Wahl im Land der WM 2014 : Krieg zwischen zwei Brasilien - Reich gegen Arm

Weiß gegen Schwarz. Süden gegen Norden. Der Kandidat der Wohlhabenden gegen die Präsidentin der Armen. In Brasilien liegen kurz vor der Wahl beide Seiten gleichauf. Nun kämpfen sie um die neue junge Mittelschicht. Doch die träumt von ganz anderem.

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Oppositionskandidat Aecio Neves kämpft in Brasilien um das Präsidentenamt
Endspurt. Oppositionskandidat Aecio Neves verspricht vor allem eins: weniger Staat. An diesem Sonntag müssen die Brasilianer...Foto: Paulo Fonseca/dpa

Als Helaine Alves nach halbstündiger Fahrt aus dem Bus steigt, stehen fünf Soldaten vor ihr. Die Augen hinter Sonnenbrillen verborgen, die Zeigefinger an den Abzügen ihrer Gewehre, neben ihnen dröhnt ein Panzer. Die Männer mustern Alves, lassen sie vorbei, lehnen sich gelangweilt zurück. Alves scheint die Soldaten kaum wahrzunehmen, passiert sie federnden Schrittes.

Seit der Fußballweltmeisterschaft geht das schon so, es ist ein alltägliches Ritual, für beide Seiten. Kurz vor dem Anpfiff der WM im Juni wurden mehrere tausend Soldaten in die größte Favela Rio de Janeiros geschickt, den Complexo da Maré. Man wollte die Drogengangs in dem Viertel, das zwischen Zentrum und Flughafen liegt, in Schach halten. Weil nun, drei Monate nach dem Finale die Präsidentenwahlen anstehen, entschied man: Die Soldaten bleiben. Sicher ist sicher.

Wenn Helaine Alves also, so wie heute früh, zur Arbeit kommt, betritt sie militärisch besetztes Gebiet. Sie läuft entlang unverputzter, dicht gedrängter Häuschen, vor denen sich der Müll türmt und das Abwasser ungeklärt abläuft. „In der Maré leben die Abgehängten“, sagt Alves. Sie ist Lehrerin, unterrichtet an zwei öffentlichen Schulen, lehrt auch Erwachsene, die ihren Abschluss nachholen.

Der giftigste Wahlkampf seit langem

In gewisser Weise kehrt sie damit jeden Morgen in ihre eigene Vergangenheit zurück. Es gab eine Zeit, da galt es in Brasilien als unwahrscheinlich, dass eine wie Alves einmal eine richtige Arbeit finden würde. Mit einem Vertrag und festem Gehalt. „Wahrscheinlicher war es“, sagt sie, „dass ich Putzfrau oder Straßenverkäuferin geworden wäre.“ Alves stammt wie ihre Schüler aus einer Favela, doch sie konnte der Armut entkommen, gehört heute zur neuen brasilianischen Mittelschicht, der „Classe C“.

An diesem Sonntag muss sich Alves entscheiden. Brasilien wählt einen Präsidenten. Der Wahlkampf ist der spannendste und giftigste der letzten zwölf Jahre. Von einem „Krieg zwischen zwei Brasilien“ ist die Rede: der reiche weiße industrialisierte Süden gegen den ärmeren ländlicheren Norden. Der smarte Kandidat der Oberschicht, Aécio Neves, tritt an gegen die Präsidentin der Armen, Dilma Rousseff. Alle Umfragen sagen ein Patt voraus. Rousseffs Arbeiterpartei, die Partido dos Trabalhadores (PT), regiert Brasilien seit zwölf Jahren. Die Wahl ist auch eine Abstimmung über ihr Erbe. Und das mögliche Ende ihrer Ära.

Die Opposition verspricht: weniger Staat

Oppositionskandidat Neves verspricht vor allem eins: weniger Staat und das Ende der Ära PT. Verschwitzt steht er auf einer Bühne an der Copacabana, neben ihm lächelt seine zweite Ehefrau, ein ehemaliges Fotomodel. Um ihn herum flattern blaue Fahnen, auf denen „45“ steht. Es ist die Nummer, die die Brasilianer in die Wahlmaschinen eintippen müssen, wenn sie für IHN stimmen wollen.

Neves, 54, ist Spross einer Politikdynastie. Sein Großvater, Tancredo, war 1985 zum Präsidenten ernannt worden, starb aber vor Amtsantritt. Aécio Neves selbst war Gouverneur und erwarb sich das Image eines Pragmatikers und Playboys. Affären um Nepotismus und Alkohol am Steuer hängen ihm bis heute nach. Seine Gegner zeichnen gerne das Bild eines verwöhnten Muttersöhnchens.

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