenze. Ein Ehepaar, dem vier Kinder genommen wurden, hat die Sekte jüngst verlassen. Dadurch hofft es, die Kinder wiederzubekommen. Zerfallserscheinungen?

Das Sektenmitglied Klaus T. wird als inoffizieller Anführer angesehen. Er soll sich derzeit zu Schulungen in den USA aufhalten, wo die Sekte Anfang der 1970er Jahre in der Tradition der „Jesus People“ gegründet wurde und heute ihre Zentrale und die meisten Mitglieder hat. Es wird vermutet, dass T. nach seiner Rückkehr die Europa-Leitung der „Zwölf Stämme“ übernehmen soll. Vielleicht spielen die „Zwölf Stämme“ dann einfach auf Zeit. Im Jahre 2026, so eine der vielen Annahmen der „Zwölf Stämme“, geht die Welt sowieso unter.

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