Tiere und Autobahnen : Mut zur Brücke

Sinnvolle Investition oder Verschwendung? In Brandenburg wurden millionenteure Bauten errichtet, damit Tiere Autobahnen heil überwinden können. Vor den Menschen werden die Standorte geheim gehalten. Aus gutem Grund.

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Als im Juni 2014 erstmals eine Elchkuh auf der Grünbrücke an der A 13 beobachtet wird, ist das wie ein Ritterschlag für den Bau.
Als im Juni 2014 erstmals eine Elchkuh auf der Grünbrücke an der A 13 beobachtet wird, ist das wie ein Ritterschlag für den Bau.imago/istock

Die Sommersonne ist kurz davor, den Zenit zu erreichen, als die Goldammer ihr Lied anstimmt. „Ti-ti-ti-ti”, „Tüh“. Minutenlang. Vielleicht ist dies ein Lob auf den „Pakt für Beschäftigung und Stabilität in Deutschland zur Sicherung der Arbeitsplätze, Stärkung der Wachstumskräfte und Modernisierung des Landes“. Dem Pakt verdankt der kleine Singvogel schließlich seinen Aussichtsplatz.

Irgendwo im südöstlichen Brandenburg, auf einer sogenannten Irritationsschutzwand, sitzt er. Tief unter ihm jagen Maschinen über die breite Piste der A 13 – Autos, Lastkraftwagen, gelegentlich Motorräder. Sie brüllen, jaulen, kreischen. Meist tonnenschweres Material, so kräftig, dass ihre Leistung von jeher in Pferdestärken angegeben wird. Die Goldammer mit ihrer knallgelben Brust singt und singt, ein Tier von maximal 30 Gramm. Bliebe sie den ganzen Tag und die ganze Nacht dort oben sitzen, könnte sie an die 50 000 dieser Maschinen zählen. Die Goldammer ist lauter. Sie übertönt den Lärm.

Ist natürlich Unfug, das mit dem Loblied auf den Pakt. Das Tier singt gegen die „genetische Depression“ an, es will sich Artgenossen mitteilen. So sagt das Andreas Sachse, Förster bei der Landeswaldoberförsterei in Hammer, Brandenburg, Landkreis Dahme-Spreewald. Er steht zwischen Büschen, ungefähr zehn Meter von der Goldammer entfernt. Er staunt ein bisschen. Die Irritationsschutzwand ist Teil einer Autobahnbrücke, die ausschließlich für Tiere gemacht ist. Dass sich auch Vögel hier einfinden, war bei der Planung nicht beabsichtigt. Denn die, wollen sie die Autobahn queren, können ja drüberfliegen.

Sachse ist gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Er tut dies nicht oft, denn Menschen sind hier ausdrücklich unerwünscht. „Wenn die über die Brücke laufen, steht deren Witterung da 24 Stunden“, sagt er. Und Tiere sind scheu. „Das Rotwild, das Damwild, das riecht das“, sagt Sachse. Es bleibt dann weg.

Deshalb gibt es an dieser Stelle auch keine Koordinaten und keine Anfahrtsbeschreibung zur Brücke, genauso wenig wie zu den beiden anderen, die in Brandenburg mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II gebaut wurden, einem im Jahr 2009 von der Bundesregierung beschlossenen Geldregen zur Wirtschaftskrisenmilderung. Wer von Berlin aus über die A9 nach München fährt, über die A12 nach Frankfurt an der Oder oder nach Dresden über die A13, sieht sie ohnehin durch die Windschutzscheibe.

Seit drei Jahren sind die Brücken fertig

50 Meter breite, die Autobahnen überspannende Bauwerke sind es, an den Seiten versehen mit jenen zwei Meter hohen Irritationsschutzwänden, auf dass die Tiere so wenig wie möglich vom Verkehr dort unten mitbekommen. Wo die Brücken links und rechts der Straße den Boden berühren, werden sie breiter, wie ein Trichter. Oben wurde Erde ausgebracht, Bäume und Sträucher wurden gepflanzt, Gras und Kräuter gesät. In diesem Sommer, ungefähr drei Jahre nachdem die Brücken fertig wurden, wirkt das Ganze wie eine gepflegte städtische Grünanlage. Das wird nicht lange so bleiben. Erste Kiefernsämlinge kommen auf, es sind Verwandte der Bäume am Autobahnrand. Ein paar Robinien – „Spontanvegetation“ – sind auch schon da.

Die Ablehnung besuchswilliger Menschen erklärt womöglich auch Sachses Zurückhaltung, wenn es um die Frage geht, was denn eigentlich auf diesen Brücken so passiert.

Passieren tut nämlich eine Menge, und das Wissen darüber könnte wiederum Leute anlocken. Im Moment zum Beispiel, die Goldammer ist weggeflogen, sind zwei Ringeltauben gelandet. Sie wackeln vom Brückenscheitel herunter, Körner suchend, Richtung Waldrand.

Spuren im Sand

Irre, Tauben. Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, einen Witz über zu Fuß laufende Allerweltsvögel zu machen, für die der Bund in Brandenburg drei Brücken bezahlt hat, 21 Millionen Euro standen zur Verfügung. Wenn Sachse nicht gerade jetzt ein paar Schritte abseits machte, still und den Blick auf den Boden gerichtet, der zwischen Brückenfuß und angrenzendem Waldrand nur aus Sand besteht.

Sachse schaut. Er schweigt ausdauernd, und dann zeigt er auf etwas. Vergangene Nacht hat es geregnet, die Fährte muss also frisch sein. Tatzen. Ein Wolf!? „Vielleicht“, sagt Sachse, „oder ein großer Hund.“ Es fehlen aber Menschenspuren, die Fußabdrücke von Herrchen oder Frauchen. Zudem ist die Tierfährte einigermaßen wolfstypisch. Hunde laufen breitbeiniger.

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